Das Weibliche und wir
Freie Spekulation
von
Rudi K.Sander
Die Berliner sagen, wenn sie männlich und, zum Beispiel am Stammtisch nach dem fünften Bier, unter sich sind: Eine F...., pardon, eine Frau zieht mehr als zehn Pferde. Goethe sagt: "das Ewig-weibliche zieht und hinan", Nietzsche sagt mißverständlich: "Wenn du zum Weibe gehst ..." und Niklas Luhmann sagt: "Gottseidank ist das Weibliche keine Frau." Was soll man dazu sagen? Peter Fuchs, Luhmanns Schüler, ohnehin angeregt durch Luhmanns nächtliche Bemerkung in der immer geöffneten Bibliothek der Universität Bielefeld, man sollte vielleicht die Systemtheorie als ein Lehrgedicht schreiben, Peter Fuchs also hat sich gedanklich daran gemacht, dem großen Parmenides auf den Spuren von dessen Lehrgedicht zu folgen mit seinem Essay Theorie als Lehrgedicht. Parmenides läßt bekanntlich einen Wahrheitsfreund auf die Reise zur Wahrheit(sgöttin) sich aufmachen. Der kommt an die für Sterbliche nicht passierbare Erkenntnisgrenze und wird aufgehalten von Diké. Er becirct sie, (Fuchs sagt nicht, womit), und darf sich der Göttin fragend nähern. Er fragt, wo die Wahrheit sei, beim Sein oder beim Nichts? Die Göttin der Aufdeckung (alethéia) hebt ermahnend ihren schönen Zeigefinger und verkündet: Es gehöre sich nicht, zu sagen, das Nichts sei nicht, den Sterblichen komme es nicht zu, die Differenz zwischen der Wahrheit (alethéia) und dem Glauben (dóxa) zu erkennen. Könnte es sein, spekuliert Fuchs, Luhmann, den man ja nicht mehr fragen kann, weil er selber diese Grenze überschritten hat, könnte es also sein, das uns alle laut Goethe hinanziehende sei diese Göttin? Sie ist schließlich keine Frau im irdischen Sinne. Somit hätte Luhmann mit seinem üblichen ironischen Schmunzeln recht: Das Weibliche ist keine Frau. Man muß wissen, das irdische Frauen von der Fraktion der strengsten Feministinnen sich aufgemacht hatten, Luhmann symbolisch zu ent(Luh)mannen: Sie schraubten ihm sein Namenschild von seiner Bürotür in Bielefeld.
Wagen wir eine mutige Vermutung: Das Weibliche ist die Muttersprache aus dem Vaterland. Die Muttersprache ist die alles aufdeckende Weise-Macherin: Was man auch denkt, man muß es in der gegebenen Sprache denken, die jeder im Akustikbereich seiner eigenen Mutter gelernt hat. Man könnte sonst nichts sagen, alles Vermeinte bliebe eine unartikulierte ästhetische Idee (Kant). Moderne
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Linguisten nennen so etwas ein Konzept. Bei offensichtlichen Artikulationsschwierigkeiten sagen die Leute: Da bin ich aber sprachlos, mir fehlen die Worte.
Dabei sind die Worte selbst eigentlich leer, bedeutungsleer, sinnleer. Erst ihre Stellung im Satz, im Text, im Kontext, im Zusammenhang einer Rede, einer Schreibe, eines Diskurses läßt sie aufleuchten und einleuchten. Schlagartig sieht man, was sie zeigen wollen (denotieren) und mitzeigen (konnotieren) können. Diese jeweilige Verwendungsgeschichte der jeweiligen Worte als Begriffe hilft uns in ihrer Semantik beim Begreifen. Ihre Denotationen und ihre Konnotationen, die sich mit sich führen, verhelfen den Wörtern zu ihrem Leben in der Sprache, sie sind es, die uns beim Verstehen führen, (und sei es auch aufs Glatteis, wenn man unaufmerksam ist oder zu Vorschnell von etwas auf etwas schließt, denn Worte sind Schlüssel, die häufig nicht nur in ein einziges Schloß passen. Es ist das Glatteis vermeintlicher Plausibiliät, ein häufiger Täuschungsteufel, der serviert dann mit Undschuldsmiene Anschlußfähigkeiten, die letztendlich in Aporien führen können, aus denen sich herauszuwinden oft nicht leicht fällt. Wenn Wittgenstein sagt, die Geschichte der Philosophie verdanke sich ihre Existenz eingeschliffenen Sprachverwirrungen. Denkt man auch vorschnell zuerst, er beschimpfe die Philosophen, bis man sich klarmacht, auch er, der große Vor- und Nach-Denker hat letztlich resigniert vor der eigenwilligen Logik der Sprache, die eben keine Logik ist im Sinne Kantisch/Hegelscher Transzendentalität. Wittgenstein, der großen Respekt vor aller Sprachpraxis hatte, verbeugte sich staunend vor der einzigartigen Ökonomie der Sprache.
