Kaptiel VII


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Rudolf, die Jungfrau, träumte nun von seiner Erlösung aus dem engelgleichen Stand der körperweltlichen Unschuld. Er hatte schon zartempfundene Gedichte geschrieben, in denen aber die Natur, ihre Jahreszeiten und der Zauber der Verwandlung aller gestalteten Gestalten dominierten. Liebeslust und Amors Fehlschüsse kamen darin noch nicht vor. Rudolf war Rationalist und Pragmatiker. Als Feinmechaniker pflegte er zu sagen, man solle die Finger von dem lassen, wovon man nichts verstünde, nur nicht pfuschen.

An den Abenden der Tage Montag, Mittwoch und Freitag ging er zur Gaußschule, in eine Technikerklasse dieser Ingenieurschule für Feinwerktechnik und Elektrotechnik. Förderer dieser Schule, die später Akademie wurde und heute zur Technischen Hochschule gehört, waren Firmen wie Siemens, AEG und seine frühere Lehrfirma Telefunken. Hier fühlte er sich so recht zu Hause.

Seine Leistungen waren gut, Fächer als schwarze Löcher, die Mut und Selbstvertrauen verschlangen, kannte er nicht. Die Dozenten waren mit ihm zufrieden.

Einen Großteil der Hausarbeiten erledigte er in der S-Bahn, auf der Rückfahrt nach dem Unterricht von Lehrter Bahnhof bis Köpenick, falls er nicht einschlief. Donnerstagabend war Tanzschule am Alexanderplatz. Blieb für weitere Hausarbeiten, und davon gab es genug zu erledigen, noch der Sonnabend und – hauptsächlich für die anzufertigenden technischen Zeichnungen – der Sonntag. Sogar in den Arbeitspausen bei Klangfilm wurden noch Probleme gelöst, zusammen mit den Kollegen, die dem gleichen oder gar höheren Semestern angehörten. Wann sollte man bei solchem Streß lieben?

Nun: verlieben kann man sich prinzipiell immer, das geht blitzschnell und tut zunächst erst einmal nicht weh. Unser Rudolf war also verliebt, probeweise zunächst und auf eigene Gefahr, denn ob dieses überaus liebreizende Mädchen mit dem frommen Namen Christa ihn ebenfalls lieben könnte und wollte, war ihm schließlich verborgen. Ihre zupackende, zum Leben entschlossene Art hatte ihn sofort gefangen genommen. Fräulein Adler hatte er auch angehimmelt, aber dieses Schmachten war bislang ohne eine irgendwie geartete Erfüllung geblieben. Die Gestalt und das Wesen dieser Christa aber verdichteten sich in seinen Vorstellungen zu konkreten Kontinenten seiner Welteroberungsphantasien. Vor allen war er zunächst einmal entschlossen, sie Christine zu nennen. Da alle anderen sie Christa nannten, hätte er sie auf diese Weise schon einmal für sich ganz alleine. Als er ihr dies auf einer Bank am

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Lietzensee romantisch ins Ohr sagte, stimmte sie sofort wie verzaubert und geradezu stimuliert zu. Einer ihrer Vorzüge, die ihn anregten und zu seiner eigenen Überraschung in Schwung versetzten: Sie hatte in ihrer Amtsstube beim Magistrat am Alexanderplatz, übrigens genau gegenüber der Tanzschule, ein eigenes Telefon, das sie sich aber mit einem Kollegen teilen mußte, der ihr den lieben langen Arbeitstag gegenüber sitzen durfte. Diesen Kerl, er war ein freundlicher Mensch, beneidete Rudolf sogleich und er versuchte sogar, ihn probeweise zu hassen, das gelang ihm aber nicht. Wenn Rudolf dort anrief, hob sowieso meist seine Christine ab, denn die war schneller und flotter als dieser für Rudolf überflüssige Kollege.

Rudolf gewöhnte sich auch über Nacht daran, daß Christine nun seine Termine verwaltete. Seine doppelte Arbeitsbelastung, Klangfilm und die Gaußschule, akzeptierte sie ohne den geringsten Widerspruch. Sein Fleiß und sein Streben imponierte ihr, ihren Eltern auch, und Onkel Karl und Tante Herta wurden schnell seine Ersatzeltern. Nun hatte er Eltern im Osten und Eltern im Westen. Er hatte eine zufriedenstellende Arbeit, ein schulisches Ziel und dazu nun noch ein attraktive, liebenswürdige und liebevolle Freundin.

Doch dies Erzähltempo ist etwas zu schnell. Schalten wir mal besser einen Gang zurück. Verabredungen über Gelegenheiten, sich zu treffen, waren bequem am Telefon zu erledigen. Vor der Firma Klangfilm in Schöneberg, an der spitzen Ecke der Geneststraße, stand eine Telefonzelle. Es war ein leichtes, die geliebte Christine in der Mittagspause anzurufen. Ein Stadtgespräch kostete zehn Pfennige und war zeitlich unbegrenzt. Die Bundespost, Nachfolgerin der Reichspost, war immer noch eine Behörde. Hätte einer sie sich privatisiert vorgestellt, wäre er in einer psychiatrischen Anstalt gelandet.

