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Am Abend dieses aufregenden und für alles weitere so wichtigen Tages gab es vielschichtiges großes Familienpalaver. Jeder wollte wissen, wie es diesem Rudolf aus Berlin, mit dem man sich plötzlich so nachfühlbar verwandt wußte, an diesem Tage ergangen war. Die beiden kleinen Schwestern waren am schnellsten zufriedengestellt. Die dreijährige Gabriele fragte nur kurz und eindringlich, ob der Rudolf ihr von der neuen "Fima" etwas mitgebracht habe. Klugerweise hatte er einigermaßen in die gleiche Richtung gedacht und ihr am Kiosk Ecke Mainstraße ein kleines Bilderbuch aus dicker Pappe gekauft, deren einzelne Blätter – was offenbar neu und modern war – durch eine Kunststoffspirale zusammengehalten wurden. Dadurch war das Büchlein leicht und praktisch flach aufzublättern. Abgebildet war eine (alberne) Geschichte unter Waldigeln, sogenannte Mecki-Figuren. Diese Dame war damit zufriedengestellt.
Die siebenjährige Angelika wollte weniger Neues von der "Firma" wissen (sie konnte das Wort selbstverständlich korrekt sprechen; interessant bei den beiden Mädels war nur, daß das Wort Firma für sie einen exotischen Klang hatte, denn ihr Vater ging ja nicht in eine Firma arbeiten, sondern in ein "Amt"). Wichtiger war der Angelika aber - wegen der Charlotte in der Küche, die dem Heimkehrer einen Kaffee machen wollte, - die geflüsterte Frage, ob er ihr vielleicht "ein bißchen" bei den Schularbeiten helfen würde. Nach seiner sofort gegebenen Zusage war auch für sie dieser bemerkenswerte Tag als gut verlaufen abgehakt.
Charlotte brachte den Kaffee, die Kinder gingen in ihr Zimmer, und Mutter und Sohn, die sich ja beide an diese neue Rolle erst einmal gewöhnen, ja eigentlich erst einmal herantasten mußten, setzten sich ins Wohnzimmer nebeneinander auf die Couch und Rudolf mußte berichten. Charlotte hatte ja selber bis zur Geburt ihrer ersten Tochter, das war 1944, beim VDMA in Berlin gearbeitet, zuerst als Sekretärin und dann als Sachbearbeiterin, also immer als Angestellte. Ein Feinmechaniker war aber ein "Arbeiter", für eine Angestellte somit ein ziemlich unbekanntes Wesen. Zwar waren beim VDMA, dem Verband Deutscher Maschinenfabriken, die Kraftfahrer, die Boten und die Pförtner auch Arbeiter, ihrem Vertrag nach, aber ein Fabrikarbeiter, wie er nun in der Gestalt ihres Ziehsohnes neben ihr saß, mußte nun doch erst einmal durch gezielte Fragen nach dem, was ab jetzt alles auf die Familie zukommen würde, als besondere Gestalt erkennbar werden. Ihr größter Schock war die Nachricht, Rudolf müsse um sieben in der Frühe in der Firma sein, sonst würde die Stechuhr rote Zahlen drucken. "Um sieben!?", Charlotte war entsetzt; ihr Willy begann seinen Dienst
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gegen neun Uhr, und etwas anderes war sie vom VDMA auch nicht gewohnt. Rudolf beruhigte sie, sie sei doch nicht betroffen, denn er sei es schließlich seit immer gewohnt, morgens alles für sich alleine zu besorgen. Und frühstücken würde er vor dem Weggehen ohnehin nicht. "Nein? ohne Frühstück willst Du in die Fabrik?" "Aber ja, Charlotte, ich kenne es doch nicht anders; ich mache mir am Abend meine Frühstücksbrote, die kommen dann in die Aluminiumdose, und diese Brote esse ich dann in der Frühstückspause um neun." Der Charlotte war das blanke Entsetzen ins liebe Gesicht geschrieben. Sie ließ es sich von morgen ab nie nehmen, so lange Rudolf bei ihr gewohnt hat (es dauerte nur bis November), ihm jeden Morgen ein frisches doppeltes Brot zu machen, immer üppig belegt. Am liebsten haute sie ihm ein Spiegelei zwischen die beiden gebutterten Brotscheiben, kroß gebacken, das quoll dann seitlich über und wollte nur schwer in die Aluschachtel hineinpassen.
