Der Terror der Gesellschaft
Goldbergvariation nach dem Text von Peter Fuchs
Von Rudi Sander
Jeder glaubte zu wissen, wie die Welt funktioniert. Am frühen Nachmittag und Abend des 11. September aber glaubte dies niemand mehr. Wer am Fernseher saß, sah Bilder des Grauens, und man sah diese Bilder in der Gewißheit: mehrere Milliarden Zuschauer sehen zeitgleich das gleiche Ereignis. Sie sahen der operierenden Weltgesellschaft zu.
Welches Entsetzen, anderen Menschen, Menschen wie du und ich, beim Sterben zusehen zu müssen. Dieses unfreiwillige starre Staunen über die Wucht des Angriffs auf zwei Hochhäuser, zwei bekannte Wolkenkratzer, bei deren Anblick auch der Unbedarfteste begriff: Diese beiden Vierkantsäulen aus Stahl, Beton und Glas sind das Sinnbild der Weltmacht USA – gewesen.
Vor solchen Bildern zerschellt zunächst einmal alle Theorie. Man weiß einfach nicht mehr weiter. Was soll man jetzt womit vergleichen? Was fällt einem zuerst ein? Vor knapp 2400 Jahren hat ein offenbar Verrückter in der kleinasiatischen Stadt Ephesos aus Geltungssucht einen Tempel angezündet, das Artemion, das Heiligtum der Muttergöttin Artemis, das zu den sieben Weltwundern gehörte. Den Namen dieses Terroristen hat die Welt bis heute nicht vergessen: Herostratos. Seitdem nennt man himmelschreiende Taten herostatisch. Diese Täter aber, deren Tun dem Fernsehzuschauer als blanker Wahnsinn entgegenschreit, sie schonen sich nicht einmal selber. Das Wort Apokalypse fällt einem ein, trotz Kirchenaustritt, man ist schließlich in der Kindheit christlich geformt worden. Und das Gehirn weiß promt, dieses Wort bedeutet Offenbarung: Seht, das wird aus der Welt werden! Auf einmal schämt man sich: Dort vor einem, genau jetzt sterben Menschen, sie schreien, sie brennen, sie springen und fliegen mit wehenden Kleidern und Armen in den sicheren Tod. Wird man je von solchen Bildern erlöst werden? Man wird, denn die Uhr schlägt Vier, der Hund will raus, und beim Bäcker Weller warten die frischen Nachmittagsbrötchen darauf, abgeholt zu werden. Der Wille zum Abstandnehmen flüstert: Jeden Tag wird auf diesem Planeten millionenfach sinnlos gestorben, und du wirst hieran nichts ändern.
Darf man solchen Bildern theoretisches Wissen entgegenhalten? Schweig einfach!, ruft das Gewissen. Doch das Fernsehen, der große Vermittler, schweigt nicht, es redet und läßt reden. Moderatoren mäßigen nichts, wie es im Fremdwörterduden steht, sich nicht und die eilends herbeigerufenen Politiker
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und Fachleute nicht. Man redet und redet, getrieben von dem – verständlichen Wunsch – möglichst schnell für das Unfaßbare eine passende Gedankenschublade zu finden. Und als ehrlicher Zuschauer muß man einräumen, müßte man selbst vor diesen Mikrophonen reden, es fielen einem auch nur die angesichts dieser Wirklichkeit banalen Beschreibungen ein wie: Das ist Krieg; die sich feige verbergenden Finsterlinge; das rückhaltlose Böse; laßt es uns mit der Wurzel ausrotten; hier kämpft das Mittelalter der Anderen gegen unsere Aufklärung.
Die wenigen vor den Kameras und vor den Mikrophonen spüren, jetzt nur nicht nachlassen oder gar versagen, sonst sackt die breite Masse der Zuschauer weg und fällt in Teilnahmslosigkeit und Verzweiflung. Sie haben auch Angst, aber sie sprechen flüssig von Teilnahme, von Solidarität, von Haß, von Wut, Fahnen werden gezeigt, patriotische Lieder an patriotischen Orten werden gesungen, und endlich und zu guter letzt fällt das urvertraute Wort des biblischen Vergleichs von dem Guten und den Guten, die im Endsieg das Böse und die Bösen überwinden werden.
