Kapitel IV


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Hatte Rudolf einen Traum in der Sonntagsnacht?

Die Erika war repariert, tadellos, und sie funktionierte wieder: Sein Chef war zufrieden. Dann der Absprung, die weiche Landung: mitten im funktionalen Rest des Weltkonzerns Lichtongeräte sprechen lassen, gut so, aber alles Schnee von gestern. Aufbau, Neubau, Fortschritt, vorwärts Leute, laßt uns etwas Neues machen, laßt uns zum Wohle des Tonfilms die Eisenoxydmoleküle zum Singen und Klingen bringen. Die Eff-E-zwei-O-drei-Konfigurationen auf dem 17,5-Millimeter-Splitt-Film waren willig und taten, was sie sollten, wenn man dafür sorgte, daß der einseitig perforierte magnetisierbare Streifen die Tonrolle, den Ort der Preisgabe seiner fixierten Informationen engumschlungen so zur Drehung brachte, daß die Abweichung von der konstanten Laufgeschwindigkeit weniger als ein (ein!) Promille betrug. Es war machbar, also wurde es gemacht. Wieder waren sie zufrieden, diesmal die Chefs. Und nun würde er morgen eintreten in eine neue, eine auf völlig andere Weise geheimnisvolle Welt wohlkalkulierter Funktionalitäten, solcher Abläufe, die er noch nicht kannte, noch nicht kennen konnte, aber kennen lernen sollte und wollte. Wenn sie ihn nähmen, wenn sie ihn für gut genug hielten, für ihre Mikrozaubereien: dünnste Bleche aus exotischen Materialien, feinste Bohrungen (Mikrometerbereich), Kathoden bestrichen mit elektonenemittierender Bariumpaste, Streichholzdünne Röhrchen, in denen dreifach gewendelte Wolframdrähtchen in Weißglut erstrahlten, um den Elektronen in der Bariumschicht Beine zu machen, damit sie herausschossen, vorwärts, hinein ins elektromagnetische Beschleunigungsfeld der Treiberanode, hui, weiter gebündelt hin zur und durch die letzte Blende aus purem Goldblech, hauchdünn und durchstochen von einem in Königswasser angespitzten Wolframdraht, der in der Goldfolie auf rasend schnell rotierender Drehbank eine kreisförmige Öffnung von weniger als dreihundertstel Millimeter hinterlassen hatte (ohne Laser!, weil es noch keine gab). An dieser Stelle erhielt der Elektronenstrahl seinen Engelshaarfeinen Arbeitsdurchmesser und war nun bereit, sich im Magnetfeld der horizontalen und vertikalen Ablenkspulen hin- und her und rauf und runter jagen zu lassen, sechshundertfünfundzwanzig Zeilen untereinander, und das Ganze auch noch fünfundzwanzig Mal in einer einzigen Sekunde. O heiliger Pascal!, dieser praktisch trägheitslose Strahl aus fast masselosen Nichtsen, willigen Knechten oder Dienern in den Gewalten der elektrischen und magnetischen Felder, er ist das realisierte Abbild deines Allüberall-Gottes im praktischen Nichts des Vakuums der zweifingerdicken Aufnahmeröhre, Weltwirklichkeit gewordener vom punktförmigen, quasi nichtsseiendem Sein, der oder das blitzschnell durch

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sein Universum rasend überall und nirgends zugleich ist, solcherart beauftragt und in der Lage, die mit dem gewünschten Bild beaufschlagte Fotokathode abzutasten und ihr zeilenweise das Geheimnis ihrer Helligkeitsunterschiede als punktförmige Feldladungen zu entreißen, mit dem Ergebnis der bildanalogen Signalspannung am Ausgangskontakt der Röhre. Solche Aussichten können auch ängstigen. Würde er, der Rudolf, sich mit solchen handfesten, ernsthaften Zaubereien zurechtfinden, geschickt genug sein und auch geduldig, voller Einfühlungsvermögen und gestaltungsbereiter Phantasie?

Auch von dieser Nacht weiß die Erinnerung alles und nichts. Ein Zauber, der Zauber der Erwartung, ließ ihn ruhig schlafen, ein Zauber hielt die Erinnerungsgestalt wach. Der nächste Morgen fand ihn munter und bereit zu neuem Anfang, wieder eine Herrmann-Hessische-Stufe, über die nicht zu stolpern mit heißem Herzen gewünscht wurde. Auf nach Wiesbaden-Dotzheim, quer durch die Stadt, vom südlichen Biebrich zum nordwestlichen Stadtrand.

 

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