Christine ging beim Klingeln ans Telefon und meldete sich mit dem betörenden Timbre einer verhinderten Altstimme: "Magistrat Berlin, Rechnungsamt Eins, G. am Apparat." Rudolf war jedesmal so entzückt, daß es ihm fast die Sprache verschlug. Er war kein Telefonierer, ins Leere zu reden, ohne den oder die Angeredete anschauen zu können, war seine Sache nicht. Er brauchte sich aber bei Christine nur mit seinem Namen zu melden: "Hallo, Christine, hier ist der Rudolf...", und schon legte Christine los und ruck-zuck war alles geregelt. Sie kannte seine Zeitlücken oder schaffte einfach umorganisierend welche. Vor allem hatte er sich angewöhnt, am Sonntagvormittag zu zeichnen, Christine kam mit der S-Bahn vom Potzdamer Platz über Friedrichstraße entweder nach Köpenick oder gleich bis Mahlsdorf-Süd. So hatte man den Köpenicker Schloßpark oder den Uhlenhorster Forst zum Spazierengehen, wenn man nicht

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sogar über Kiekemal nach Friedrichshagen lief und dann mit der S-Bahn wieder nach Hause fuhr.

Zu Weihnachten 47, am zweiten Feiertag, lud die Oma Wenzel die Christine zum Mittagessen und zum Kaffeetrinken ein. Sie hatte innerlich wortlos zugestimmt und sich mit Christine abgefunden, hatte akzeptiert und vielleicht auch verstanden, daß es mit der molligen Cousine, dem Ziehkind ihrer Schwester vom Wedding, und ihrem Rudolf nichts werden könnte. Sylvester 47 auf 48 feierte Rudolf bei seinen neuen Westeltern mit seiner Christine, dem Käsehändler und der Angestelltenfamilie. Das war ein eingefuchster Jubelverein, und Rudolf lernte in diesem Kreise eine gewisse Leichtigkeit des Lebens, die ihm bis dahin eher versagt geblieben war. Alle hielten die beiden, Christine und Rudolf, für ein versprochenes Liebespaar, jedenfalls verhielten sie sich so, meist ein wenig frozzelnd. Doch von Liebespaar konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede sein. Alles blieb zwischen den beiden "Kindern" zunächst platonisch und war getragen von guter Kameradschaft und arbeitsteiliger Kumpelhaftigkeit. Christine schrieb für Rudolf so manche Arbeit auf einer ihrer Schreibmaschinen, im Amt oder zu Hause, ins Reine. Zu Weihnachten hatte sie ihm einen stinkteuren Rechenschieber gekauft, Marke Faber/Castell, und es war rätselhaft, wo sie den überhaupt aufgetrieben hatte.

Zu dieser Zeit wurde zwar nicht mehr gehungert, hamstern und schrotteln gehörten zum vorbereiten einer Feier eben dazu, wenn es wenigstens etwas Besonderes werden sollte, aber die Versorgung des Alltags zu organisieren erforderte schon noch den vollen Einsatz. Holz und Kohlen, und vor allem Kartoffeln, gab es nicht nur in begrenzten Mengen, Kartoffeln waren im Winter 47/48 durchaus noch eine Rarität, jedenfalls für Stadtmenschen. Also hieß in der Westfamilie bald: Es muß mal wieder jemand nach Penkuhn fahren, zu den Tanten, Verwandten und Bekannten.

In die Pläne, die man gemeinsam in dieser Richtung machte, schob die Christine mit verschmitztem Lächeln noch den Vorschlag: "Was hältst du davon, Rudolf, wenn wir beide am Sonnabend vor Rosenmontag abends nach Weissensee fahren. Dort ist ein schöner Saal, es kostet geringen Eintritt, eine dufte Kapelle ist engagiert, und wir beide könnten dort ungestört und fern der Familie einmal so richtig schwofen?" Zum Glück hatte ihm die Oma Wenzel ja den neuen Anzug machen lassen. Den Stoff hatten die Forster Verwandten der ersten Frau von Vater, der Jette, besorgt, die wohnte ein paar Parallelstraße von der Kohlisstraße, wo die Oma Wenzel ihr Haus hatte. Also gut, wir feiern Karneval in Weissensee.