Wenn dann die ebenfalls unvermeidlichen Worte fallen von der "historischen Stunde" und von "beispiellos" und dieses geradezu begeisterte und begeisternde "von hier und jetzt an beginnt eine neue Zeit", dann haut man endlich mit der flachen Hand auf die Lehne des Fernsehsessels und sagt laut zu sich selber: Das stimmt doch alles so nicht! Das haben wir doch seit dreißig Jahren schon viel einleuchtender gelesen. Haben die da drüben hinter dem Bildschirm die falschen Bücher gelesen? Was sie da sagen ist so überzeugend wie der Satz, die Erde sei eine Scheibe. Dieser mitreißenden Fernsehrhethorik liegen gleichermaßen überholte Vorstellungen von Weltgesellschaft zugrunde, die nun tatsächlich "alteuropäisch" sind. Weil diese Leute uns immer noch einreden wollen, die Weltgesellschaft sei ein simples Mosaik von Staaten, deshalb können sie so voller Kinderglauben sagen: Es gehe nun um Amerika, um die freien Völker der westlichen Welt, die angegriffen werden von (staatenlosen) Barbaren, denen alles Menschliche fremd ist.
Staat als Durchlaufkanal
Wer klarer sehen will, auch wenn er dabei frösteln muß, denn herzerwärmend ist die neue Wahrheit über das tatsächliche Funktionieren der Weltgesellschaft wahrlich nicht, der werfe wenigstens einen schnellen und oberflächlichen Blick
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in die dicken Bücher der neuen theoretischen Soziologie, die so neu nun auch wieder nicht mehr ist.
Hier finden wir die mit guten Gründen vorgetragene und schwerlich abweisbare Idee, daß die moderne Weltgesellschaft keineswegs aus Staaten besteht oder aus Nationen. Das sind nur noch die vertrauten Versatzstücke und Dekorationselemente von schrecklichen Theaterstücken aus den vergangenen beiden Jahrhunderten. Man läßt sie der Einfachheit halber in der Szene stehen, weil die Zuschauer, (die leider auch Mitspieler sein müssen), das so gewohnt sind. Sonst kämen sie vielleicht nicht zur Premiere und zu den laufenden Vorstellungen. Und vor allem: wer spricht schon hunderte von Sprachen gleichzeitig? Staaten und Nationen könnten schon längst nicht mehr all das an Operationen, an Vorgängen, an Entscheidungen und Zurechnungen miteinander verknüpfen, was täglich so in der Welt vorgeht, sich ereignet, und zwar auf allen Gebieten, und dies auch noch gleichzeitig! Staaten und Nationen sind nun einmal keine funktionalen Systeme, die ihre eigenen Operationen funktional miteinander verketten könnten, (wie denn auch: japanisch?, amerikanisch?, neufundländisch?).
Der "Trick" der modernen Gesellschaft ist das – mühsam erworbene – alles beherrschende und weltweit operierende Funktionssystem. Diese funktionalen Systeme der Weltgesellschaft benutzen die Staaten und Nationen nur noch als Röhrensystem, als Netzwerke, und sie machen mit ihren Operationen an keiner der Grenzen solcher Einheiten halt, aller Vertrautheit des naiven ersten Blicks zum Trotz.
