Kapitel VIII


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War schon diese eigentlich lustige, erlebte kleine Anekdote dem zum Zynismus neigenden Vater kaum zu erzählen – der neuen Mutter hatte er sie längst berichtet, aber die konnte schweigen und hatte damit sofort sein Herz gewonnen; sie beichtete ihm dafür ihre Haushaltsgeldprobleme, und diese unerwarteten Eröffnungen über bestimmte offensichtlich fixierte Charakterzüge des strengen Vaters, der offensichtlich eher zu anderen als zu sich selber streng war, ließ Stiefmutter und Stiefsohn enger zusammenrücken – so war das eigentliche Durchbruchserlebnis des schüchternen Rudolfs bei und mit seiner Christine dem Vater schon überhaupt nicht mehr zu erzählen.

Die Leserin erinnere sich an das Stichwort Kartoffeln: Ihr Hauptqualitätsmerkmal zu dieser Vorwährungszeit war eindeutig: Es gab immer zu wenig. Neben Zigaretten – soweit es Raucher betraf; Rudolf rauchte nicht – waren gerade Kartoffeln das Nahrungsmittel, dessen Knappheit den norddeutschen Kartoffelessern täglich schmerzlich bewußt wurde. Christine beschloß mit einer beide Familien umfassenden fürsorglichen Geste: "Rudolf, wir müssen nach Pommern fahren, wir müssen uns auf den Weg machen Richtung Penkun. Hast du einen genügend großen Rucksack?" Hatte er nicht, leider, denn er war nicht mit einem Rucksack aus der Gefangenschaft heimgekehrt, wie so viele, weil der Rucksack in der letzten Kriegsphase zur Standardausrüstung des gemeinen Soldaten gehört hatte, nein, er war bei einer Einheit gewesen, deren Kriegsmaterial in vielen Bereichen noch die Ausstattungsmerkmale des ersten Weltkrieges getragen hatte. Statt mit einem Rucksack war er im September 45 mit einem klassischen Tornister auf den Rücken heimgekehrt zu seiner Mutter, und die hatte die mangelnde Brauchbarkeit eines Tornisters zum Kartoffelhamstern auch sogleich erkannt. Obgleich seine Oma Wenzel noch über so manches ältere Ausstattungsstück dessen verfügte, was man so in einem gut gerüsteten Haushalt anzutreffen gewohnt war, einen Rucksack besaß sie aber ebenfalls nicht. Man setzte sich mit dem Käsehändler in Verbindung, der hatte nicht nur einen Auto, der hatte auch einen Rucksack. Es konnte losgehen.

Am Stettiner Bahnhof gab es umstandslos Fahrkarten. Die Reichsbahn brauchte Geld, ob sie die potentiellen Fahrgäste, denen sie Fahrkarten verkaufte, auch transportieren konnte, kümmerte die Bahnräte wenig Als Christine und Rudolf auf dem Bahnsteig anlangten, staunten sie zwar nicht schlecht, doch waren sie keineswegs überrascht, schließlich kannten sie die Lage: Man sah kaum noch die Waggons, man sah nur Menschen, die fast aus allen Fenstern quollen,

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Menschen, die jedes freie Trittbrett schon besetz hielten, und dies auf beiden Seiten! Aber wie Menschen sich in Notzeiten im konkreten Fall verhalten werden, ist nie vorhersagbar. Es hieß, als die beiden Verliebten mit skeptischen Mienen so den Zug entlang gingen, ziemlich bald aus einem der Fenster: "Na, Meechen, nu kiek mal nich so traurich, komm rinn, hier drinne is noch een Platz for dir." Gesagt, getan, die draußen auf den Trittbrettern stehenden Männer hievten die handfeste Christine – sie hatte Schihosen an – mit Schwung hoch und kopfüber ging es durch’s Fenster ins nächste beste Abteil. Rudolf fand noch eine freie Ecke auf einem Trittbrett, und siehe da, sie waren keine Minute zu früh gekommen, ein Pfiff, die Kelle wurde gehoben, und durch den Zug ging der jedem vertraute sehnsuchtsschwangere Ruck, der alles und nichts verheißen konnte: Zwei verliebte Berliner auf dem Weg nach Pommern.