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Man traf sich am Alexanderplatz, beide, Christine und Rudolf, waren mit der S-Bahn gekommen, und mit der Straßenbahn ging es weiter Richtung Weissensee. Der Saal war eigentlich ein trüber Schuppen. Viel zu groß, viel zu hoch und zu kahl, die Kapelle spielte schon, eine Dorfakustik, der Nachhall betrug Sekunden. Quer durch den Raum ein paar kümmerliche Girlanden, bunte Lichter, lange Holztische und Bänke, wie in einem Bayerischen Bierzelt. Noch war keine Stimmung. Es wollte zunächst auch keine aufkommen. Alles war ein wenig verkrampft. Tropfenweise kamen mehr und mehr Besucher, es war noch die Hoffnung auf menschliche Wärme und Nähe, doch der letzte Pfiff fehlte. Vor allem aber fehlte es dem Rudolf hier an selbständigem Charme oder wenigstens an Routine. Er allein vermochte das Steife, das sich eingestellt hatte, nicht zu vertreiben. Das schlimmste aber war: Christine hatte auf einmal eine gespaltene Seele, sie war auf eine schwer faßbare Weise anwesend und nicht anwesend zugleich. Rudolf war überfordert. Sie tanzten zusammen, doch Christines Augen schienen verstohlen den Saal abzusuchen und zu durchmustern, oder schaute sie nur zur Kapelle? Plötzlich betrat jemand den Saal, und auf den schien Christine offenbar gewartet zu haben. Er war etwas größer als Rudolf, viel schicker angezogen, vor allem war er der Typ, der einen Raum füllt, wenn er ihn betritt. Christine bat um Entschuldigung und enteilte Richtung Eingang. Dort begrüßte sie mit offensichtlicher Vertrautheit diesen Typen, den Rudolf sogleich nachhaltig auf den Mond wünschte. Deshalb wollte sie unbedingt nach Weissensee, wo Rudolf zuvor noch nie in seinem Leben gewesen war. Stimmt nicht ganz. Er erinnerte sich: An einem strahlenden Sommertag hatte er hier irgendwo in einem Park auf anraten des Führers der Werks-HJ bei Telefunken sich mit den HJ-Leuten aus Weissensee getroffen, weil er bei denen lernen sollte, wie man bei der Funker-HJ übungsweise Feldtelefonleitungen verlegt. Diese Erinnerung (er war nie wieder dort erschienen, obgleich ihm niemand etwas getan hatte) drückte seine Stimmung nun vollkommen Richtung Nullpunkt.

Christine erschien mit diesem Kerl bei Rudolf und stellte – strahlend! – die beiden einander vor. Das schlimmste war: der Kerl war nicht unsympathisch. Sie verbrachten diesen Abend also zu dritt, Christine tanzte ausgelassen abwechselnd mit ihren beiden Helden und schien überaus selig. Bei einem bestimmten Schlager, es war ein Quickstep, den Rudolf gerade in der Tanzstunde gelernt hatte, bei Fräulein Adler, der er dabei so manches Mal auf die zierlichen Füße getreten war ("Passen sie doch auf, Herr Anders!"), bei dieser flotten Melodie, deren Namen er nicht einmal kannte, tanzte "seine" Christine immer mit dem andern Typen. Und da das Lied gerade aktuell zu sein schien, wurde es häufig gespielt, weil die Leute es wünschten und der Kapelle

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eine Runde Alkolat spendierten, einen Schnapsersatz, so daß die Musiker diesen Wünschen gern entsprachen.

Auch die längste Nacht geht einmal zu Ende, auch in einem Tanzsaal, unabhängig davon, wie man sich gefühlt haben mochte. Sie gingen zu dritt zur Straßenbahnhaltestelle, blieben vorn auf dem Perron stehen, gleich hinter dem stehenden Fahrer, der, geleitet vom Abklingeln seines Schaffners, seinen Wagen mit Anhänger Richtung Alexanderplatz trieb, immer fleißig und professionell an seinen beiden Reglerkurbeln drehend, dem Antriebsschalter und der Wirbelstrombremse. Auch in Rudolfs Innenleben trieben die Triebe und wirbelten die Gedanken wirr durcheinander. Wie sollte er sich verhalten? Am Alex, wo er raus mußte, umsteigen zur S-Bahn nach Köpenick, schnappte er sich impulsiv und kurzentschlossen die Christine, packte sie um die schlanke Taille, küßte sie zur Verblüffung des glotzenden Typen und offensichtlich zu ihrer Genugtuung auf den Mund und sagte lächelnd: "Bis Montag, Christine, ich melde mich am Telefon!". sprach’s, sprang elegant vom unteren Trittbrett ab und lief mit den seligsten Gefühlen hinüber zum S-Bahnhof. Noch im Zug lächelte er vor sich hin. So ganz als Jungfrau fühlte er sich nun nicht mehr. Doch seine Initiation verlegte die kluge Christine, die benötigten Kartoffeln für die Familie vorschiebend, nach Penkuhn, nach Pommern.

Solche Sachen aber konnte man dem nachfragenden Vater im Café Gude nicht so recht erzählen. Irgendwie verlief dieses Gespräch an diesem Abend entweder im Sande oder es gelang der Lotte, die Aufmerksamkeit auf ihr Lieblingsthema zu lenken, die Politik. Hierzu war der Vater immer zu bewegen, und er erzählte eine Runde über die Hauspolitik im Statistischen Bundesamt.

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