Als Rudolf der Angelika bei den Schularbeiten geholfen hatte, war der Vater nach Hause gekommen. Seinen Weg konnte er zu Fuß machen, denn sein Referat "Systematik" war zu dieser Zeit noch im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma Kalle in der Dyckerhoffstraße untergebracht, es war also nur ein Weg von knapp zehn Minuten, (der Neubau des Amtes am Stresemannring war erst im Entstehen). Charlotte überfiel ihn sogleich mit der für sie so unfaßbaren Meldung, er solle sich doch einmal vorstellen, der arme Junge müsse des morgens schon um sieben in der Fabrik sein. Vater meinte nur trocken: "Warum hat er einen so doofen Beruf; als ich in den zwanziger Jahren als Hilfsarbeiter auf dem Bau gearbeitet habe, beim Brückenbau am Landwehrkanal, ging es mir auch nicht besser." Damit war dieses Thema für immer erledigt. Bei anderer Gelegenheit sagte er nur einmal, diesmal eher bedauernd, es täte ihm leid, aber er könne doch wohl nichts für mich tun, denn von dem Beruf eines Feinmechanikers verstehe er nun einmal schlankweg nichts.
Die Kinder sollten nach dem Abendessen bald ins Bett, und die drei Erwachsenen wollten dann - auf Vaters Vorschlag – ins Stammcafé Gude gehen, in die Straße der Republik, da könne man dann über alles Neue gemütlich in Ruhe reden. So geschah es dann auch.
Wenn der Vater des Abends nicht mit Amtskollegen ausging (die "Doktorenbande", unter denen er der einzige Nichtakademiker war, der sie aber rhetorisch alle in die Tasche steckte; es war tatsächlich – moralisch – eine Bande, denn wenn sie des nachts mehr als angesäuselt sich auf den Heimweg machten, konnte es geschehen, daß am nächsten Morgen einige Autoantennen oder Spiegel
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abgebrochen waren; ja, ja, diese jugendlichen Raudis, hieß es dann in der Zeitung), wenn der Vater also mit diesen losen Burschen, die natürlich alle
verheiratet waren, brave Frauen und liebliche Kinder daheim hatten, mit denen also nicht in eines der alten Weinlokale in der Wagemannstraße oder der Grabenstraße ging, trank er seinen Schoppen am liebsten im Gude, wo ein paar Handwerksmeister und Kleinunternehmer mehr oder weniger regelmäßig Schach spielten oder auch Skat. Beim Skat war der Willy gern gesehen, hart zu spielen hatte er bei seiner Mutter gelernt, und hierbei akzeptierte man ihn in dieser lockeren Runde. Wurde Schach gespielt, ging er davon aus, die anderen seien hierzu zu einfältig, er aber galt bei denen als Regelhallodrie, als Exzenriker. Er konnte es aber nicht lassen, zu kiebitzen und vorlaut immer wieder gute und weniger gute Ratschläge zu erteilen. Ein Druckereibesitzer aus der Gibb, der regte sich darüber einmal derartig auf, daß er aufsprang, sich den nahebeistehenden Mampe-Halb-und-Halb-Elefanten (der war aus Alabaster, aus Edelgips) schnappte und tatsächlich weit ausholte, um ihn dem neunmalklugen Willy auf den Kopf sausen zu lassen. Die hinzuspringende Wirtin konnte das Schlimmste verhindern, Willy kam mit einer beträchtlichen Brüsche am Kopf davon, und der Drucker brauchte nicht wegen versuchten Totschlags im Affekt vor den Kadi. Das Lokal mußte der Kiebitz für eine Weile meiden.