Sind sie schon einmal auf dem Trittbrett eines Personenzuges der Deutschen Reichsbahn gefahren? Nein? Dann haben sie etwas versäumt, allerdings keineswegs etwas Erstrebenswertes. Positiv war nur die sich nachdrücklich einprägende Empfindung, donnerwetter, die vorschriftensüchtigen und dienstanweisungsgehärteten preußischen Bahnbeamten, genauer: großdeutschen Bahnbeamten, sie konnten offensichtlich auch anders, denn diese fahrende Menschentraube verstieß nun wirklich und tatsächlich gegen jede verkehrstechnische Vernunft. Aber Vernunft ist eben unvernünftig, wenn doch offensichtlich Unvernunft vernünftig ist. Also dachte sich keiner der draußenhängenden Reisenden das geringste in Bezug auf etwaige Vorschriftswidrigkeit. Man zog den Kragen hoch, zunächst wegen des Fahrtwindes, versicherte sich nachdrücklich eines festen Haltes, und vor allem galt es, auf keinen Fall einzuschlafen, trotz des wiegenliedhaften rattatat der Radsätze über den Schienenfugen, die damals noch alle fünfzehn Meter den Schienenstrang in kleine Abschnitte teilten (stoßlose Endlosschienen waren noch ein unvorstellbares Fortschrittsergebnis im dunklen Schoß einer vieles ermöglichenden Technikzukunft).

Auch wenn man gut stand, sich gut und vertrauensvoll festhielt, - die echten und hartgesottenen Raucher rauchten sogar noch hier in dieser artistennahen Position – eines war verdammt unangenehm: das unausgesetzte Rieseln des Kohlengrießes, denn die stampfende und puffende Lock entließ aus ihrem kurzen Kamin, aus ihrem Schornstein nicht nur die so malerischen Dampfwolken, man mußte ja mit mieser, schlackenreicher Braunkohle heizen und fahren, und das hatte eben zur Folge, daß einem ununterbrochen die feinen schwarzen Asche- und Schlackekrümel auf den Kopf und in den Kragen rieselten. Das Zeug war nicht nur dreckig, die etwas größeren Krümel waren zudem auf ihrem Wege durch die Luft noch nicht völlig abgekühlt und konnten

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ekelhaft glühend sein und auf der Haut sehr unangenehm weh tun. Also Kragen ganz fest zu, vier Knoten ins Taschentuch, damit nicht gleich die Haare ansengten, denn eine Mütze aufzusetzen hatte der Rudolf nicht bedacht und die alleskluge Christine auch nicht. Also die blanken Hände so klein als möglich machen, Hinterkopf in Fahrtrichtung und lässig die unvertraute Landschaft betrachtet, die der ziemlich gemütlich dahineilende Personenzug für das schauende Auge zurückließ

Oranienburg war längst vergessen. Hier hatte der Kommunist Eugen Trool im Konzertlager gesessen, der die Oma Anders, seine Arbeitgeberin, der er häufig an ihrem Obstwagen zur Hand gegangen war, aus Rache bei der Gestapo verleumdet hatte mit der ungeheuren Anschuldigung, sie habe in der Nacht vor dem Reichstagsbrand den van der Lubbe bei sich beherbergt. Die Leser von "Berlin Friedrichshain" wissen Bescheid. Die Stationsnamen wurden dem Rudolf, trotz Landeskundeunterricht in der Volksschule mit jeder Fahrstunde unvertrauter. Aber auch die längste und die unvertrauteste Fahrtstrecke hat einmal ein Ende. Als sich die Christine, diesmal mit den Füßen zuerst, wieder aus ihrem Abteilfenster herausbugsieren ließ, schüttelte Rudolf sich die Asche vom Haupt, entknotete sein schönes Taschentuch, das so manchen bösen Brandfleck aufwies (Oma Wenzel würde schimpfen), klopfte sich alle Krümel von den Klamotten, und die beiden Reisenden machten sich in zahlreicher Begleitung auf den Weg. Halb Berlin schien mit Penkun verwandt oder verschwägert zu sein.

