Kapitel I


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Rudolf Anders atmete tief durch, als die Superconstellation mit dem romantischen Namen "Ciel de Provence" mit erträglichem Stoß auf dem festen Boden der Landebahn aufsetzte, ausrollte und – dem rot-weiß-roten Lotsenbus folgend – zu dem für sie bestimmten Abfertigungsplatz geleitet wurde, bodenverhaftet wieder, der Erdschwere gehorchend, als wäre sie nicht zuvor wolkengleich und luftleicht vom Auftrieb getragen soeben von Berlin herangeschwebt, bei Dessau-Roßlau die Elbe querend, bei Eisleben rechts den Harz angedeutet sehen lassend und bei Eisenach mit leichtem Schwenk die Sonnenbeschienene Wartburg grüßend. Rudolf dachte dabei nicht an Luther, die Gedanken weilten bei den beiden rechtsab zu denken Städtchen Nordhausen und Sangerhausen. Hier hatte fünfundvierzig die Entlassungsfahrt aus der amerikanischen Internierung, aus Rosenheim kommend, geendet, von hier aus hatte er sich auf den Heimweg gemacht nach Berlin, mitten durch die russische Besatzungszone. Sechs Jahre war das nun her. Zur Normalisierung des Lebens in Ostberlin gehörte es, daß die zuständige Verwaltung in Mahlsdorf es beanstandete, in Schöneberg, in Westberlin also, zu arbeiten, in Ostberlin zu wohnen und ohne die allmächtigen zu fragen – angeblich – also unerlaubt den Arbeitsplatz gewechselt zu haben. Dabei war er als Feinmechaniker der Firma Klangfilm, einer Siemenstochter, nur zu Siemens selber von Schöneberg nach Siemensstadt übergewechselt, nichts ahnend, damit den östlichen Staatsapparat irritiert zu haben. Die Folge war eine scharfe Androhung des Entzuges der Lebensmittelkarten. Damit blieb dem Rudolf nur der Flug nach Westen, ermöglicht durch die englischen Freunde des Vaters, der jetzt in Wiesbaden auf ihn wartete.

Auf der Gangway stehend sah Rudolf das langgestreckte Abfertigungsgebäude, darauf die blaue Schrift: Flughafen Frankfurt am Main. Am Fuße der Gangway wartete der Dackelbus (mit den niedrigen Rädern) mit seinem Anhänger, bereit, die Fluggäste hinüber zu bringen, wo man nach kurzer Zeit sein Gepäck in Empfang nehmen konnte. Rudolf streichelte seinen kleinen blauen Schiffskoffer, Geschenk seiner Großmutter Wenzel in Ostberlin, bei der er die letzten vier Jahre gewohnt hatte, dieser schweren Kiste, für die er hatte mit seinem raren Westgeld draufzahlen müssen, weil er bei weitem das zugelassene Standardgewicht überschritt, die nun vom Schiffskoffer zum Flugkoffer geworden war. Seine Großmutter war mit diesem Koffer, stolz hatte sie es ihm erzählt, im Jahre 1938 in Madaira, diesem Atlantikparadies, zusammen mit der damals noch lebenden Ehefrau von Onkel Oskar, ihrem späteren letzten Lebensgefährten. Und dieser Koffer enthielt nun alles, was er überhaupt besaß.

Der Koffer wurde von dienstbaren Geistern, von denen die eben Angekommenen umschwirrt wurden, zu dem kleinen Zubringerbus gebracht, der

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die Fluggäste, die das wünschten, kostenlos in die große unbekannte Stadt Frankfurt brachte zum Stadtbüro der Panam. Hier konnte Rudolf umsteigen in einen kleinen VW-Bus, der – privat betrieben, doch in amtlichem Auftrag – die Strecke Frankfurt-Wiesbaden fuhr, über den Wandersmann und Erbenheim.

Der Berliner, der Brandenburger Rudolf Anders setzte am Vorplatz des beeindruckenden Hauptbahnhofsgebäudes, das er als Architekturliebhaber auf den ersten Blick tastend für einen Wallotbau hielt (womit er irrte), denn es erinnerte ihn in der Handschrift seiner Linienführung an den Reichstag in Berlin, den er als armselige Ruine in seiner Heimatstadt zurückgelassen hatte, also der Preuße Rudolf Anders setzte seinen Fuß zögernd, fast schüchtern, doch geschichtsbewußt auf den diesen nassauer Boden, der nach seinem Geschichtsgefühl römischer Boden war, der Boden des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation: Aquae Mattiacorum. Die Bahnhofsfassade im Rücken, die von Semper war, wie er alsbald erfahren sollte, dies Gebäude hinter ihm im Süden, schaute er nach Norden auf die sonnenüberflutete Stadt, in der nahen Ferne begrenzt vom bewaldeten Taunus, dazwischen die Backsteintürme der Marktkirche. Eine breite, unbebaute Schneise, landschaftsgärtnerisch schön gestaltet, die Reisinger-Anlage, dahinter anschließend die Herbert-Anlage, gab den Blick frei auf die Kernstadt. Das also ist das Bad in den Wiesen, die schon von den Römern geschätzte Thermalquelle, die Einhard, der Biograf Karls des Großen, schon 829 als Wisibada erwähnt, auch castrum genannt und curtis regia, der Fränkische Königshof. Diese schön gelegene Siedlung wurde Reichsstadt (Friedrich der Zweite), war bis 1242 Kaiserliche Stadt, civitas imperatoria, Nebenresidenz der Grafen von Nassau. Goethe war 1814/15 hier zur Kur, in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nannte der Adel Europas dieses kleine Beamtenstädtchen keck "Weltkurstadt", worauf die Wiesbadener – von den Mainzern milde belächelt – heute noch Wert legen; die Preußen machten 1866 Nassau zur preußischen Provinz, weil man hier, notgedrungen und dem Deutschen Bund gehorchend, die Österreicher unterstützt und damit Bismarck verärgert hatte. Die Stadt blühte als preußischer Regierungsbezirk auf (nach dem dreißigjährigen Krieg gab es in ihren Mauern noch sechsunddreißig bewohnte Häuser), Kaiser Wilhelm Zwo kam alle Jahre zur Maienzeit hierher, des Thermalwassers (innen und außen) und des Theaters wegen (mit großer, pomphafter Äußerlichkeit), und das hatte die kommerziell gewiß von niemandem beklagte Folge: Es lebten hier 1900 die meisten Millionäre Deutschlands.