Die Doktorenbande war die junge Elite des Amtes. Ludwig Ehrhard hatte als Wirtschaftskönig der Zweizonenverwaltung in Bad Homburg den Volkswirt Gerhard Fürst zum Oberstatistiker gekürt und ihm den Aufbau des Amtes für Statistik übertragen, in Amtsdeutsch fälschlicherweise Statistisches Bundesamt geheißen (dreistöckiger Hausbesitzer, denn das Amt ist ja nicht statistisch sondern die Ergebnisse seiner Tätigkeiten), das dann 1953 in den Neubau am Stresemannring in Wiesbaden einzog, dem ersten Hochhaus dieser Stadt; (der Volksmund sagte sofort Buddhistisches Standesamt). Bis das Haus bezugsfertig war, waren alle Abteilungen und Referate über die ganze Beamtenstadt verteilt. Vater saß, wie erwähnt bei Kalle. Fürst war ein Herr und Gentlemen in Wesen und Erscheinung. Er holte sich die besten Statistiker und den Nachwuchs, wo er sie kriegen konnte. Meine Herren, hieß seine Parole, Weiterbildung ist angesagt. Hardwaregrundlage waren die Lochkarten, und es galt, auf allen Gebieten so schnell als möglich den internationalen Anschluß wieder herzustellen. Die Junge Garde wurde nach Speyer geschickt, auf die spätere Verwaltungsakademie des Bundes. Das Statistische Bundesamt war ja ab 1953 auch eine Oberste Bundesbehörde, die dem Bundesinnenministerium in Bonn zugeordnet war.
Die lernwilligen höheren Verwaltungseleven gingen also geschlossen nach Speyer, um sich mit Forsthoffschen Maximen der Verwaltungslegitimität quasi
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preußischer Provenienz und zum Ausgleich dazu mit den moderneren Methoden amerikanischer Pragmatik einer etwas anders gearteten Staatsauffassung vollpumpen zu lassen. Mit diesen Herren ging eine Dame nach Speyer, von der
die Fama selbstsicher flüsterte, sie sei des Fürsten heimliche Freundin, und er sei gewillt, sie richtig aufzubauen für eine Glanzkarriere. Mißgünstig zu denken
wagten die jungen und übermütigen Herren gar nicht, denn die intellektuelle und
fachliche Qualifikation dieser Dame war unbestritten, was sie auch in Speyer mühelos unter Beweis stellte. Als diese Bande dann aber nach bestandenem Abschluß des Königslehrgangs wieder nach Wiesbaden zurückkam, eröffnete ihnen der Amtschef Fürst klipp und klar: Meine Herren, sie warten auf ihre Verbeamtung, das ist ihr gutes Recht. Ich brauche ehrgeizige Leute, die es zu etwas bringen wollen. Mit einem Faktum aber sollten sie sich stillschweigend abfinden: Die erste Regierungsrätin in diesem Amt wird ihre Mitstreiterin in Speyer, die hochqualifizierte Frau Dr. B. sein. Wenn diese Ernennung durch ist, sind sie sukzessive an der Reihe, damit dies von vornherein allen klar ist. Wem das nicht gefällt, möge zum Statistischen Landesamt wechseln oder sich anderweitig ein Amt suchen. Der Fürst hat Wort gehalten. Man murrte heimlich, aber man konnte nichts machen. Auch aus der Sicht des Personalrates war die B. eben die Beste und also favorisiert. Sie wurde als erste Regierungsrätin, bald hatte sie eine eigene Abteilung, sie wurde Vizepräsidentin dieses Amtes, und als der Fürst beamtenrechtlich mit höchsten Ehren – als Bundeswahlleiter kannte ihn die gesamte Republik – sich die Krone des verdienten Ruhestandsbeamten aufsetzen durfte, wurde die Dr. B. seine Erbfolgerin.