Stadtluft macht frei, aber für hungrige Städter ist die überraschend kräftig riechende Landluft bekömmlicher. Christine kannte sich hier aus. Ihre Mutter war ja sogar hier geboren. Mit einweisenden Gesten zeigte sie dem Rudolf, mal nach rechts, mal nach links deutend, daß hier die X und dort die Y wohnten, und ergänzend fügte sie hinzu: "Keine jüdische Hast, gleich sind wir dort, wo wir hinwollen, nämlich bei Tante Jule. Tante Jule ist Papas Schwägerin. Sie war in erster Ehe mit Papas Bruder verheiratet; der ist im ersten Weltkrieg an der Somme gefallen. Tante Jule ist wieder verheiratet. Sie heißt eigentlich Johanna. Wie sie zu dem Spitznamen gekommen ist, weiß ich nicht. Jedenfalls ist sie keine Jule, sondern sie ist eine sehr liebenswürdige Frau, eine arbeitswütige Rackerin, von der du das letzte Hemd haben kannst, wenn du in Not bist. Sie hat zwei Söhne, einer in unserem Alter, der jüngere ist dreizehn. Ihr Mann Nebenerwerbslandwirt, aber die werden wohl alle bald in einer LPG, einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft landen. Er ist ein gutmütiges Schaf und macht alles, was ihm seine Frau sagt." Das wichtigste, was Rudolf zunächst wissen mußte, war damit gesagt.

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"So, hier sind wir." Christine warf ihren Rucksack auf die Bank vor dem Eingang des flachen Hauses, das mal weiß getünscht gewesen sein muß, jetzt aber ziemlich grau doch in seiner niedrigen Geducktheit einladend wirkte. Rudolf blieb noch zögernd stehen, Christine klopfte an, kräftig und entschlossen, drückte aber sogleich die wunderschöne gußeiserne Klinke herunter und ging hinein in die Küche, aus der sofort ein appetitlicher, die Magenwände kitzelnder und die Speichelproduktion anregender Duft nach brutzelnden Bratkartoffeln mit Speck den Eintretenden in die Nase zog. Die Köchin, unzweifelhaft Tante Jule, stand am Herd, eine Hand am Pfannenstiel, in der Rechten einen Holzlöffel zum Umwenden, drehte sich um und rief im schönsten pommerschen Platt: "Nu, dat is ja man ne deftige Überraschung. Wat heft je nich geschriewen?" "Ach, mein Gott, Tante Jule", beschwichtigte Christine, "Es war dringend, und da hättest du die Karte doch nicht mehr rechtzeitig bekommen."

Rudolf wurde der Tante Jule vorgestellt, und die schaute sich den unbekannten jungen Mann an, der eigentlich – in ihren Augen – noch ein Junge war, beschaute ihn prüfend von oben bis unten, blickte prüfend auf ihre Nichte und fragte mit entwaffnender Aufrichtigkeit: "Habt ihr beede wat mittennander?" Und Christine, die niemals auf den Kopf gefallen war und den gleichen Ton auf Lager hatte, antwortete mit dem geflügelt gewordenen Kurzsatz: "Bis jetzt noch nicht, Tante Jule."

Wie Perlen auf der Zeitschnur erschienen kurz hintereinander Julchens beide Buben, Walter, der größere, der seiner Cousine Christine einen Kuß auf die Backe gab und den Fremden ein wenig mißtrauisch beäugte, und Andreas, das Kind, der Christinen freudig lachend um den Hals fiel. Als letzter kam der Hausherr. Der roch nach Kuhstall, hatte derbe, abgewetzte Arbeitsplünnen an, war einen Kopf kleiner als seine Jule, sagte zu Christine: "Na, Meechen, biste ooch wat wedder doa?" und drückte dem Rudolf mit seiner Melkerhand so kräftig die rechte Flosse, daß der Mühe hatte, nicht Aua zu sagen.

Bald saß man um den stabilen Bauerntisch, es ging sogleich familiär gemütlich zu, Rudolf hatten sie alle ruck-zuck vereinnahmt, man schenkte ihm keine besondere Beachtung, bezog ihn aber ins allgemeine Frage- und Antwortspiel ein. Zunächst bekam jeder einen Teller Gemüsesuppe, die hatte die Jule schon längst fertig, und die Bratkartoffeln wurden zunächst aufgeteilt zwischen die unerwartet aufgetauchten Gäste und dem am Stirnende des Tisches präsidierenden Wirt. Den maulenden Jungen wurde von der leise aber resolut sprechenden Jule beschieden: "Seid ruhig, die beiden waren sechs Stunden auf

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der Bahn unterwegs und haben größeren Hunger als ihr. Ich mach‘ gleich noch ‚ne Pfanne." So geschah es.