P.M.S. Hacker, der hervorragende Kenner der beiden Wittgensteinschen Gedankengebäude: (I) des Tractatus logico-philosophicus und (II) der Philosophischen Untersuchungen setzte kürzlich das seit Ewigkeiten umstrittene altgriechische Dictum des Archilochos "der Fuchs weiß vieles, aber der Igel weiß das Eine" in Beziehung zu I und II mit folgenden Worten (aus der Erinnerung frei nachformuliert): Igel-Philosophien sind Systeme aus einem Ur-Sprung heraus, aus einer Quelle, aus einem Kern, aus einem umfassenden Begriff (GOTT, Logos, Geist, Subjekt, Vernunft, Kraft, Handlung, Differenz), und Fuchs-Philosophien seien welthaltige Aussagen der klugen, sich selbst begrenzenden Erfahrung ohne System (wenn auch keineswegs ohne Regel). Hieraus folgerte der Wittgenstein-Gewährsmann Hacker überzeugend: Wittgenstein habe sich bewußt und mit großer intellektueller Bravour vom Igel zum Fuchs gewandelt.
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Man kann es - beim gleichen Respekt vor I und II - vielleicht auch so formulieren: Das Hase Wittgenstein, bei I noch naturwissenschaftlich voreingenommen (Wiener Kreis) hat beim kritischen Wettkampf mit Frege, Russel und Whithead und deren Logiken schlußendlich II resignierend gemerkt: Wie schnell die Gedanken der anschauenden, spekulierenden, grübelnden Vernunft auch laufen, wenn man ankommt, dann lachen einem die beiden (sic!) Sprach-Igel (jeder Unterscheidung!) ins Gesicht und rufen: Ick bün all da). Die Sprache läuft allem Denken voraus und vorauf oder voran. Entweder man kann sagen, was man denkt, man kann seine ästhetische Idee, sein Konzept in Worte, Sätze, Rede, Schreibe fassen (zeigen), oder aber dann "muß man schweigen". Wer das, wie Wittgenstein, verstanden hat, kann am Ende wirklich, nach I, seine Gedanken-Aufstiegs-Leiter wegwerfen. Wenn die Leute bei uns sagen: Mein Name ist Hase, dann heißt das: Ich weiß gar nichts, die Sprache weiß alles. Und warum zwei Igel? Weil die Sprache jedes Sprechenden, der immer auch ein Beobachter ist (ersten oder zweiten Grades), alles was er unterscheiden kann (und will, wenn er kann), in Differenzen artikulieren (Unterscheiden und Bezeichnen) muß: Dies/und-der-Rest-der-Welt (nach Luhmann: ein Objekt!) oder süß/sauer, heiß/kalt, oben/unten, hinten/vorn und so weiter (nach Luhmann Begriffe). Wobei immer der erste Teil der Differenz (erstens) den anderen Teil braucht als Reflexion (George Spencer-Brown), und wobei (zweitens) jede solche Differenz insoweit asymmetrisch ist, das ihr linker Teil Vorrang hat vor dem rechten: System/Umwelt, Männer/Frauen ... (würde es sich durchsetzen: Frauen/Männer zu sagen, soll heißen: in der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation, dann müßten eben die Männer einpacken). Die Gesellschaft, die Kommuniziert (anderes kann sie ja nicht), hat die Wahl. So sieht das jedenfalls Luhmann, nachdem er sich (und damit uns) das Ganze (aus der Sicht Hegels) anders gerichtet hat, als alteuropäisch zurückgelassen hat. Man hat auch ihm (Ironie der Kulturgeschichte) für diese Leistung den Hegelpreis der Stadt Stuttgart zuerkannt und der Philosoph Spaemann hat dies entsprechend gewürdigt. Luhmann hat sich abgewandt vom erkennenden Subjekt, vom Geist und hat dafür das System eingesetzt, ein System, das sich geschlossen hat und seine Umwelt dadurch beobachtet, daß es gleichwohl offen ist, um sich durch seine Umwelt irritieren zu lassen. Der Trick des Systems ist: durch ein Spencer-Brownsches re-entry bildet es mit eigenen Mitteln (autopoietisch: also mit Bordmitteln) die ES konstituierende Differenz System/Umwelt in sich noch einmal ab und kann diese Differenz damit mühelos selbstreferenziell in sich weiter verarbeiten: In der gesellschaftlichen Kommunikation als kommunizierende Gesellschaft.