Erzählt wird das hier nur aus folgender Bewandtnis: Auch der Vater unseres Rudolf mußte also warten, bis er dran sein würde für die freie A-13-Stelle als Regierungsrat. Das paßte ihm aber nicht, denn er war der geborene Macho und war eigentlich nur gewillt, den Damen beim Eintritt in die Empfangshallen teurer Restaurants oder ähnlicher Etablissements den Vortritt zu lassen. Und wenn Damenkarrieren im höheren Verwaltungsdienst auch heute noch nicht die Regel sind, damals schien das Arrangement des zielstrebigen Dr. Fürst geradezu revolutionär. Vater engagierte sich mit gleicher Zielstrebigkeit in der DAG, in der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft. Er wurde promt Vorsitzender des Personalrates und erklärte eines schönen Saufabends im Beschissenen Eimer, ihrem Lieblingsweinlokal in der Wagemannstraße, die damals noch eine dezente Hurengasse war, erklärte also in der Runde der Recken aus Speyer – zu der die Dame im Schachspiel des Fürsten natürlich nicht gehörte: "Kollegen, nehmt zur Kenntnis, ich verzichte definitiv auf den Beamtenstatus. Ich bleibe Angestellter, Basta." Dieses Wort hat er gehalten. Er war jahrzehntelang Vorsitzer des Personalrates. Viele Karrieren hat er mitbefingert, viele Kollegen verdankten seinem Zuspruch zum Beispiel eine Wohnung, damals eines der rarsten Güter.
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Er selber bekam als Systematiker ein eigenes Referat, und war als Referent im Organisationsplan des Amtes der Präsidialebene unmittelbar zugeordnet. Der Dr. Fürst akzeptierte seinen Dickkopf und nahm ihn auch als Angestellten für
voll. Gehaltseinbußen brauchte er nicht einzustecken und war bald in BAT 2. Aber als "die Fürstin", wie sie jeder nannte, Vizepräsidentin wurde, war es mit
seiner Reichsunmittelbarkeit zu Ende. Die Systematik war inzwischen zwar ein Großreferat, er hatte als Referatsleiter viele Hilfsreferenten und angestellte Mitarbeiter, aber die Vizechefin baute sein Referat eiskalt in ihre Abteilung ein. Jetzt war er – so oder so – ihr Untergebener. Wenn er ohne sie zu fragen den Fürsten sprechen wollte, mußte er es als Personalratsvorsitzender tun. Als sie dann Präsidentin war – man vertrug sich ja im Alltag der Probleme der Amtsführung und des Personal- und Systematikwesens, - da schickte sie ihn in seinen letzten Amtsjahren alternierend mit seinem Referatsstellvertreter P. jeden zweiten Monat nach Luxemburg und Brüssel zur EWG/EG/EU. Sie hatten sich beide am Ende seiner Karriere arrangiert, aber seine Pensionsurkunde ließ er sich – mit vorgeschützter Krankheit – nach Hause schicken. Er wollte sie nicht aus ihrer Hand.
Nach diesem gewaltigen Zeitvorgriff in der Erzählung sind wir wieder auf dem Wege ins Café Gude. Noch ist dieser Vater nicht stellvertretender Vorsitzender der DAG, noch ist er nur ein abendlich müder Referent, der seinen Wein trinken will und eine Lokalatmosphäre braucht, um sich in kleiner Runde mit der Ehefrau von seinem Sohn erzählen zu lassen, ob der Sohn nun eine Arbeit habe, die bezahlt würde und seinen Wünschen und Fähigkeiten entspräche.
Es wurde trockener Rheingauer Wein bestellt und man stieß auf den Erfolg des Sohnes an. Rudolf berichtete alles, aber den Vater interessierten weniger die fachlichen Details von Rudolfs Bericht, er wollte eher wissen, wie dieser Rudolf sich sein Verhältnis zum schönen Geschlecht für Gegenwart und Zukunft vorstelle.
Damit brachte er den Rudolf in nicht geringe Verlegenheit. Rudolf hatte ja in Berlin, und zwar in Westberlin, eine Freundin zurückgelassen. Diese Freundin war seine ganze Seligkeit. Sie war ein Jahr älter als er – was man ja nicht sehen konnte – und es war kein Geheimnis, daß sie in diesem Verhältnis "die Hosen anhatte". Jedenfalls sah die Familie das so (worüber noch zu sprechen sein wird). Rudolf war seit vier Jahren mit diesem Mädchen zusammen, er war immer glücklich mit ihr gewesen und er wäre – mit seinen dreiundzwanzig Jahren – wenn es den Dickkopf ihres Vaters nicht gegeben hätte, gewiß längst mit ihr verheiratet. Dann hätten sie beide eine kleine Wohnung in Westberlin, Rudolf wäre noch Feinmechaniker in der Abteilung für Elektronenmikroskope
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bei Professor Ruska (dem späteren Nobelpreisträger) in der Firma Siemens in Siemensstadt, er studierte weiterhin im vierten Abendsemester der Ingemieurschule Gauss, und er säße dann folglich nicht hier mit Vater und
(Stief)Mutter im Café Gude und brauchte nicht Vaters ironisch bohrende Fragen zu beantworten.
