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Zweitens kommt das anders, was man sich erstens gedacht hat. Jedem geht das so, und dem Rudolf ging es ebenfalls so. Der Oberleitungsbus brachte ihn zum Hauptbahnhof, umsteigen nach Dotzheim, dann der Bus zum Kohlheck. Ein schönes Forsthaus, am Gehrner Weg links ein Kiosk und der als Notwohnungen genutzte graue Klotz des sogenannten U-Baus, ein kasernenartiges Relikt, unfertig, des letzten Krieges, rechts eine schmucke Zeile von Ein- und Zweifamilienhäusern, an ihrem Abschluß ein heller, großfenstriger Neubau, markanter Eingang mit mehrstufigem Treppenaufgang. Ein großes Schild neben dem Eingang: Physikalisch-Technische Werkstätten.
Rudolf mußte klingeln, der Türsummer, man konnte eintreten. Rechts eine dezente Pförtnerloge, alles sehr privat wirkend, alles sehr still, an der Wand der naturgetreu präparierte Kopf eines ungewöhnlich großen Elches mit einem wuchtigen, weit ausladendem Geweih. Rudolf hatte als Kind freilebende Elche um Rossitten auf der Kurischen Nehrung beobachten können, als er dort von Berlin aus zur Kinderlandverschickung gewesen war, aber dieses Exemplar hier schien von einem anderen Stern zu sein. Eine freundliche Dame im Kostüm und mit einer noch freundlicheren Stimme trat aus der Loge und fragte ihn nach seinem Begehren. Rudolf zeigte sein Schreiben, worin ihm die erwartete Stelle zugesagt worden war. Zum Warten aufgefordert versank er in einem der herumstehenden Ledersessel. Sein Mund war so trocken wie seine Handflächen (feuchte Hände kannte er nicht), auch die Achseln signalisierten keine ungewollte Aufregung. Nur die Ruhe, die wollten schließlich auch etwas von ihm.
Aus dem Hintergrund nahte mit forschen Schritten ein Herr, Cheftyp, personifiziertes Selbstbewußtsein, aber nicht furchtverbreitend, sondern signalisierend, es sei Vertrauen angesagt. Er stellte sich als Personalchaf vor, es war der Herr K., der den Brief unterschrieben hatte, den Rudolf noch in seiner Hand hielt. "Lieber Herr Anders, wir freuen uns, daß Sie gut und gesund hier in Wiesbaden eingetroffen sind. Wir haben uns schon Sorgen gemacht. Das Problem ist jetzt nur: Sie kommen zu spät, wir haben die Stelle bereits besetzen müssen. Daß es mit dem Interzonenpaß nicht so zügig geklappt hat, ist ein wahres Pech für sie. Aber seien sie nicht betrübt, es soll sich alles zum Guten klären. Mit dem Arbeitsamt am Boseplatz habe ich bereits gesprochen. Melden Sie sich dort bei dem zuständigen Sachbearbeiter, der hat eine Stelle als Versuchsmechaniker für Sie bei der Kamerafirma Adox in Biebrich. Was wollen Sie fürs Erste mehr, da ist auch der Weg zur Arbeit für Sie nicht so weit wie
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hierher aufs Kohlheck." Er lächelte, nun aber wirklich wie ein besorgter Vater. Er sah ja, daß Rudolf, obwohl er sich zusammenreißen wollte, erst einmal zusammengeknickt war. Er sprach fließend weiter: "Wir beide, lieber Herr Sander, wir beide als Berliner, treffen jetzt folgende Verabredung: Sie gehen zu Adox, lernen sie dort gründlich, was es dort zu lernen gibt, geben Sie nicht zu früh auf. Geben Sie nicht zu früh auf und zeigen Sie Geduld und Stehvermögen. Wenn Sie meinen, es sei Zeit für einen Wechsel, dann rufen Sie mich an. Ich verspreche Ihnen, wenn bis dahin die Welt nicht untergegangen ist, dann stelle ich Sie hier bei uns ein. Zu lernen wird es dann hier immer noch etwas für Sie geben, Einverstanden?"
Rudolf dachte bei sich: Gott gebe mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden; und er sagte fest, klar und deutlich: "Einverstanden, Herr K."
