Kapitel II


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Absetzen, der schwere Koffer erzwang kurze Etappen. Zeit zum Nachdenken und zum Vorausdenken. Hatte nicht sein Bücherengel vom Traveplatz in Berlin, die liebliche Biedermeierfee, immer gesagt, so sollte der Mensch nach dem mythischen Bild der Griechen immer sein: Prometheus und Epimetheus in einem, heil, jeder auf seine Weise freundlich, wahrhaft menschlich gesinnt, menschenfreundlich, gebefreundlich und gastfreundlich.

Der Vater war bereit, ihn in seine Wohnung aufzunehmen Für Rudolf war das eine neue, eine bemerkenswerte Erfahrung. Zum ersten Male würde er mit dem Vater unter einem Dach, in einem Haushalt zusammenleben. Wie das sein könnte, war für Rudolf eine überaus nebelhafte Vorstellung. Wichtiger noch aber war der Gedanke, daß Vaters Frau, Rudolfs Stiefmutter also, dieser so plötzlich über sie hereinbrechenden Familienerweiterung offenbar ohne erkennbare Einwände zugestimmt haben sollte. Rudolf hatte keine Vorstellung, wie lange er diese familiäre Gastlichkeit würde in Anspruch nehmen müssen und dürfen, er war aber willens und entschlossen, dieser "fremden" Frau – er hatte sie nur während zweier Tage aus Anlaß eines kurzen Berlinbesuchs im Grunde mehr flüchtig, nur oberflächlich kennengelernt; und das war 1947, also vier Jahre her – ihr also nach besten Kräften dankbar zu sein. Möchte es ihm gelingen. Überhaupt: "Stiefmutter", welch ein schreckliches Wort, hexenhaft und märchenluftumweht. Rudolf beschloß, dieses Unwort nie zu benutzen, auch nicht in Gedanken.

Nicht nur der Vater und seine Frau wollten ihm Gastrecht gewähren, nein, auch der zwei Jahre alte neue Staat, der Adenauerstaat, war tolerant und willens, ihn als neuen Bürger zu empfangen. Dies hatte Rudolf schriftlich, verbrieft und gesiegelt auf amtlichem Briefpapier in seiner Tasche. Das Zauberwort hieß Familienzusammenführung, und die freundlichen Beamten beim Wiesbadener Regierungspräsidium hatten sich nicht daran gestoßen, daß der neue Staatsbürger nicht einmal den selben Namen trug wie der zur Aufnahme bereite Vater, der nun einmal nach der ehernen Meinung des Bürgerlichen Gesetzbuches nur als "nicht verwandter Erzeuger" galt. Ein dem Vater gut bekannter Kriminalhauptkommissar, - beide spielten regelmäßig miteinander in geselliger Runde Skat und verachteten trockenen Rheinwein aber auch Rüdesheimer Weinbrand nicht, den mit dem "Geist des Rheines" (oder Weines?) – dieser hilfsbereite Zivilpolizist hatte auf die zivilste Weise seinen Amtskollegen den komplizierten und komplexen familiären Sachverhalt erläutert und sich dafür vom Vater für die freundschaftliche amtliche

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Hilfestellung mit Nachdruck zwei Flaschen "Asbach-Uralt" aufdrängen lassen. Rudolf als neuer Bundesbürger und – schon von Berlin her – als eifriger SPIEGEL-Leser hätte einen solchen von schierer Dankbarkeit getragenen Vorgang niemals für Bestechung gehalten, hatte doch sogar Adenauer, schon liebevoll "der Alte" genannt, die gegen Frankfurt und für Bonn ausgegangene Abstimmung über die Frage, welche der beiden Städte künftig Bundeshauptstadt sein sollte, mit rund zwei Millionen der schönen neuen D-Mark zu seinen Gunsten "fördern" lassen. Ohne Skandal ging das zwar nicht ab, doch hätte es den Spiegel nicht oder noch nicht gegeben, hätten sich wohl nur wenige Bürger an dieser patriarchalischen Fürsorge gestoßen. Schließlich konnte niemand verlangen, der greise Staatslenker, der in einem idyllischen Städtchen nahe Bonn in seiner knappen Freizeit sich der Rosenzucht und –pflege widmete, er möge tagtäglich in diese ziemlich zerstörte Großstadt am Main fahren, die als unangenehm protestantisch galt, was auch dadurch nicht erträglicher schien, daß Goethe hier das Licht der Welt erblickt hatte.