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Die menschliche Sprache ist ... Jetzt steht der die Sprache sprechende vor einer (Aus)Wahl, vor einer (folgenschweren) Ent-Scheidung: Der Sprechende oder Schreibende muß sich entscheiden, er muß trennen, muß unterscheiden zwischen dem Gesagten (wenn es überhaupt sag-bar ist, mit Worten, die ihm entweder gesellschaftlich angeliefert wurden, oder mit Worten, die er - zunächst vielleicht durchaus ideosynkratisch - selbst kreiert hat: In der Hoffnung, die Gesellschaft wird dies, post festum, an seine Kreation anschließend, als verstanden und verstehbar honorieren und akzeptieren), zwischen dem Gesagten also und dem (noch) nicht (so) Gesagten:
Nehmen wir an, der Sprecher entscheidet sich zu sagen (als Metapher), die menschlische Sprache sei ein Labyrinth. Sofort hat er mitgesagt (ob er will, oder nicht): Die Sprache habe einen Baumeister. Man könne hinein, käme aber (ohne Ariadnefaden = Liebe) nicht mehr heraus. Der Bau-Meister sei böse und verlange Opfer. Die Sprache sei eine Falle. Wollte der Sprecher dies alles mitsagen?
Nehmen wir an, der Sprecher entscheidet sich anders. Lassen wir ihn sagen: Die menschliche Sprache sei ein System (nicht im Luhmannschen Sinne!), ein wortreiches System, also nach Gödel ein inkonsistentes System, mit dessen alleiniger Hilfe (und mehr haben ja alle schreibenden Sprecher nicht) wir die Inkonsistenz nicht beweisen können (weil wir keinen sprach-externen Standpunkt finden können: Pythagoras' Traum, die Welt solcherart "aus den Angeln heben zu können"). Wir tasten mit Worten also immer wie der Blinde mit der Stange im Nebel (im Opaken der Welt, nach Habermas). Die Landkarte Sprache bildet zwar irgendwie die Welt ab, ist aber nicht die Welt. Die zählend (mit Worten, die zählen) oder erzählend beredete, besprochene, beschriebene Welt ist stets nur die Welt der Sprache. Das hat zwar seine Wirkung, muß aber - und wird wohl auch kaum oder selten - die Wirklichkeit selbst sein. Denn jede Landkarte zeigt immer - je nach Maßstab - zuviel oder zu wenig. Sie kann brauchbar sein oder verwirrend, doch niemand wird sie je mit der Landschaft selbst verwechseln: Brauchbar ist eine Landkarte entsprechenden Maßstabs wenn ein Autofahrer von Hamburg nach München will. Verwirrend, wenn man mit einer Wanderkarte des Rheingaus sich ein Bild von Amerika machen möchte. Der Sprecher kann also nicht mehr sagen, als er weiß, als er er-fahren hat, be-griffen, ge-sehen, ge-fühlt, ge-wollt hat, wenn er es denn sagen, wenn er die passenden Worte kennt oder (er)findet, (oder sich zu-recht-macht, ob zu Recht oder zu Unrecht, das entscheidet letztlich die um ihn herum kommuniziernde Gesellschaft), wenn ihm die Worte zu-fallen, durch Zufall, oder - der schönste Fall - wenn ihm "ein Gott gab, zu sagen, was er leidet". Solche
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engelhaften Zufälle ergeben dann Welt(haltige)Gedichte à la Hölderlin, Parmenides, Ovid oder Lukrez. Solche Welten werden dann für uns alle und für lange (alle) Zeit gestiftet.