Dann ging er langsam und aufmerksam den Gehrner Weg wieder zurück, Richtung des alten Forsthauses, zur Bushaltestelle. Wie nach Biebrich zu kommen war, wußte er ja. Zuerst aber zum Arbeitsamt am Boseplatz. Das lag mitten in der Stadt, an der Schwalbacher Straße, neben dem Mädchengymnasium (Lyzeum hieß das doch wohl nicht mehr?). Hier ging alles schnell und reibungslos. Der Sachbearbeiter erwartete ihn schon, er gab ihm den Einweisungsschein, Herr K. hatte alles telefonisch geregelt. Der Sachbearbeiter klärte ihn noch auf über die Person des Betriebsleiters, der ihn in der Kamerafabrik erwartete. Es sei ein echter Patriarch, Typ Alleinherrscher, sehr streng, aber sehr gerecht. Man brauche sich vor seiner manchmal ein wenig ruppigen Art nicht zu fürchten. Der Mann verlange am meisten von sich selber. Er schätze offene Worte und eine klare Art des Verhalten. "Junger Mann, sagte er abschließend, ich wünsche Ihnen viel Glück in Ihrer neuen Stelle und für den persönlichen Start im Westen."
Rudolf fuhr zurück nach Biebrich, zu der schon vertrauten Haltestelle am Rheinufer. Er fragte den Schaffner, der ebenfalls ausgestiegen war, weil er jetzt eine Fünfminutenpause hatte, nach der Firma Adox in der Rheingaustraße, ob es weit sei, oder ob es sich lohne, dorthin zu laufen. Ach, meinte der, die Straßenbahn käme doch erst in zwölf Minuten, bis dahin würde Rudolf längst bei diesem Betrieb sein. Wenn er hier noch fremd sei, solle er sich doch die Freude machen, und – parallel zur Rheingaustraße – den schönen Spazierweg am Rheinufer entlangzugehen bis hinter die Rheinhütte, einer Maschinenfabrik und Gießerei, dann den Querweg nach rechts zur Rheingaustraße, und nach hundert Metern stünde er dann vor dem Eingang zur Firma Adox. Bis jetzt hatte
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Rudolf nur freundliche Menschen in Hessen erlebt. Er tat, was der Schaffner ihm geraten hatte.
Links also der Rhein, ein senkrecht ausgebautes und befestigtes Ufer, Dampferanlegestelle, kleine Fährboote nach Mainz und zur Rettbergsaue, wo auch ein Schwimmbad war, warteten auf Gäste und auf ihre planmäßige Abfahrtzeit. Sogar einige Fischerkähne gab es noch. Vor dem Biebricher Schloß sprang die Ufermauer ein Stück ins Land zurück, das Arbeitsufer wurde romantisch: Eine Reihe Bäume, gestutzte und klein gehaltene Akazien, in ihrem Schatten eine gleich lange Reihe Bänke, ein kleiner denkmalartiger Brunnen als Hundetränke. Der Fluß bewegte sich etwa drei Meter unterhalb der Oberkannte der Ufermauer. Mit dem Blick Richtung Schierstein schaute man über den breiten Fluß in den Rheingau hinein. Die Landschaft öffnete sich einladend und heiter. Auf dem Strom ein reger Schleppverkehr in beiden Richtungen. Dicke Schleppdampfer, deren Dieselmaschinen ihren Arbeitsrhythmus hören ließen, schleppten hinter sich drei oder gar vier motorlose offene oder geschlossene Schuten, die meistens grobe Schüttgüter wie Sand, Kies, Steine oder Kohlen geladen hatten. Wenn sie offen waren, sahen sie wie mehrhöckrige Kamele oder Trampeltiere aus, die Kegel ihrer Ladungen zeigten an, auf welche Weise man sie in den Ausgangshäfen per Kran und Maulgreifer beladen hatte.
Die Rheingaustraße verband Biebrich mit Schierstein. Wo das Schloß endete, bog die Straße leicht nach rechts ab. Hier standen zwei geschichtsträchtige Häuser. Rechter Hand die Villa der Familie Beck, denen früher die Rheinhütte gehört hatte. Hier hatte 1944, nach dem 20. Juli, nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler in seinem Hauptquartier Wolfschanze, die SS den Generalfeldmarschall Beck verhaftet, der seine Beteiligung an diesem letzten wenn auch zu späten Versuch, das Rettbare zu retten, mit dem unrühmlichen Tod durch Erhängen bezahlen mußte; unrühmlich für beide: für das tragische Opfer wie für den teuflichen Befehlshaber, der diese grausame Strafe verantwortete.