Rudolf hatte zwar nur noch knapp sechzig Mark in der Tasche, doch er dachte schmunzelnd, als Preuße bin ich hier ja richtig (er wußte noch gar nicht, wie viele Berliner der Kriegsturm hierher verschlagen hatte, die zack einen Bund der

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Berliner gegründet hatten und sich bemühten, als Kaiser Wilhelms nachgekarrte Vasallen ebenfalls am hiesigen Kulturleben nicht nur parasitär teilzuhaben). Das alles hatte er natürlich von seinem Vater erfahren, der in einem überraschend ausführlichen Brief sich milde spottend über die Stadtgeschichte ausgelassen hatte, weil er ihm Mut machen wollte, sich vor dem staatlicherseits erzwungenen Umzug nicht allzusehr zu fürchten.

Als nächstes war in den elektrisch betriebenen Oberleitungsomnibus zu steigen, Fahrtrichtung Biebrich, Rheinufer. Bevor ein solcher Bus zur Haltestelle am Hauptbahnhof einschwenkte, schaute Rudolf – als Techniker – sich wundernd und verwundert auf seltsame Busse, die oben auf ihrem Dach eine gasgefüllte Ballonhülle trugen und offensichtlich mit Stadtgas fuhren. Gesehen hatte er so etwas zuvor noch nie. Die Fahrt ging romantisch leicht hügelan durch vier Reihen prächtiger Kastanienbäume, rechterhand stolze Villen der Jahrhundertwende, in denen nun meist noch Amerikaner wohnten oder ihre Büros hatten (das CIA im schönsten Gebäude, einem säulengeschmückten Prachtbau; Schilderhäuschen davor und streng bewacht). Auf dem höchsten Punkt dieses Hügels, des letzten Taunusausläufers zum Rhein hin, stand rechts ein Obelisk, davor ein Landesvater in Bronze, und links prunkte das schloßartige Gebäude der weltberühmten Sektfirma Henckell. Dann ging es genauso leicht abwärts, wie es hinauf gegangen war, nach Biebrich hinein, wo die Fürsten von Nassau-Usingen am Rheinufer das herrliche und ebenfalls weltbekannte Schloß Biebrich mit seiner doppelt geschwungenen, ästhetisch so eleganten Freitreppe hingestellt hatten, in dessen riesigen Schloßpark, angelegt als englischer Landschaftsgarten, aber mit "unendlichem" Durchblick nach Versailler Art, im Sommer immer noch die Nachtigallen sangen, die schon Goethe bewundernd erwähnte.

Die letzte Busstation ging es schnell und steiler bergab, eine letzte Linkskurve: Endstation, alles aussteigen, Umsteigemöglichkeit Richtung Schierstein (anschließend in den Rheingau) oder Richtung Mainz, die zweitausend Jahre alte Römerstadt moguntia mit dem tausend Jahre alten romanischen Dom, Wiesbadens stolzer und selbstbewußter Nachbar mit der Narrentradition des Karnevals, die nur noch in Köln und Düsseldorf Vergleichbares findet.

Rudolf astete den schweren Koffer aus dem Bus und riß staunend und verblüfft die Augen auf: Vor ihm floß ruhig und gelassen (mit frei Meter pro Sekunde) der Rhein. Andächtig und respektvoll schaute Rudolf hinüber auf die andere Seite, laubwaldbestanden, weit weg das andere Ufer. Rudolf schätzte dreihundert Meter, nicht ahnend, daß vor ihm eine langgestreckte Insel im tatsächlich viel breiteren Fluß lang, die sogenannte Rettbergsaue. Rechts das

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Biebricher Schloß, nach links, flußaufwärts, Schornsteine, Röhren, Fabrikgebäude, Biebrich die Industriestadt: Kalle (Celllophan), Albert (Chemie) und Dyckerhoff (Zement). Abmildernd halblinks dazwischen die kleine, liebliche Oranier-Gedächtniskirche aus rotem Sandstein. Dorthin führte sein Weg, zur Goethestraße. Das noch über die ganze Stadt verteilte, 1949 neu gegründete Statistische Bundesamt (eigentlich: Bundesamt für Statistik!, doch Deutsch ist bei deutschen Behörden selten in guten Händen) hatte in der Goethetraße, gegenüber der Goetheschule, einer Volksschule, in einem Neubau neben einer ehemaligen Brotfabrik, in der jetzt eine Gerberei residierte, Bundesbedienstete untergebracht. Hier, im ersten Stock, wohnte auch der Vater mit seiner Familie, seiner zweiten Frau Charlotte und seinen beiden Halbschwestern Angelika und Gabriele. Also auf in die Goethestraße.

 

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