Also: Der Name des virtuell welthaltigen aber an Worten reell immer wort-armen Sprechers/Schreibers ist, dem weisen Märchen gemäß: Hase. Er hetzt denkend, sprechend, handelnd immer die Furchen (Strophen und Kata-Strophen, Sätze und Gegen-Sätze, Sprüche und Wider-Sprüche) hin und her - wie ein Weberschiffchen oder wie ein Bauer das Feld pflügt - und die Sprachigel der Unterscheidenden Differenzen lachen den Menschen-Hasen mit der Menschen-Sprache einfach aus, bis der arme Hase tot umfällt: süß/sauer, oben/unten, hinten/vorn, leicht/schwer(schwierig), Etwas/Nichts, teibar/unteilbar, Teilchen/Welle, geht/geht-nicht(weiß-nicht). Der sprechenden Mensch klagt: Ich weiß zu wenig, die Sprache ist unvollkommen: Keine Aussicht auf Erlösung, denn: Der Abbau von Komplexität (in der besprochenen Welt) geht stets unvermeidbar einher mit dem Aufbau von Komplexität (des beobachtenden Systems; Luhmann). Die Wittgensteinsche Verwirrung wird nie ein Ende nehmen, jedenfalls kein gutes, kein akzeptables; alles sprechend/schreibend Erreichte ist immer nur für jetzt, nie von Dauer. Das aber kann man gerade noch sehen: Die Unvollkommenheit der Ausdrucksmöglichkeiten ist vollkkommen: Die Evolution des Universums (Vorsicht bei der Wortwahl!) schreitet voran in die Zukunft(?), die Evolution des Lebens schreitet voran in die Zukunft (?), die Evolution der Gesellschaft schreitet voran in die Zukunft. Die Zukunft ist (vollkommen) kontingent (heißt: alles, was ist, könnte funktional auch anders sein). Ist die Zukunft ein kommender Zustand der Vollkommenheit? Kann sie das sein? Soll sie das sein? Wer könnte dieses Sollen wollen? Wer wäre dann das Subjekt der Geschichte? Wer schreibt den Fahrplan? Wäre der Fahrplanschreiber der Herr der Kontingenz der Zukunft der Vollkommenheit der Evolution des Lebens der Gesellschaft des Menschen? [sechs Genitive!]. Kann der allmächtige Gott einen Stein schaffen, zu schwer, um ihn selber hochheben zu können? Auf wen kommt es am Ende an, auf den Menschen, auf die Menschen, auf die Gesellschaftsstruktur, getrieben von der gesellschaftlichen Semantik, getrieben wiederum von der Gesellschaftstruktur ... , denn: "Es zählt ein jeder Fluch der Ruderer in den Galeeren" (Luhmann). Und unsere Galeeren sind die Fabriken, die Büros, die Schulräume, die Wohn- und Schlafzimmer. Und unsere Flüche sind Worte als Gesang und Gesetz, Worte aus Lust und Leid, zu Nutz und Frommen, für Nichts und Wiedernichts, zum Reimen und Leimen, Ziehen und Zerren, Leben und Tod.
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Eure Rede sei Ja-ja/Nein-nein, was darüber hinausgeht, ist von Übel. Wenn ihr nicht werdet wie die (stammelnden) Kinderlein ... ; eher geht ein Kamel durch ein Öhr (schmale Verbindungsgasse = Notwendigkeit) ... ; klopfet an (bei der Sprache), so wird euch aufgetan; mein Reich (an Erkenntnis) ist nicht von dieser Welt.
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