Mit weniger Schicksalsschwere belastet war das zweite Gebäude, die sogenannte Wagnervilla. Sie stand der Beckschen Villa fast genau gegenüber auf der anderen Straßenseite, wer am Rhein entlangspazieren wollte, mußte sie rechts liegen lassen. Ein unübersehbare große Steintafel, schwarz mit goldener Schrift teilte der Welt mit, hier, in diesem Hause (das den Reichtum seiner früheren Besitzer zeigte) habe Richard Wagner am Ende des neunzehnten Jahrhunderts seine Oper "Die Meistersinger" vollendet.
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Der befestigte Weg am Rheinufer hatte sich kräftig gesenkt, die Ufermauer war hier zu Ende, und der Fluß strömte nun nur noch wenig tiefer als der Uferweg neben dem bedächtig dahinschreitenden Rudolf her. Wenn dies mein morgendlicher Weg zur Arbeit werden sollte, dachte Rudolf, dann hat das
Schicksal ja dem lesefreudigen berliner Kellerkind, das sich im Geheimen schon öfter an romantischen Naturgedichten elegischen Einschlags versucht hatte, wovon nicht einmal seine Gönnerin, die Biedermeierseele, etwas wußte, dann hätten die Götter ihn ja beschenkt mit einem gemäldegleichen Landschaftpanorama, in das er nun allmorgendlich hineinmarschieren sollte, nur um seine Brötchen zu verdienen. Dankbar sollte man für alles sein, was nicht weh tut.
Der Rheinuferweg in diesem Bereich hatte verschiedene Gesichter: Mehrere Bootshäuser, Ruder- und Kanuverein, die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), jeder hatte seinen eigenen schwimmenden, doch fest verankerten Ponton als An- und Ablegestelle. Dann die mauerumgürteten Rückseiten der Betriebsgelände einer Chemischen Fabrik, der Rheinhütte (mit nützlichen aber unhübschen Spänebunkern; offenbar wurden über diese schmale Uferstraße auch Abfälle aus den Metallbearbeitung abgefahren. Die Stadtväter haben wohl in der Vergangenheit sehr geschwankt zwischen kommerzieller Nutzung der Flußlandschaft für den Kapitalbürger oder der Freizeitnutzung durch den Bürger als naturverbundenem Menschen. An diesem späten Sommermorgen spazierten einige Mütter, den Kinderwagen schiebend oder ihre Kinder fest an der Hand haltend, jedenfalls mit zufriedenen Gesichtern, sich offensichtlich der Natur näher fühlend als dem Kommerz. Eine große Spielwiese zog sie an, obgleich die mehr wie eine Überschwemmungswiese aussah und unmittelbar hinter dem mehrgebäudigen Fabrikkomplex der Cella lag, der zum Adoxkonzern gehörenden Cellulose- und Lackfabrik. Die Firma ADOX (ein Kunstname wie KODAK, den man in allen Sprachen der Welt mühelos aussprechen können soll) war eine weltweit renommierte Firma zur Herstellung von Filmmaterial aller Art. Ihr Hauptsitz war in Neu-Isenburg bei Frankfurt am Main. Die unvermeidlichen Zelluloseabfälle bei der Filmherstellung wurden hier, zwischen Biebrich und Schierstein, zu Lacken und Lackgrundstoffen verarbeitet, deren Markenname dem Ruf des Filmmaterials in nichts nachstand. Die Röntgenfilme von Adox kannten gewiß in erster Linie die Ärzte und die ebenfalls oft mit Röntgenstrahlen arbeitenden Techniker, Schweißer und Metallurgen, aber Rollfilme und Kleinbildfilme von Adox gab es schließlich in jedem Fotogeschäft und in jeder Drogerie zu kaufen. Einen Kleinbildfilm (schwarz/weiß), der besser war in Feinkörnigkeit und Auflösevermögen als den Adox KB 14 gab es nirgends auf der Welt. Professionelle Leicafotografen arbeiteten alle damit.