Geschätzte Leserin, schminken Sie sich bitte ihr Entsetzen wieder ab, denn "es kommt noch schlimmer". Solche Funktionssysteme (wie etwa Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Recht, Erziehung, Kunst, Religion) sind komplett führungslos. Sie haben kein Zentrum, das für "Ordnung des Ganzen" sorgen könnte. Sie haben keine soziale Adresse, man kann sich nicht brieflich an sie wenden, so wenig, wie man an die Gesellschaft schreiben kann. Wer solche Systeme, vielleicht zur Stärkung des eigenen Seelenheils, gut oder böse nennen will, muß sich klar machen, es gibt keinen logischen Ort, an dem diese kommunikativen Funktionssysteme von solchen Einschätzungen erreicht werden können. Die gesamtgesellschaftliche Kommunikation, die nichtadditive "Summe" aller operativen Bezugnahmen, ist zentrumslos, ortlos und – man lese es nach bei Niklas Luhmann, er hat es oft genug wiederholt, hat es uns allen geradezu eingehämmert, wenn auch stets auf seine stille, feine, wohlformulierte Art; zuletzt noch einmal, kurz vor seinem Tode 1998, in seinem großen Werk
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"Die Gesellschaft der Gesellschaft" – und: es sei bedachtsam aber keineswegs bedenkenlos mit seinen Worten ausgesprochen: Funktionale Systeme sind gleichgültig gegenüber jeder Art von Moral!
Wo Funktionssysteme sich breit gemacht haben, herrschen mit allgemeiner Anerkennung und für jeden unausweichlich hochabstrakte Spielregeln, die jeder kennt und locker anwendet und keiner ändern kann. Man könnte sie, wegen ihrer aalglatten Flexibilität, frei nach Wittgenstein, dem beharrlichen Bretterbohrer, "ungeregelt geregelte Regeln" nennen. Die sogenannten (nahezu inhaltsleeren) Codes der Funktionssysteme heißen: Zahlung/Nichtzahlung in der Wirtschaft, wahr/unwahr in der Wissenschaft, Innehaben-von Ämtern/Nicht-Innehaben in der Politik, Recht/Unrecht im Rechtssystem usw. Und solche Systeme sind als "Selbstmacher", als "Selbstläufer" organisiert (in Form der Autopoiesis, wie Luhmann terminologisch zu sagen pflegte). Man will damit festhalten: Funktionssysteme haben eine – "selbstbestimmte" – Umwelt, auf die sie nicht durchgreifen können. Was sie können ist lediglich, ihre eigenen Strukturen, ihre inneren Verhältnisse zu ändern, um auf das, was sie für Störungen halten, auf ihre autonome Weise zu (re)agieren. Sie lassen sich von der "Umwelt", also auch von anderen Teilsystemen anregen, stören, aber sie bestimmen ihre systemeigenen Aktionen und Reaktionen mit ihren Mitteln selber.
Dieses für viele so fremdartige, abschreckende, abstrakte (dabei so schöne griechische) Wort Autopoiesis, also Selbstmachen, heißt aber auch: Daß diese Systeme auf Biegen oder Brechen zu immer neuen Ereignissen der selben Art kommen müssen, wenn sie nicht zusammenbrechen sollen: Aus Zahlungen entstehen immer weitere Zahlungen, Wahrheiten erzeugen immer weitere irrtumsfähige Wahrheiten, rechtliche Entscheidungen ziehen immer weitere rechtliche Entscheidungen nach sich. Ob es weh tut oder nicht: Alle Funktionssysteme treiben sich selber an, sie wuchern wie ein unendlicher Hefeteig.
Das so leichthin über die Lippen gehende Wort Gesellschaft bezeichnet also nichts anderes als diese Mehrheit selbständig und unbeeinflußbar operierender Funktionssysteme.
Eine – vielleicht wirklich schreckliche – Konsequenz dieser tatsächlich gut durchdachten Beobachtung und Beschreibung ist: Man kann mit Blick auf die Funktionssysteme nicht mehr von Einheit reden. Es fehlt überhaupt ein einziger Repräsentationsort, denn es gibt keinen Zahlungskaiser, keinen Rechtspräsidenten, keinen Wahrheitsfürsten. Niemand spricht für die Gesellschaft, niemand kann sagen, was sie will oder soll. Die Gesellschaft ist genau so gleichgültig (so indifferent) gegenüber solchen Zumutungen oder
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Ansprüchen. Die Gesellschaft vollzieht sich – wie ein Verhängnis? – weisungsfrei, als Vielheit von spezifischen Operationen (Ereignissen, Operationen, Zurechnungen). Diese Operationen überlappen sich nicht, sie führen zu keiner markierten oder markierbaren Zusammenfassung. Wer angesichts dieses Sachverhalts den soziologischen Laien, den Dilettanten, auch wenn er, im Wortsinne, ein Liebhaber der Soziologie ist, abschrecken will, der schleudert ihm den Fachausdruck polykontextural entgegen; und wer sogar noch einen draufsetzen will, wobei dann fast schon die Grenze der zwischenmenschlichen Zumutbarkeit erreicht ist, der spricht von "Polykontexturaler Hyperkomplexität".