Auch wäre wohl niemand so ungehörig gewesen, derartige Vorgänge der neuen, noch unvertrauten Demokratie als typischen Charakterzug anzulasten. Es menschelte eben im neuen Staat, dessen Vorgänger sich allzu deutlich dadurch ausgezeichnet hatte, daß es in ihm allzu unmenschlich zugegangen war.

Schwamm drüber, dachte jeder, Hauptsache es wird nicht wieder geschossen. Hauptsache, man wird wieder satt, hat ein Dach über dem Kopf und friert nicht. Das hatte der braune Oberteufel, der nun hoffentlich in der Politikerhölle schmorte, mit seinem Winterheilfwerk auch versprochen ("keiner soll hungern oder frieren"), doch hatte sein Wirken in Europa mehr Hungernde und Frierende auf die Straßen gebracht – von den 55 Millionen Toten in aller Welt ganz zu schweigen, - und die Menschen vertrauten dem neuen Kanzler mit dem Indianergesicht; er schien allen die verkörperte Zivilität und Bürgerlichkeit.

Die genannten vier Bedingungen durften von Rudolf leichthin für die Goethestraße als erfüllt angesehen werden. Deshalb Koffer hoch und zügig voran. An der Sandsteinkirche vorbei, rechts herum und gleich wieder halb links über eine wenig befahrene Straße, und Rudolf schaute neugierig hinein in seine neue Heimat. Die Goethestraße in ihrer Ausdehnung etwa vergleichbar mit der Lichtenberger Straße in Berlin, wo (symbolisch) seine Wiege gestanden hatte: Daheim waren es zehn Häuser rauf und zehn Häuser runter, hier zeigte sich linkerhand die auffallende Villa eines Musikinstrumentenbauers (mit internationalem Ruf), gleich dahinter der lange graue Bau der Goetheschule, anschließend noch ein paar Häuser von mittlerer Großstädtischkeit, und rechterhand ein langer Zaun, Büsche und Bäume dahinter, abrupt unterbrochen

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von einem schmalen, drei Stockwerke hoch aufragendem Fabrikgebäude, ziemlich unschön, die ehemalige Back- und Brotfabrik. Sie beherbergte heute eine emsig betriebene Häuteverwertung oder Kürschnerei, mehr der simplen

Art, denn im Hof und an den unteren Wänden hingen an Haken, Leinen und Holzgestellen überwiegend umgekrempelte Kaninchenbälge zum trocknen. Die nach außen gewendeten körperfeuchten Tierhäute verursachten einen deutlichen Geruch von Fäulnis und Verwesung, an den man sich hoffentlich gewöhnen würde, wenn man davon ausging, daß die Anwohner ihn anscheinend nicht als störend empfanden. Ein paar Handwerksgesellen sprangen im Hof geschäftig hin und her, jeder auf seine Weise bemüht, die ihnen aufgetragene Arbeit auf professionelle Weile zu erledigen. Sie erwiderten Rudolfs Gruß kurz, ohne sich von der Arbeit abhalten zu lassen. Dieses Gebäude, der Ort sichtlichen Fleißes, ragte schräg ins Grundstück hinein, eine kleine betonierte Fläche als Hof freigebend. An diesen Hof schloß sich links ein schmucker Neubau im üblichen phantasielosen Baustil der fünfziger Jahre an, sozusagen soeben fertiggestellt, alles frisch, hell verputzt und gestrichen, drei Stockwerke hoch, schöne große Fenster, für Ausgebombte oder Heimatvertriebe ein herzerwärmender Anblick.

Im ersten Stock dieses neuen Hauses wohnte also der Vater mit Frau und den beiden Kindern, zwei Töchtern von sieben und drei Jahren. Der überdachte Hauseingang war an der dem Fabrikhof zugewandten Schmalseite. Das Haus gehörte dem Lederfabrikanten, einem fixen Unternehmer, der alle verfügbaren Geld- und Kreditmittel und einen Riesenzuschuß des Bundes in diesen Neubau gesteckt hatte und deshalb gern Staatsbedienstete als Mieter akzeptierte (akzeptieren mußte, vertraglich). Rudolf las Vaters Namen auf einem der drei Schilder neben der Haustür und drückte heiter und erwartungsvoll auf die Klingel.

 

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