Während alle noch mampften, fragte die Christine den Walter, ob heute Abend Tanz sei, es wäre ja Sonnabend. Der bestätigte das nickend, weil er den Mund voller Bratkartoffeln hatte. Und Christine verkündete: "Walter, dann gehen wir dreie tanzen, klar?" Walter wußte nicht, ob er sich freuen oder wundern sollte, denn mit der Christine tanzen gehen, bei diesem Vorschlag gingen seine Augenbrauen wie an Bindfäden gezogen steil nach oben, aber seine skeptische Schnute schien zu fragen: "Un wat soll dieser Dößbattel us Berlin dadebi?"

Sie gingen also zu dritt in Richtung Tanzsaal, der sich rechtwinklig an den Dorfkrug "Zum Strandhafer" anschloß. Man brauchte nicht durch den Schankraum zu gehen, man konnte den Tanzsaal durch ein größeres Tor unmittelbar betreten. Ein vieltöniges Stimmengewirr und die letzten Takte einer ziemlichen Dorfmusik schafften im ersten akustischen Eindruck Atmosphäre. Die drei Neuankömmlinge wurden von den an der Tür stehenden Burschen gemustert: Walter war ja einer von ihnen, Christine war bekannt, wurde aber von oben bis unten taxiert, inwieweit sie sich verändert habe, und ob man wohl mit ihr anbändeln könne, oder ob man es dann etwa mit dem Walter oder gar mit diesem fremden Bubi zu tun bekäme.

Rudolf staunte Bauklötzer, als man ihm nach dem Bezahlen des Eintritts (er bezahlte generös für drei) einen Gummistempel auf den linken Handrücken drückte an Stelle einer Eintrittskarte. Die beiden anderen Gäste bekamen aber auch einen aufgedrückt. So war das hier also. Noch mehr staunte er, als er tatsächlich den Saal betrat. Das durfte doch nicht war sein: An der linken Saalseite, auf Stühlen zwar, aber aufgereiht wie die Hühner auf der Stange, saßen alle die Mädchen des Dorfes oder der Nachbarschaft, und prompt und folgerichtig, dem Rudolf fielen die Augen raus und die Unterlippe Richtung Schuhspitzen: Da saß tatsächlich entsprechend der Dirnenreihe die männliche Jugendschar in analoger Reihe an der Rechten Mauer, jeder ein Bierglas in der Hand. Rudolf verhielt sich zögernd, er dachte, die Christine wird hier doch nicht das Spiel von Weissensee wiederholen wollen, doch Walter erlöste ihn vom Grübeln, boxte dem Rudolf kumpelhaft in die Seite und meinte versöhnlich: "Los, mach schnell, dort sind noch zwee freie Stühle" und schubste seinen unerwarteten Gast, den er wohl eher als Konkurrenten einschätzte, in Richtung der freien Plätze. Christine steuerte zielstrebig zur Damenriege und wurde dort lachend, fragend und schnatternd empfangen.

 

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Walter schleppte sogar kameradschaftlich zwei Bier herbei, man setzte sich, und harrte der kommenden Ereignisse.

Zunächst machte die Kapelle erst einmal Pause. Rudolf konnte sich in aller Ruhe umschauen. Die Mädchen waren überraschend gut angezogen. Alle hatten Kleider an, auch Christine hatte vorhin, zu Hause bei ihrer Tante, zu Rudolfs Verwunderung, ein hübsches Kleid aus ihrem Rucksack gezaubert. Sie hatte das Tanzen also von vornherein einkalkuliert, ihn aber nicht vorbereitet und nicht eingeweiht. Er unterschied sich aber, wie er bald in die Runde schauend feststellen konnte, mit seiner Arbeitshose und mit seinem karierten Sporthemd und dem handgestrickten Pullover, der das Liebeswerk der Frau Harder war, Oma Wenzels Untermieterin und Hausdame, in nichts von den jungen Leuten rechts und links an seinen Seiten.