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Als Rudolf die Cella erreicht hatte, wie es der Schaffner erklärt hatte, ging er den Querweg hinter der Maschinenfabrik hoch zur etwas höher gelegenen Rheingaustraße, schwenkte links ab, noch hunderfünfzig Meter, und er stand am Eingang der Kamerafabrik, die man im Westteil des Cellagebäudes in drei Geschossen untergebracht hatte: Im Erdgeschoß die Stanzerei, in denen die Pressen zur Blechverarbeitung standen, die ja feste Fundamente brauchten. Im ersten Stock war die Metallwerkstatt, wo Mechaniker, Feinmechaniker und Werkzeugmacher oder Dreher die benötigten Werkzeuge und Teile aller Art für die Kameraherstellung fertigten (bis auf die Optiken und die Verschlüsse, die von Schneider/Kreuznach kamen, wurde alles selber gemacht), und im oberen Stockwerk standen die Nietmaschinen, und hier war auch die Fertigmontage.
Neben dem Cellabau, Richtung Schierstein, etwas zurückgesetzt, residierte in einer alten bescheidenen kleinen Villa der Direktor und seine Geschäftsleitung mit allen kaufmännischen Büros. Das klingt spannender, als es war, die Arbeit hier erledigten rund fünfzehn Personen. Die Tür war nicht verschlossen, Rudolf trat ein: ein kahles Treppenhaus, kein Elch, keine pikfeine Atmosphäre, aber im ersten Zimmer des ersten Stocks eine hübsche Dame, nicht minder agil als ihr Pendent am Kohlheck: "Nehmen Sie doch bitte Platz, der Herr Direktor wird Sie bald hereinrufen." Rudolf setzte sich, und weil sonst nichts Interessantes zu sehen war, blätterte in den auf dem Besuchertischchen liegenden Fotozeitschriften der Firma Leitz in Wetzlar.
Weil ihn der Inhalt der Zeitschriften sofort fesselte, merkte er überhaupt nicht, ob und wie lange man ihn warten ließ. Plötzlich schreckte er hoch: "Herr Anders bitte!"
Die lächelnde Vorzimmerlady stand in der Tür zum Nebenraum und bat ihn mit einer Handbewegung, einzutreten. Ein bescheidener Eckraum, Fenster an zwei Seiten, alles wegen der Sonne sehr hell, so daß man nicht sofort das Gesicht des Mannes sehen konnte, der da hinter seinem nicht ungewöhnlichen Schreibtisch auf ihn wartete. Rudolf sagte guten Tag, und eine harte Stimme, klar und fest zu sich selber, als dürfe man sich (als Mann und Chef) keine Milde oder Schwäche leisten: "Aber ja, Herr Anders, setzen Sie sich doch!" Rudolf setzte sich in den normalen Bürostuhl mit fester Lehne, der unmittelbar vor dem Schreibtisch stand. Langsam wurde das Gesicht des Herrn deutlich, der das helle Fenster hinter sich hatte. Rudolf sah einen preußischen Reserveoffizier, der als Student einer schlagenden Verbindung angehört hatte. Ein markanter Schmiß auf seiner linken Wange machte deutlich, er konnte nicht nur austeilen, er hatte auch einstecken gelernt. Rudolf spürte deutlich, Angst brauchte man vor dem nicht zu
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haben, der würde immer mit offenem Visier kämpfen, aber man würde sich in acht nehmen müssen und dürfte keine Blöße zeigen.
