Zur Frage des Glaubens

als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium

Ergänzender Hinweis

Von

Rudi Sander

 

In Heft 1/2001 (Bd. 7) der Zeitschrift "Soziale Systeme" findet sich ein bemerkenswerter und einleuchtender Aufsatz von Christoph Dinkel mit dem Titel "Glaube als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium" (Seiten 56 bis 70).

Nach einer allgemeinen Erläuterung und teilweise auch ergänzenden Rekonstruktion der Ausführungen Niklas Luhmanns zu diesem Thema erläutert Dinkel unter Ziffer 2 "Profile protestantischer Frömmigkeit" die Leistung des Glaubens als generalisiertes Kommunikationsmedium im Bereich protestantischer Religionspraxis.

Zu den klaren und einleuchtenden Erläuterungen auf die Formulierungen Luthers und Schleiermachers auf den Seiten 62/63 möchte ich folgende ergänzende Hinweise geben: So wie Dinkel Schleiermacher sagen läßt: "Die Kirche überhaupt ist eine Vereinigung zu einem gemeinsamen religiösen Leben; diese Gemeinsamkeit sezt nothwendig eine Circulation voraus; das Leben muß sich mitteilen.", so zutreffend dürfte man heute sagen, (aus eigener Erfahrung, also empirisch bestätigt, weil von Menschen in gleicher Lage in vielen Gesprächen ebenfalls eingeräumt): Die weltweit verbreitete Selbsthilfegruppe "Emotions Anonymus" (EA) überhaupt, eine zu den "Anonymen Alkoholikern" (AA) parallel konstituierte Einrichtung, ist eine Vereinigung zu einem gemeinsamen spirituellen Leben; diese Gemeinschaft, die zu keiner bestimmten Konfession gehört, sich aber expressis verbis auf eine "höhere Macht" bezieht und beruft, setzt ebenfalls notwendig eine Zirkulation voraus; das Leben der bedrängten Menschen, die – wie sie dort zu sagen lernen – "ihrer Emotionen nicht mächtig sind", muß sich eigenverantwortlich und ohne dominante Anleitung mitteilen. Dieses Reden im realen Kreis der versammelten Personen (Interaktion unter Anwesenden), bei der niemand unterbrochen wird, wenn er im Kreise an der Reihe ist, dieses Reden hilft den Menschen; es wird hier zur Kommunikation, obgleich der Einzelne zunächst von der Syndosis Information/Mitteilung/Verstehen nur die beiden ersten Komponenten bringt, indem er seine ureigensten Erfahrungen mit seiner emotionalen Situation mitteilt; er weiß zunächst nicht, ob er eine gezielte oder eine (ihm) passende Antwort bekommt, ob es zum Verstehen gekommen ist. Da sich aber jeder in dem versammelten Kreis, wenn er möchte oder kann, ohne Namensnennung,

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also ohne gezielte Ansprache, auf jeden tatsächlich vorgekommenen Beitrag beziehen darf, ist dieses Reden im Kreise der Anwesenden nach aller Erfahrung am Ende doch immer eine fruchtbringende Kommunikation.

Dinkel läßt Schleiermacher weiter sagen: "Der eigentliche Zwekk der religiösen Gemeinschaft ist also die Circulation des religiösen Interesses, und der Geistliche ist darin nur ein Organ im Zusammenleben." Auch hierzu darf man wieder in analoger Form formulierend ergänzen: Der eigentliche Zweck der Selbsthilfegruppe "Emotions Anonymus" ist also die Zirkulation des Interesses an der Beschwichtigung bis zur Heilung der jeweiligen emotionalen Störung durch Aussprechen der eigenen Empfindungen und persönlichen Erfahrungen, ("Sprich immer nur von dir selber" heißt die offizielle Regel), und da es keinen anwesenden Therapeuten in dieser Gruppe gibt, ist jeder der Anwesenden ein verantwortungsbewußtes und verantwortungsvolles Organ im Zusammenleben.

Nachdem er Schleiermacher zu diesem Umstand der Emergenz der Kommunikation aus dem Geist der gemeinsamen öffentlichen Rede im nichtöffentlichen Kreise zweimal hat selber reden lassen, faßt Dinkel das Ergebnis der Einsichten Schleiermachers folgendermaßen zusammen: "Das Entscheidende ereignet sich für Schleiermacher damit zwischen den Individuen. Einzelne Individuen wie der Geistliche oder die Gemeindemitglieder müssen zwar vorausgesetzt werden, damit Kommunikation überhaupt zustande kommt, aber die Kommunikation stellt den Individuen gegenüber eine emergente Ebene dar. für die eigene Gesetze gelten und die eigene Chancen gerade auch für die Individualität der Individuen mit sich bringt." Hierzu braucht im Hinblick auf die völlig analoge Situation in der Selbsthilfegruppe der EA nichts parallel ergänzend hinzugefügt werden. Dinkels Ausführungen treffen auch deren Situation erschöpfend.

Bliebe nur noch als mutige Vermutung zu sagen: Die EA ist als Interaktion unter Anwesenden ein gemeindeanaloges soziales Kommunikationssystem. Es bildet sich und erhält sich, solange es tagt, autopoietisch und operiert völlig autonom. Der in den schriftlich fixierten EA-Regeln, den "Zwölf Schritten" und den Maximen "Nur für heute", die jeder, der erscheint, um teilzunehmen, für "einen Groschen" erwerben kann, aber nicht muß, (er muß auch nicht regelmäßig kommen; er kann auch wieder wegbleiben), diese Regeln artikulieren den Glauben an die Heilung durch die Kraft der Kommunikation und fungieren damit wie ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium.

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