Die Kapelle nahm ihre Instrumente wieder auf, nachdem die Musiker ihre Biergläser unter die Stühle und die leeren Schnapsgläser in ein rundes Serviertablett mit hohem Rand gestellt hatten, und begann zu spielen, zur Freude aller etwas gezogen Langsames, einen Büchsenöffner, wie man beim Militär gesagt hatte, was sogar der schüchterne Rudolf wußte. Die Burschen stürzten sich wie Schwimmer kopfüber quer durch den Saal hinüber zur Damenreihe, jeder schnappte sich ein Mädchen, die Christine konnte sich einen aussuchen, was sie auch genüßlich tat, der Walter war keineswegs der Erwählte, und Rudolf blieb allein mit dem Dorftrottel auf der Männerseite übrig, wie ein Mauerblümchen. Es herrschte ohnehin leichter Frauenüberschuß, drüben saßen nach dem hektischen Auswahlvorgang noch drei vier Mädchen, auch hübsche, doch Rudolf traute sich zunächst nicht hinüber. Die vorbeitanzende Christine, geführt von einem hübschen Burschen mit Siegerlächeln, winkte grüßend Richtung Rudolf und fand alles offensichtlich völlig normal und überaus in der Reihe. Rudolf bemühte sich, gute Miene zu machen und hoffte, es sei ihm leidlich gelungen.

Rudolf hatte langsam wieder ein wenig Übersicht über die Gesamtlage gewonnen. Wenn man sich die anwesenden weiblichen Vertreterinnen der Spezies tanzwütiger und vergnügungsbedürftiger jugendlicher Menschen liebevoll betrachtete, mußte man neidlos zugeben, dieses pommersche Dorf und seine Umgebung strotzte geradezu von hübschen Mädchen. Er beschloß, nach dem Ende der nächsten Pause, wenn die Kapelle wieder unverdrossen einsetzen würde, zielstrebig den Saal zu durchqueren und sich eine der Hübschen dort drüben auf der anderen Seite des Lebens zu angeln. Als es soweit war, verlor er

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Scheinbar den Wettlauf in Richtung Christine, denn der Hübsche war vor ihm bei Ihr und schleppte sie zum langsamen Foxtrott ab. Die Dorfmaiden grinsten verhalten, aber sie hatten die Rechnung ohne den entschlossenen Rudolf gemacht. Der hatte nämlich haarscharf und zielgenau die junge Dame angepeilt, die unmittelbar rechts neben der Christine auf der Hühnerstange ihren Platz besetzte. Eine kurze Verbeugung, etwas städtisch ausgeprägter, als es die auffordernden Dorfbengel beim Engagieren für notwendig hielten, die Erwählte lief rot an und ließ sich willig von Rudolf auf Parkett (es waren lückenlos verlegte blanke Dielen) zur nächsten Tanzrunde, also für voraussichtlich drei Tänze, entführen.

Zu spät sozusagen stellte Rudolf fest, seine erste Eroberung war einen halben Kopf größer als er. Aber sie war kein Trutscherl, keine Spielverderberin, sie lächelte ihn an, und er sagte als Eröffnung: "Ich heiße Rudolf", doch aus ihrem Lächeln wurde ein überlegenes Lachen und sie konterte: "Weiß ich doch längst, hat mir Christa schon erzählt." Aha, dachte er, hier im Dorf hieß sein Mädchen Christa, wie schließlich überall, denn Christine hieß sie ja nur bei ihm, und dies hatte sie offensichtlich ihren früheren Freundinnen nicht verraten. Seine Tanzpartnerin tanzte besser als er, und Rudolf überließ sich willig ihrem Führungsanspruch, er war es von Christine gar nicht anders gewohnt. Das Mädchen hatte über einer bulgarisch bestickten weißen Leinenbluse ein buntes Bolerojäckchen an, über einem dunklen Faltenrock, und dieses Ensemble machte sie wahnsinnig jung, so daß er dachte, trotz ihrer überlegenen Größe, ich tanze ja mit einem hübschen Kind, dieses leichtschwebende Wesen ist wohl gerade erst der Schule entkommen. Er konnte ihr Alter nicht abschätzen, das machte ihn schnell wieder stumm und verlegen. Sie legte sich genußvoll in seinen rechten Arm, tanzte sinnlich, schaute ihn offen an, verlor sich aber nicht so weit in die zu koordinierende gemeinsame Aktion, ohne es fertigzubringen, ihn gezielt nach Herkommen, Wohnort und Beruf auszufragen. Er war ihr dankbar, daß sie auf diese Weise ein vielleicht belastendes Schweigen verhinderte und beantwortete freimütig alle ihre Fragen.