Aus allem folgt: - aber nicht diese Beschreibungen sind anstößig, sondern dann schon eher die beschriebenen Verhältnisse – Die Gesellschaft, sie ist gerade nicht eine vielleicht virtuelle Summe aus Amerika + Deutschland + England + nichtstaatliche Akteure + Terror Inc. Nein, genau so wie die Erde keine Scheibe ist, die Sonne sich nicht um die Erde dreht, der Mensch nicht am sechsten Tage erschaffen wurde, die Vernunft nicht Herr ist im Freud’schen Seelenhaus, genau so – der allerletzte Schrecken! – ist die Gesellschaft keine "Gemeinschaft", die aus Menschen besteht, sie ist nun mal "Gesellschaft" und sie besteht nur aus Kommunikationen in der jeweils ausgeprägten Form der oben aufgezählten abstrakten Codes.
Wer bockig ist und die Gesellschaft dennoch als die oben zurückgewiesene Summenreihe A+D+E+X+Y nimmt, der hat es zwar argumentativ leicht, denn er ermittelt damit kommunikationsfähige Zurechnungspunkte, und auf diese – falsche – Weise werden dann Beschreibungen angefertigt, denen jeder im Schnellschuß und Schnellschluß zustimmt. Solche "Fehler" sind sogar zweifelsfrei sozial notwendig, weil niemand in der Kälte einer Theorie leben will. Der Mensch bleibt eben dabei: Jeder kindliche Blick aus dem Fenster beweist, die Erde ist eine Scheibe. Nur Astronauten wissen es besser. Man sollte diesen so leicht einleuchtenden Blick auf die (Matt)Scheibe, obgleich der Ausdruck leider schon für Anderes vergeben ist, einen naturalistischen Fehlschluß nennen.
Und so geschieht es eben, daß niemand sich an der Abstraktion der Funktionssysteme orientieren kann, ohne jemanden zu benennen, und zwar fingierend!, der dann ein Auslöser von Taten ist.
An dieser Stelle darf man nicht stutzen. Alles bisher Gesagte heißt: Die moderne Gesellschaft projeziert sich (real/virtuell auf dem Bildschirm!) eine Szene, in der
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es plötzlich für jedermann einleuchtend ist zu sagen: "Angriff auf Amerika", als gäbe es ein solches "Ding" wie Amerika.
Schwuppdiwupp, der naturalistische Fehlschluß – im oben vereinbarten Sinne – machts möglich: Plötzlich sind Urteile lenkbar, Schuldzuweisungen möglich, Empörungen gegen Menschen steuerbar, das soll heißen: Plötzlich wird, nach der Maxime "bitte mehr desselben", Gegenwart einleuchtend zielfähig und mehrheitsfähig.
Um nicht durchzudrehen, muß man einfach mal Theoretiker werden, versuchsweise, sozusagen, und sorgfältig auf die zugrunde liegende Struktur der beschriebenen Funktionssysteme achten. Sogleich wird eine (leider) sehr komplizierte Frage möglich, (genaugenommen wird sie nur sehr bedingt möglich, weil dieser Fragestellung für den Alltagsverstand gemeinerweise die überkommene und vorläufig kaum aufhebbare zweiwertige Logik mit ihrem brutalen tertium non datur im Wege steht). Diese fortschrittliche Frage lautet: Gibt es jeweils einen Bereich "dazwischen", mit dem sich das so ungeheure Diktum, es gäbe kein Drittes, keinen dritten Wert zum Beispiel bei diesem gleichermaßen schrecklichen wie überheblichen gut/böse usw., erfolgreich unterlaufen ließe? Könnte es sein, daß die Gesellschaft selber gerade diesen dritten Wert produziert?