Den Namen dieses überaus liebenswürdigen, so anmutig wie selbstbewußten Mädchens wollen wir als Erzähler der Geschichte des Rudolf Anders an dieser Stelle noch nicht einblenden. Wir werden ihn nachholen, wenn es sich schickt, diese wunderschöne und wundersame Liebesgeshichte als Rückblende einzuschalten. Zuerst muß dem interessierten Leser verständlich gemacht werden, um welch kompliziertes Verwandschaftsverhältnis es sich hier handelt, weil offenbar gerade diese verzwickten Umstände das Veto des Brautvaters bewirkt hatte.
Rudolf war 1947 zu seiner Großmutter, der Mutter seines (unehelichen) Vaters nach Mahlsorf gezogen. Die LeserInnen von "Berlin Friedrichshain" kennen diese Geschichte. Statt mit fünf Personen bei der Mutter und dem Stiefvater in einem kleinen Zimmer in Lichtenberg hatte er bei seiner liebenswürdigen und dynamischen Großmutter ein eigenes Zimmer und lebte dort nach der Misere der Familienenge beinahe wie Gott in Frankreich, verwöhnt und behütet, mit eigenem Zimmer, Schreibtisch, Bett und Bücherschrank. Wenn ein Neunzehnjähriger nur Arbeitet und auf die Abendschule geht und keine Freundin hat, wird die Familie nervös oder mißtrauisch. Rudolf selbst sah diese Dinge gelassener.
Vom Wesen her war Rudolf eine echte Jungfrau. Er träumte von der Königstochter, die er tapfer vom Drachen – was immer das sei – befreien wollte, damit sie ihn von seiner Sehnsucht nach dem Weißnichtwas erlösen würde. Immer wenn er eine angeschaut hatte, weil er sie erkennen wollte, war bisher etwas kriegerisches dazwischengekommen. In der Lehrzeit bei Telefunken brachten immer wieder das Chaos der Bombenangriffe und der Streß des Dienstes als Flakhelfer und der Luftschutzeinsatz alle zaghaften Bemühungen um zärtliche Gelegenheiten zum Einsturz. Das Wehrertüchtigungslager in Pommern kannte nur Druck und gnadenlose Härte bei Geländeübungen und Waffenausbildung, aber keine Freizeit. Beim Reichsarbeitsdienst in Husum vermieste dem Rudolf die ordinäre Bemerkung eines Feldmeisters ("ihr habt doch hoffentlich eure Pariser dabei, wenn ihr ins Bordell wollt") die Lust am wohlverdiensten Ausgang nach harter Woche bei Sturm und Kälte. Bei der Wehrmacht, zur Ausbildung in Unna, schreckten ihn – er war der Jüngste auf der Stube – die zotenreichen Ankündigungen der Stubenkameraden ("weißt du,
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was wir mit den Weibern am Samstag machen ..."), es überhaupt mit dem Nachtleben in Unna zu versuchen. Das Leben auf dem Truppenübungsplatz Döllersheim im österreichischen Waldviertel, der Marsch nach Kroatien, die
amerikanische Gefangenschaft, das waren alles reine Männerspiele ohne Frauenglanz und Weiblichkeitsgeflitter. Seine Bücherfee, die Biedermeierdame aus der Leihbücherei am Traveplatz, die erfüllte zwar alle seine geistigen
Sehnsüchte mit Büchern und Cembalomusik, aber sie war dreißig Jahre älter als er und faßte ihn nicht an. Sie war das Schulschiff für seine Bildung, aber die Brigg blieb im Hafen, und Segel wurden nicht gesetzt. Zwar stand er in Gedanken oft träumend am Mast, aber der Mut, aufzuentern, fehlte ihm. Zu klagen war da nichts, es wurde halt weiter geträumt.