Nach dieser Staffel von drei Tänzen brachte er sie artig zu ihrem Stuhl zurück, bedankte sich bei ihr und stieß bei der halblinken Abgangsdrehung lachend mit Christine zusammen, die sich im gleichen Moment von ihrem hübschen Verehrer getrennte hatte. Christine sagte schnell zu ihm: "Die nächste Runde tanzen aber wir zwei beide, o.k.?" Rudolf faßte sie mit seiner linken Hand bei ihrem rechten Oberarm, leicht drückend, und nickte ihr Einverständnis und Genugtuung signalisierend zu.

 

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Der Abend verlief harmonisch, es gab nirgends Streit, die stereotype Dorfschlägerei fand zu Rudolfs Beruhigung nicht statt, und gegen halb zwei machten sich alle palavernd nach allen Richtungen auf den Heimweg. Sobald man aus dem begrenzten Lichterkreis des Gasthofes sich entfernt hatte, umfing die beiden leicht beschwippsten Berliner eine bis dahin nicht gekannte Dunkelheit. Der Blick nach oben zeigte einen geradezu märchenhaften Sternenhimmel, wie er dem eingefleischten Städter Rudolf grundsätzlich fremd war. In den Wandernächten in Österreich, vor der amerikanischen Gefangenschaft, in Kärnten und in der Steiermark, hatte er solchen Himmel schon einmal mit staunen gesehen, in Berlin aber wieder völlig vergessen. Es war so dunkel, daß man buchstäblich nicht einen Meter weit glaubte sehen zu können. Er hakte sich bei Christine unter und wäre ohne ihre Ortskenntnisse völlig verloren gewesen. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie sich hier befanden. Zum Hof der Tante Jule zurück hätte er nie gefunden.

Es war nicht nur dunkel, es hatten sich auch die Stimmen der anderen sehr schnell verlaufen und verloren. Rudolf war mit Christine mutterseelenallein in einer für ihn völlig fremden Umgebung. Sie führte ihn, und ihm blieb nichts anderes übrig, als sich getreulich führen zu lassen. Als sie endlich den Hof erreichten, erkannte auch Rudolf den schwachen Umriß des verhangenen Küchenfensters, und Christine meinte leise: "Die Jule ist noch wach und wartet auf uns. Sie hat uns gar nicht gezeigt, wo wir schlafen sollen." Dann drehte sie sich zu ihm herum, legte die Arme um seinen Hals, preßte sich der Länge nach fest an ihn und küßte ihn so heftig, daß ihm der Sinn für Zeit und Ort abhanden kam. Er fing an zu zittern, und sie zitterte im gleichen Rhythmus mit ihm. Dann flüsterte sie ihm mit heißem Atem ins unwillige Ohr: "Wir müssen jetzt hineingehen."

Tante Jule saß an dem stabilen massiven Tisch, an dem sie vor wenigen Stunden alle gemeinsam zu Abend gegessen hatten. Eine Tischlampe beleuchtete kaum mehr als die Stelle, wo sie vor einem dicken Buch saß. Offenbar hatte sie in der Hausbibel gelesen. Freundlich fragte sie die beiden, ob sie vielleicht noch etwas essen wollten. Um Gottes willen, winkten beide gleichzeitig ab, jetzt nicht wie ins Bett und schlafen. Jule meinte leise und ohne die geringste sachbezogene Betonung: "Ich habe für euch beide im großen Zimmer, in dem ja nur der Bub immer schläft, weil ihn der Walter nicht in seinem Zimmer haben will, das dort von den Eltern noch stehende Doppelbett bezogen, Dort könnt ihr schlafen. Damit es nicht zu kalt ist, habe ich jedem einen in Zeitungspapier gewickelten heißen Stein ins Bett gelegt. Gute Nacht."

 

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Sprachs und verschwand. Die beiden standen allein in der dunklen unbekannten Stube und mußten sich, jeder auf seine Seite, zum angekündigten Doppelbett zurechttasten. Offenbar stand an irgend einer Wand noch ein Bett, denn man hörte jemanden deutlich gleichmäßig atmen, daß mußte Andreas sein. Rudolf stieß gegen einen Stuhl, der an seiner Seite neben dem Bett stand und fing an, sich im Dunklen auszuziehen. Durch die unvermeidlichen Geräusche wachte Andreas auf und flüsterte: "Na, war es schön beim Tanzen?" Und Christine beschied ihn: "Ja, es war herrlich, schlaf jetzt weiter, gute Nacht." Der Andreas sagte auf der Stelle kein Wort mehr.