Lassen Sie mich ein altes Modell bemühen, um es verständlich zu machen: Hat vielleicht die Gesellschaft bei ihren Operationen eine Kehrseite? Taugt vielleicht das alte Bild von der Münze mit ihren zwei Seiten, das ja gerade die irreführende "Kehrseite" mit sich bringt, gar nicht?
Erinnern Sie sich bitte (mit Bachtin Rabelais lesen!), wie das Närrische, der Karneval, das Eselsfest, die verkehrte Welt durch die alteuropäische Gesellschaft ausgeworfen wurde. Wie ferner dann im Übergang zur Neuzeit die Gesellschaft plötzlich den schon immer sichtbaren Wahnsinn als das beschrieb, was man kasernieren und nach Begriffsschubladen ordnen müsse (Foucauld als Zeuge). Oder möchten Sie ins Auge fassen die unvorstellbaren Schicksale des als vagabunditas verschrienen Gesellschaftsteils innerhalb der angeblich so harmonischen Schichtordnung des Mittelalters?
Schreckliche aber vielleicht hilfreiche Fragen und Annahmen. Soziologen, die den alteuropäischen Fragestellungen fruchtbar ausweichen auf neuen Denkgleisen, machen uns Mut und sagen, man dürfe annehmen, es verhalte sich so. Die diesbezügliche Denk- und Argumentationsfigur (des Hamburgers Gotthard Günther), mit der sich diese weiterführende Annahme stützen läßt, ist
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sehr kompliziert und sprengt den Zeitungsrahmen. Sie läuft aber im Prinzip darauf hinaus, daß die Funktionssysteme der Gesellschaft allesamt – jeweils auf ihre Weise – den Deubel tun und sich ans Entweder/Oder halten. Sie produzieren immer Einschluß und Ausschluß zugleich: Die Bewirkung von Zahlungen durch weitere Zahlungen führt die Gegenwelt der Nichtzahlung bzw. Zahlungsunfähigkeit mit sich; die Erzeugung von kritikfähigen (wahren) Sätzen bedarf ihres Schattens, der folgende Namen trägt: Irrtum, Irrationalität, Alogizität, Scharlatanerie; das Rechtssystem schafft, indem es rechtliche Entscheidungen verkettet, immer neue Bezirke des rechtlich Ungeordneten; die Politik erneuert mit jeder politischen Entscheidung das Apolitische (das Machtlose). Man darf darob nicht resignieren: Was wäre die Kunst ohne die Banausen, was die Religion ohne diejenigen, die weder durch Glauben noch durch Nichtglauben betreffbar sind?
Wie reparieren?
Soziologen sind keine Unmenschen. Solange es sich gleichsam um räumlich oder zeitlich zuordnungsfähige und in vertrauten Bereichen auftretende Ausschlüsse handelt, – nur um Armut, nur um Machtlosigkeit, nur um rechtsfreie Zonen, nur um Bereiche der Entlastung von Wissenschaft oder Technik -, mag man auf die künftige Reparatur von Mißständen hoffen. Es muß aber eingeräumt werden, wenn man als Beobachter der Gesellschaft nicht auf einem Auge blind sein will: Tatsächlich ermöglicht die Form der funktional differenzierten Gesellschaft aber peinliche Überschwapp-Wirkungen in dem leider sehr traurigen Sinne, daß
Ausschlüsse, die durch
ein Funktionssystem anfallen, überschwappen auf die
Einschlußmöglichkeiten in anderen Systemen: Kein Geld, kein Recht, keine Wissenschaft, keine Macht, keine Kunst, keine organisierte Erziehung, allenfalls noch Religion in einer Form, die keine Alternativen zuläßt, also fundamentalistisch operiert. Und dann natürlich: Keine Sozialarbeit, die in den Kernzonen funktionaler Differenzierung Ausschlußfolgen bearbeitet oder vorbeugend zu verhindern trachtet.