Die Großmutter in Mahlsdorf versuchte sofort, ihn auf dem Umweg über die Tanzschule in Kontakt mit der holden Weiblichkeit zu bringen. Aber: allzu spitz sticht nicht, sie machte und meinte es zu gut und perfekt. Sie bezahlte die Tanzstunde mit der Maßgabe, er müsse die Nichte, die bei ihrer Schwester am Wedding wohnte, treulich mit in die Tanzstunde geleiten. Da diese Nichte ein hochintelligenter, liebenswürdiger Trampel von hundertachtzig Pfund war, mit der niemand tanzen wollte, scheiterte auch dieser Einstieg ins volle Menschenleben, denn Rudolf mußte die Nichte selbstverständlich nach Hause bringen. So blieben das sehnsüchtig angehimmelte Fräulein Adler und der Rudolf ungeküßt. Die Frau Harder, die bei der Oma wohnte, weil sie in der Stadt ausgebombt war, hatte auch eine Nichte. Die Tochter eines kriegsinvaliden Metzgers, dessen Grundstück unmittelbar an die Hinterseite des Grundstücks der Großmutter grenzte. Man grüßte sich. Sie war süß, aber eher noch schüchterner als der Rudolf. Morgens traf man sich an der Haltestelle Uhlenhorst auf dem Perron der Straßenbahn, fuhr gemeinsam vier Stationen bis Köpenick, plauderte wie gute Nachbarn, dann trennten sich ihre morgendlichen Wege. Er fuhr nach Schöneberg zu Klangfilm, sie arbeitete in Köpenick. Eine abendliche Verabredung vorzuschlagen, wagte keiner von beiden. In der S-Bahn stieg in Bahnhof Sonnenallee "seine kleine Elisabeth" zu. Sie arbeiteten beide bei Klangfilm. Elisabeth war zwei Köpfe kleiner als er. Ihrer beider Augen sagten, wir könnten uns lieben, aber ein komisches Paar wollten sie wohl beide nicht sein.
Im Oktober ergriff die Großmutter erneut die Initiative, diesmal vielleicht ganz ungewollt. Sie erklärte dem verblüfften Rudolf: "Wir beide fahren morgen nach Westberlin, zu Tante Herta, der Schwester von Charlotte, deiner Stiefmutter, die hat am 20. Oktober Geburtstag." Na prima, dachte Rudolf, lerne ich auf diese Weise wenigstens einmal die andere, die unbekannte Seite dieser verzwickten Familie kennen.
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Die Tante Herta war mit dem Karl verheiratet, einem früheren Draufgänger. Er war gelernter Kupferschmied, ein gestandener Mann. Herta war seine zweite
Frau. Die erste, Tochter seines Meisters, hatte er entführt und – gegen den Willen seines Meisters, des stadtbekannten Kupferschmieds – in einer fremden Stadt geheiratet. Aus dieser Ehe hatte er eine Tochter C., deren Namen wir hier noch immer nicht nennen. Seine Frau war ihm früh gestorben (Handlungen gegen die gesellschaftliche Ordnung sind oft glücklos), so heiratete er die Herta, die aus dem gleichen Ort stammte wie er, nämlich aus Penkuhn in Pommern, sie schenkte ihm noch eine Tochter und die vier waren eine harmonische, feierfreudige Familie. So wurde es dem Rudolf erzählt, und er freute sich auf die Begegnung mit diesen Leuten.