Rudolf wurde aufgefordert, zu erläutern, was er bisher technisch gemacht hatte, wo gelernt, wo gearbeitet, Technologien, Gegenstände, Fertigungsmethoden. Der Chef, Rudolf wußte sofort, seinen Namen konnte er vergessen; den würden alle hier nur den Chef nennen, auch wenn er sich nach außen hin selbst als Direktor bezeichnete. Es gehörte nicht viel Phantasie dazu, von seinem Alter ausgehend, sich seine Industrievergangenheit vorzustellen. Auch wenn Rudolf noch keine Einzelheiten kannte (er dachte an die Empfehlungen des Sachbearbeiters beim Arbeitsamt), er wußte sofort: Vor ihm saß ein Wehrwirtschaftsführer. Und Rudolf wollte dieses Wort in seinem Bewußtsein keineswegs mit pejorativem Klang seine Gedanken dominieren lassen. Seit sechs Jahren war der Krieg aus. Vor ihm saß ein Zweiundsechzigjähriger. Bei Kriegsbeginn war dieser Mann fünfzig Jahre alt gewesen. Und im Jahre des Heils 1933 war er vierundvierzig. Reserveoffizier, technische Laufbahn (Artillerie), Märzgefallener, Zufallskontakt zur Besitzerfamilie des Adox-Familienbetriebes, der nach Vergrößerung strebte. Alle Filmfabriken hatte eine Kamerafabrik, ob Kodak oder Agfa, also mußte Adox auch eine Kamerafabrik sich einverleiben. Die Zeiten waten günstig, viele Juden wurden "überredet", sich von ihren irdischen Gütern "freiwillig" zu trennen, wenn man ihnen ein Angebot machte, das sie schwerlich zurückzuweisen vermochten. Der angestellte Betriebsleiter der jüdischen Kamerafabrik Wirgin in der Dotzheimer Straße in Wiesbaden einigte sich schnell mit den beiden Brüdern, die auch ohne seinen Nachdruck wußten, es galt schnell zu verkaufen und noch schneller nach Amerika zu reisen. Allen war geholfen: Die Wirgins überlebten den Krieg (sie kamen so bald als möglich wieder und bekamen ihren Betrieb zurück), Adox hatte endlich eine eigene Kamerafabrik und der angestellte Betriebsleiter wurde ihr Direktor. Im Kriege fertigte er mit seiner Mannschaft in drei Schichten Zünder aller Art für die Wehrmacht, und wenn man nachlesen kann, die Bruttorüstungsproduktion unter der Leitung des Künstlerarchitekten Speer habe trotz aller Bombenschäden bis zuletzt ihr befohlenes Niveau gehalten, dann war dies auch der eisernen Faust dieses Mannes zu verdanken, der vor ihm saß, hinter seinem eroberten Schreibtisch, den er gegen alle Feinde, die es geben mochte, verteidigen würde. Und dieser Mann versuchte jetzt zu erkennen, ob Rudolf für seinen Betrieb ein Gewinn oder eine Last sein würde.
Rudolf gewann die kleinen Wortgefechte, in die ihn der Chef, wie er ihn im Stillen längst nannte, immer wieder verwickelte. Es gab keinerlei Gehässigkeiten, nur bohrende Neugier eines Fachmannes, der sich von niemandem ein X für ein U vormachen ließ. Abrupt erklärte der plötzlich:
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"Genug geredet, ich zeige Ihnen jetzt den Betrieb, und morgen früh um sieben Uhr können sie hier bei uns anfangen."
Und er stand tatsächlich auf, sagte seiner Fee im Vorzimmer Bescheid und ging mit Rudolf im Schlepptau hinüber ins Fabrikgebäude, ging mit ihm durch alle drei Stockwerke und erklärte ihm freudig und gründlich und offensichtlich voller Stolz alles, was es in seinem Reich zu sehen gab. Klar war ach sofort: Delegieren war seine Sache nicht, wenn es ginge, würde der am liebsten alles selber machen. So etwas ist zwar ein Spleen, den man belächeln konnte, aber er mußte nicht gegen diesen Mann sprechen. Seine offensichtliche Liebe zur Technik und zur Perfektion machte ihn dem Rudolf fast schon sympathisch.
Da war die Stanzerei. Eine hagere, abgearbeite, fast schon ausgemergelte Gestalt wurde dem Rudolf als ihr Meister vorgestellt. Der Direktor duzte den Mann, klar, sie hatten manche Schlacht miteinander geschlagen, alle Engpässe überwunden, vor keinem Mangel je kapituliert. Der Meister nannte ihn aber Chef, na bitte, ich hab’s doch gewußt, dachte Rudolf bei sich, zufrieden mit seiner Menschenkenntnis. Der Stanzereimeister herrschte über kleine schnelle Exzenterpressen, über mittlere und eine große Spindelpresse, und zeigte mit Stolz auf eine dicke Hydraulikmaschine, die jedem Materialwiderstand, wie er hier vorkommen konnte, gewachsen sein dürfte.