Wenn uns die Soziologen modernen Typs sagen, jene Kernzonen seien lose integriert, insofern sie den Leuten (dem Volk, dem großen Lümmel) hohe Freiheitsgrade einräumen, aber die Überschwapp-Bereiche seien schärftens integriert, wenn also Integration (hier) genau Einschränkung von Freiheitsgraden (dort) bedeutet, dann liegt Gewalt nahe. Der Volksmund sagt: Dann knistert es im Karton.
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Schlagendes Beispiel: Wer ein Kind festhält, wird erleben können, wie es schlägt, zappelt, tritt. Diese Gewalt kann unkontrolliert auftreten, als nicht zu stoppender Flächenbrand, als mörderischer Bezug auf Körper, die dann nur noch Körper sind, weil der Haß nicht mitsehen will, daß es fühlende Körper mit eigenem Bewußtsein und Reflexionsvermögen sind.
Oder, und das scheint dem geübten soziologischen Beobachter bei
den Ereignissen der Fall zu sein, die unter dem Titel Megaterrorismus behandelt werden, diese blindwütige Gewaltbereitschaft bis hin zur Gewalt gegen den eigenen Körper wird organisiert durch Leute, die die Form der modernen Gesellschaft parasitär und virtuos nutzen. Wie immer, so gilt auch hier, daß man nicht wissen (nicht einmal verstehen) kann, was in den Köpfen dieser Menschen vorgeht.
Entscheidend ist, daß diese Ausnutzbarkeitslage, weil sie mit der modernen Gesellschaft entsteht, offensichtlich ihre Ausnutzer findet und finden wird. Das sind insofern Virtuosen, als sie die Codes und Programme der Funktionssysteme so gut beherrschen wie die Kommunikation in verallgemeinerten Ausschließungsverhältnissen (gemeint ist zum Beispiel Palestina). Es sind Leute, die elegant auf zwei Hochzeiten tanzen oder – wie frühere Soziologen sagten – Doppelrollenspieler. Das macht sie so schwer zu fassen, und genau das erzwingt fatale Strategien, die im Vergeltungsoverkill vielleicht diese Leute beseitigen, auf die die Verantwortung zurechenbar ist, aber nicht die Situationen, aus denen sie Nutzen und Erfolg ziehen konnten, beseitigen können. Im Gegenteil: Der Overkill wird diese Lage noch verschärfen.
Wir haben es nicht mit einem Problem der westlichen Welt zu tun. Amerika oder Europa, das sind wirksame Vereinfachungen. Die Dinge liegen um vieles ärger und sind bedeutend komplexer, sie liegen in der Form der Gesellschaft selbst. Das kommunistische System ist zerbrochen - an der eigenen Form, die allerdings nur eine Zerrform der westlichen war, wenn eine Analogie überhaupt zulässig ist.
Die Narren des Mittelalters hatten den Narrenstab (die Marotte; dem Fremdwörterduden fehlt dieses Wort), auf dessen oberen Ende ein kleines Abbild ihrer selbst angebracht war, eselohrartig, schellenbehangen. Sie sahen sich selbst im Anderen der Ordnung, die sie hervortrieb. Sie führten eine Zwiesprache mit der Marotte, die nicht antworten konnte, mit einem Spiegel, der nichts spiegelt – außer das Zerrbild eines Zerrbildes.
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Ebendies könnte der Fall sein mit der höllischen Kehrseite der Gesellschaft, unserer Gesellschaft, deren Marotte (Duden: Schrulle, wunderliche Neigung, Grille; sie sehen es eben anders, also falsch) nennen die beobachtenden Soziologen den blinden Fleck. Unser blinder Fleck verdeckt uns den Blick auf uns selber.
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