Die Kaffeetafel war lebhaft, Tante Herta war eine Musterhausfrau, Kuchen und Kartoffelsalat waren eine Wucht, Onkel Karl spendierte Bier und Schnäpschen, alle waren selig und plauderten von alten Zeiten und (ohne daß man es erwähnte) man war froh, den Krieg heil überstanden zu haben. Karl war Hausmeister im ehemaligen Reichsversicherungsamt am jetzigen Reichpietschufer, nahe der Bendlerstraße. Das Haus war ein wuchtiger riesiger grauer Kasten aus Quadern, eine echte preußische Verwaltungszentrale, die einem beeindruckend vor Augen führte, wie Staatsgefühl von Architekten umgesetzt werden kann. Das Haus war jetzt belegt mit zahlreichen Behörden, Firmen und sonstigen städtischen Einrichtungen. Karl war ein wichtiger und vielbeschäftigter Mann voller Selbstvertrauen und mit vielen Beziehungen. Seine Familie wohnte im Erdgeschoß dieses Amtskolosses in einer unbeschädigten Prachtwohnung mit ellenlangem Flur, einer riesigen Küche und weiß Gott wieviel Zimmern. Beim ersten Besuch konnte man sich fast verloren in dieser Etage fühlen. Aber man war nicht verloren, als Besucher schon gar nicht, und da man ja laut Stimmung der Großmutter zur Familie gehörte, war man guter Dinge. Und da waren die beiden Töchter. Die Jüngere war ein Kind ("ich bin kein Kind mehr"), sie war dreizehn, hatte herrliche dicke Zöpfe und bekam Klavierunterricht. Sie zeigte dem Rudolf wie ein Wirbelwind die Wohnung: Schau mal hier, sieh mal dort ... "Und wo ist deine Schwester?" Sie stutzte, schaute ihn prüfend und spöttisch an und meinte dann ruhig und sachlich: "Die arbeitet beim Magistrat am Alexanderplatz und müßte jeden Augenblick nach Hause kommen."
Sie, das Mädchen C., schloß tatsächlich in diesem Augenblick die Tür auf, stellte ihre Tasche auf den bunten Kachelboden im riesigen, verwinkelten Vorraum und sagte: "Holla, der Besuch ist ja schon da."
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Die Kleine stellte die Große dem Rudolf und den Rudolf der Großen vor, man ging gemeinsam ins Wohnzimmer, und Rudolf setzte sich mit klopfendem Herzen wieder auf seinen Platz und schaute auf seine Kaffeetasse. Verstohlen
schaute er auf das Mädchen C., die aber lachte ihn frank und frei an und meinte laut und unbekümmert: "Du bleibst doch bis zum Abend, es kommen ja noch Gäste, die können alle erst gegen acht."
Rudolf wurde verlegen, druckste herum und meinte, das ginge ja nicht, denn er müsse doch nachher zur Tanzstunde, da wartete doch die dicke Nichte. Das hatte die Großmutter nicht bedacht. Es war ja Donnerstag, Tanzstundentag. Was nun? Das Mädchen erklärte keck: "Ach was, die Tanzstunde läßt du heute einfach mal sausen. Tanzstunden gibt es immer, Mamas Geburtstag ist nur heute. Alles lachte, die Großmutter schwieg, Rudolf war schwankend zufrieden (Was würde Fräulein Adler denken?).
Als die Mädchen die Kaffeetafel abgeräumt hatten, Rudolf half ihnen, da machten sie zu dritt in der Küche Pläne: Deckenbeleuchtung aus, Stehlampe an, Schallplatten herauslegen und den Plattenspieler aufstellen. Holla, meinte der Onkel Karl, ach laß doch die Kinder, besänftigte ihn die Tante Herta, und ehe man es sich versah, tanzte der Rudolf mit den Mädchen, vorsichtshalber und sozusagen aus Spaß ("ich bin kein Kind mehr") natürlich mit beiden. Dann kamen die Gäste, zwei befreundete Familien: ein Käsehändler mit seiner Frau, der berliner Feinkostgeschäfte mit seinem Auto belieferte, und ein Angestelltenehepaar mit einer Tochter, die im Alter zwischen den beiden anderen Mädchen einzuschätzen war. Der Abend wurde lang und lustig. Man trank Bier, die Männer gelegentlich einen Schnaps und die Damen ein Likörchen. Als Rudolf gegen halb zwölf mit seiner Großmutter Richtung Potsdamer Platz zur S-Bahn stiefelte, er hatte die Oma untergehakt, beide waren ein wenig beschwipst, da konnte Rudolf noch nicht wissen, welche vier Jahre vor ihm liegen würden, und daß er nie mehr im Leben eine Tanzschule von innen sehen würde. Lateinamerikanische Tänze, die zweite Staffel, die er nun promt versäumte, blieben ihm aller Lebtage ein taktverwirrendes Rätsel.
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