Nach oben, in den ersten Stock, zu den Leuten, die es gelernt hatten und die in der Lage waren, aus Rohmaterial aller infrage kommenden einschlägigen Formate Teile aller Art herzustellen, sei es am Schraubstock und an der Werkbank, sei es an Drehbänken, Fräsbänken, Hobel- und Sägemaschinen oder Bohrmaschinen. Es gab einen Härteofen mit Öl- und Wasserbad für die Werkzeugmacher, es gab den Schalter einer Werkzeugausgabe, dahinter die üblichen zwei Grauköpfe, bei denen man sicher sein konnte, sie würden alle Werkzeuge kennen und pflegen, würden sich von keinem Mechaniker über Ohr hauen oder bei der Ausleihe sonstwie aufs Kreuz legen lassen, und sie würden nach menschlichem Ermessen nicht klauen für den Eigenbedarf. An beiden Fensterreihen, nach der Straße und nach dem Rhein zu, erstreckten sich die beiden Reihen der üblichen und gewohnten Werkbänke mit den Einzelplätzen. Hier hatte jeder der Facharbeiter sein eigenes Reich, für das er unmittelbar verantwortlich war, wenn es um sein Werkzeug ging, das ihm der Betrieb anvertraut hatte. In der Raummittelachse standen in zwei Reihen die Maschinen, und an der Schmalseite, die nach Westen ging, waren auch Fenster, hier saß der Meister und seine beiden besten Werkzeugmacher, einer von den beiden war sein Vize. Insgesamt mochten zwölf bis vierzehn Personen hier in dieser Werkstatt tätig sein, ohne die Werkzeugausgeber, und ohne die hin- und
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hereilenden Boten. An der Rheinseite waren zwei Plätze frei. Hier soll ihr Arbeitsplatz sein, sagte der Chef zu Rudolf, nachdem er ihn dem Meister und dem Vize vorgestellt hatte. Aber zunächst kommen sie erst einmal nach oben in die Montage, damit sie sehen, wie die Kameras, die wir hier herstellen, am Ende der Fertigungsstrecke aussehen. Damit sie sich ein genaues Bild machen könne, worauf es hier bei uns ankommt. Wenn ihnen das alles zusagt, und wenn wir uns ein Bild von Ihnen machen können, dann sollen sie hier unten bei Meister B. als Versuchsmechaniker und Musterbauer eingesetzt werden. Wir wollen schließlich neue, moderne Modelle entwickeln. Die Konstrukteure warten auf einen Mann wie sie. Ich erwarte von ihnen einen vollen Einsatz. Meister und Vize schauten den Rudolf an, dann den Chef, alle vier nickten. Rudolfs Schicksal für die nächsten Jahre war besiegelt.
Die letzte Station war der oberste Stock. Hier gab es sozusagen drei abgeteilte Teile: Im Westen die Montage, ein großer, fast quadratischer Raum, der an drei Seiten Fenster hatte, die standardisierten neunteiligen Industriefenster, die man in Deutschland oft in Fabriken dieser Art antreffen konnte. Das mittlere Fenster in diesem Neunerfeld war zu öffnen. Im Osten war die Kantine, wo alle – in zwei Schichten – das angelieferte Mittagessen einnehmen konnten. Die Industrieküche, die viele Mittelbetriebe dieser Art in Wiesbaden belieferte, war nur wenige Grundstücke von der Kamerafabrik in Richtung Schierstein entfernt. Man bekam hier das Essen also noch frisch und appetitlich, und preiswert war es auch. Ein billiger Kantinenpreis mußte im Geiste in den vereinbarten Stundenlohn – auf den kommen wir gleich noch – eingerechnet werden. Zwischen Kantine und Montage waren die Toiletten; sie waren mehr ein Raucherplatz als ein Abort (obwohl natürlich ein jeder auch einmal "mußte"); wenn man jemanden suchte, der nicht krank und dennoch nicht an seinem Arbeitsplatz war, fand man ihn wahrscheinlich hier.