Rudolf faßte tastend unter das pralle Oberbett, tatsächlich war da ein eingewickelter Stein und hatte die Kuhle in der Mitte tüchtig eingeheizt. Rudolf schob den Stein nach unten zum Fußende hin und schlüpfte flugs unter die Decke. Man konnte wahrhaftig nicht die Hand vor Augen sehen. Er lag auf der linken Seite, und er spürte, wie sein Herz zu rasen anfing. Neben ihm, unter ihrer Decke, lag Christine. Sie rückten beide mit einen synchronen Schwung zur Mitte, Richtung Besuchsritze. Erst trafen sich ihre Hände, die sich sofort bebend umklammerten, dann trafen sich ihre Münder, spürten die sehnsuchtsvolle Feuchte der Lippen und ließen weltverloren ihre Zungen spielen.

Offensichtlich hielt der dreizehnjährige Andreas den Atem an, denn aus seiner Richtung, die man ja durch sein Flüstern vorhin geortet hatte, drang nicht der geringste erkennbare Laut. Rudolf beschloß ohne prägnanten Beschluß, sich um Andreas nicht zu bekümmern. An Sprechen war nicht zu denken. Das Küssen nahm kein Ende. Christine führte Rudolfs Hand so, daß ihrer beider Hände ihr Nachthemd nach oben schoben. Sie ließ seine Hand los und wartete, was er nun wohl tun würde. Er ließ seine rechte Hand auf ihrem Bauch liegen, erst ganz still, ihm war mulmig zumute, aber er fühlte sich überaus wohl in seiner Haut. Des heißen Steines hätte es nicht bedurfte, der war völlig überflüssig, denn Rudolfs Körper glühte vom Kopf bis zu den Zehen. Er drehte seine rechte Hand auf Christines Bauch leicht wischend hin und her und ließ sie ganz langsam wie ein Mäuschen nach oben krabbeln, bis die Fingerspitzen die deutlich geformten Hügel der beiden Brüste ertasteten. Dieses Gefühl ließ ihn zunächst stoppen. Er mußte sich diese oft erträumte aber doch noch nie gekannte Landschaft erst einmal in Gedanken versuchsweise in Wirklichkeit umsetzen. Er träumte schließlich nicht. Neben ihm lag Christine, sie küßte ihn immer noch, sein Gesicht war schon ganz naß, Rudolf hatte seinen linken Arm so zu ihr hin verschoben, daß seine linke Hand in ihren Haaren spielen konnte. Seine Rechte war nicht zwischen ihren Brüsten liegengeblieben, sie umfaßte jetzt wie im Triumph Christines linke Brust. An drei Stellen waren ihrer beider Körper nun durch lückenlose Berührung miteinander verbunden. Er wühlte in ihren Haaren

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und drückte ihren Kopf, der sich ja schon freiwillig zu ihm hinwandte und hindrängte, noch kräftiger, als sie es selber schon tat, gegen seinen Mund, und seine linke Hand umspielte den prallen Kegel ihrer Brust, seine Fingerspitzen fühlten zum ersten Male in seinem Leben die zusammengezogene Festigkeit einer Brustspitze, Knospe hieß das ja wohl, ein schönes Wort für eine wunderschöne Erhabenheit. So dürfte für seinen Geschmack jetzt die Zeit stehen bleiben.

Christine war anderer Meinung, auch wenn sie nicht sprach. Sie konnte überhaupt nicht sprechen. Nicht wegen Andreas, den hatten sie beide inzwischen vollkommen vergessen. Sie küßte ihn ja, heiß, innig, feucht und wild entschlossen. Sie fing sogar an. Ihn leicht und gierig zu beißen. Auch ihre linke Hand meldete sich wieder. Sie tastete sich nämlich zu seiner Rechten, löste sie von dieser wunderschönen Brust, warum, fragte er sich, ob er zu ungeschickt gewesen war, doch wohl nein, denn sie schob seine rechte Hand langsam aber entschlossen an ihrem Körper entlang nach unten, am Bauchnabel vorbei, den behaarten Hügel hinan und wieder weiter, noch etwas weiter, und hier, an dieser Stelle, ließ sie seine Hand wieder los und überließ sie ihrer eigenen taktilen Phantasie.