Die Montage war ein heißer Ort. Hier saßen die Menschen, in der Überzahl Frauen, meist sehr junge, eng nebeneinander. Links am Eingang der Meister, eine Institution, er hatte einen eigenen Schreibtisch, obwohl er wenig zu schreiben hatte; sein Papierkrieg bestand aus technischen Zeichnungen aller Größen und mit allen erdenklichen Details. Es gab kein Teil in dieser Firma, für das er nicht über eine Zeichnung verfügt hätte. Zum Wegschließen dieser Schätze hatte er auch einen eigenen Schrank in seinem Rücken. Links, an der Rheinfensterseite, standen zwei Reihen modernster Nietmaschinen (es war die Seele vom Geschäft; hier wurde vormittags alles "zusammengenagelt", was im Laufe des Tages durch die Montage geschleust werden mußte. Hergestellt wurden (in verschiedenen Qualitätsvarianten, die sich aber fast nur in der Optik und/oder im Verschluß unterschieden) die damals handelsüblichen 6x9-
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Klappkameras, bei denen das Gehäuse nach dem - selbsttätigen – Aufklappen mit dem Objektivträger (Verschluß und Optik) durch einen Faltenbalg verbunden war. Die gesamte Kamera war also überwiegend aus gestanzten und mehr oder weniger tief gezogenen Blechteilen hergestellt, eben zusammengesteckt, zusammengenietet. Wegen des Aufklappens nannte sie der Fabrikjargon "Mausefallen"; der Chef durfte das aber nicht hören. Er wußte, daß längst eine höher qualifiziertere Kamera fällig war. Nach seiner Einweisungszeit würde Rudolf Stück für Stück, soll heißen Teil für Teil in fachgerechter Einzelfertigung das neue Modell einer quergebauten 6x6-Kamera herstellen, die wenigstens in etwa einer – sagen wir einmal – Kodak Retina 1a gleichkam, obwohl die ja eine echte Kleinbildkamera war und Rudolfs neues Modell, nach dem Willen des Chefs, immer noch mit dem üblichen Rollfilm zu laden war. Siebzig Prozent der 6x9-Klappkameras gingen nach "Asien & Afrika" (Jargon); mit dem neuen Modell wollte man wenigstens einen Fuß deutlich in den deutschen Markt plazieren. Es sollte aber auch alles "preiswert" (also billig) sein. Die Konkurrenz in Germany war groß, fast keiner würde es auf Dauer überleben. Dabei waren die Japaner noch nicht einmal am Horizont zu sehen. Von diesem Sturm ahnte noch niemand auch nur das Geringste. Wenn Rudolf nach dreieinhalb Jahren diese Firma verlassen wird - in bestem Einvernehmen – dann wird der Chef endlich – aber viel zu spät – sein Plazet gegeben haben zum Bau einer echten Kleinbildkamera. Sie sollte eine süße Braut werden, rundherum perfekt, die allererste auf dem Standardmarkt für Amateure mit einer auswechselbaren Rückwand, vor allem (fast) nichts mehr aus Blech, alles Spritzguß, doch als dies endlich soweit war, wollte die Braut niemand mehr heiraten. Doch damit greifen wir als Erzähler von Rudolfs Geschichte, die zu diesem Zeitpunkt dann nicht mehr Teil seiner Geschichte sein würde, unbillig vor.
Nun wußte Rudolf also, was sie von ihm wollten, und was sie ihm technisch zu bieten hatten. Formgebende Feinstblechverarbeitung in drei Dimensionen, das war Neuland für ihn. Das Gefühl dafür galt es erst sich zu erarbeiten. Und was würde er für diese Künste hier in der Stunde verdienen? Klar, er würde mit der Eingangslohnstufe vier für Facharbeiter anfangen müssen, zumindest war das aus Gewerkschaftssicht so üblich. Rudolf hatte aber beim Chef mit zähem Feilschen und unter Hinweis auf seine Siemensqualifikationen eine Stufe mehr herausgehandelt, Zähneknirschend hatte "der Alte", wie man ihn auch nannte, wenn man schlechte Laune hatte, darin eingestimmt. Sein letzter offizieller Stundenlohn (ohne Zulagen) war 86 Pfennige. Bei Siemens, im Stücklohn, der kein Akkord war (fester Preis für jedes einzelne Stück; man entschied selbst, wenn es sich machen ließ, wie schnell man es schaffte; man beutete sich also quasi selber aus, nur: in dieser Werkstatt für Elektronenmikroskope waren die
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Vorgaben der Stückkalkulatoren immer ziemlich locker; ein guter Mann kam immer auf seine Kosten. Rudolf hatte es bei Siemens immer auf 1,20 bis 1,40
die Stunde gebracht. Bei Adox fing er mit 1,30 Mark an. Er konnte für’s erste damit zufrieden sein.
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