Natürlich hatte ihn längst der Rausch gepackt, den ihm das wohlvertraute Gefühl für seinen bis zum Gehtnichtmehr erigierten Penis im ganzen Körper verschaffte. Man mußte schließlich keine Frau kennen, um zu wissen, wie sich der eigene Ständer anfühlt und was dies für Folgen haben würde. Christines Führungshand hatte sich aber nicht in Luft aufgelöst. Während seine Rechte noch vorsichtig versuchte, sein Lexikonwissen mit den gefühlten Realitäten in Einklang zu bringen, näherte sich ihre Linke zielstrebig seinem zitternden Schwanz, und als sie zart aber gekonnte zupackte und seine Eichel umschloß, realisierte er die klar vermutete Gewißheit, daß er dort unten bei sich schon die reinste stetig fließende Quelle war. Der Christine schien dies zu gefallen, sie zuckte nicht zurück, im Gegenteil, ihre Handmuschel umschloß seine nasse Eichel reibend gleitend ein paar Mal und umfaßte dann den Schaft mit einem festen Griff: Sie war die Siegerin dieses Augenblicks. Rudolf spürte an ihrem Küssen ihren Triumph und ihre eigene Erregung. Doch dieser schier unerträgliche wunderbare Zustand währte nicht lange, kaum eine halbe Minute, denn als Christine ihre Hand ein paar Mal an seinem Glied hin- und herschiebend in Bewegung setzte, passierte, was nach seiner eigenen Erfahrung, so wie man sich als Junge eben selbst kennt, schon längst hätte passieren müssen. Rudolf konnte seinen Körper über die Besuchsritze hinweg gerade noch dicht an Christines Körper drängen, da explodierte die Eichel und diese wohlvertraute aber nun doch zunächst einmal peinliche klebrige Liebesmilch

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ergoß sich auf Christines Bauch. Sie hatte das Küssen unterbrochen und flüsterte liebevoll unmittelbar an seinem Ohr: "Sei ganz still, mein Liebling, ganz still und laß es einfach geschehen." Etwas anderes blieb ihm schließlich auch gar nicht übrig. Er fühlte sich auf eine unbeschreibliche Weise mit diesem Mädchen verbunden. Das klare Denken hatte er längst eingestellt. Er träumte nur noch so schwebend, schwimmend vor sich hin.

Christine küßte ihn wieder. Den Erguß verteilte sie unbekümmert reibend und streichend auf ihrem Bauch. Rudolfs rechte Hand lang noch immer locker auf dem körperlichen Zentrum ihrer Weiblichleit, allerdings hatte sein Mittelfinger geradezu wie von selber seinen Platz zwischen ihren Schamlippen gefunden und erfreute sich staunend an der Feuchtigkeit, die Christine nun selber schon geraume Zeit seinem Finger entgegenbrachte. Und jetzt zeigte sie mit ihrer Führungshand seinen Fingern die kleine süße Stelle, wo sie offenbar hingegehörten, und sie wies die zögernden und zaghaften Bewegungen seiner Fingerspitzen so ein, daß er begriff, was sie wollte und was ihr offensichtlich Spaß machte. Er ließ die geschlossene Reihe seiner vier Fingerspitzen in ihrem feuchten Schlitzchen so zügig und immer schneller werdend hin und her gleiten, gesteuert von dem Flüstern unmittelbar an seinem Ohr, ihr Atem wurde auch immer schneller, bis seine Finger und ihr Atem um die Wetten liefen und sich ihr Atem als mühsam unterdrückte Faststimme äußerst verhalten in sein Ohr hineinschrie. Die Welt war vergessen. Wo war Berlin? Wo Pommern? Was kümmerten sie Andreas, die Tante Jule, die ganze übrige Menschheit. Sie küßten sich mit Inbrunst, bis sie beide nicht mehr konnten. Er rutschte zusammen, sie nahm ihn in ihren Arm, sein Mund kam in ihrer Achselhöhle zu liegen und zur Ruhe. So muß er wohl eingeschlafen sein.

 

 

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