Die Falten der Welt
 
Ein Bügelversuch

von

Rudi K. Sander

 

 

Was mögen sich Lexikonmacher eigentlich denken? Sowohl im neuesten zwanzigbändigen Arme-Leute-Lexikon (Taschenbuchformat) als auch im gleichfalls zwanzigbändigen Zeitgeistlexikon für gutbürgerliche Akademikerkreise gibt es das Stichwort Entfalten nicht. Sie quetschen dafür das Wort Entwicklung aus mit den Gesichtspunkten Philosophie, Biologie und Evolution. Beim Stichwort Falten kommen diese Ordnungsmenschen seltsamerweise sogleich auf die Gebirgsbildung zu sprechen. Ich dagegen denke beim Gedankenauslöser Falten zuallererst an zerknitterte Kleidung oder an eine verrutschte Tischdecke. Muß ich wohl dem Einfluß von Mutter und Ehefrau zuschreiben. Sage ich aber entfalten (als Verb oder auch als Nomen), dann gehen vor meinem inneren Auge Knospen auf und ich staune: Wo kommt sie her, die Rose aus der Knospe?

 

Was also sind Falten als Wort, als Begriff oder, wie die neuen Linguisten sagen: Als Konzept? Sie Sind entweder Folgen von etwas oder Ursachen für etwas: Glattes wurde verkrumpelt, zerknittert, aus seiner Fasson gebracht, oder Hochkonzentriertes will aus sich heraus und in die Welt hinein. Sprachfalten glattbbügeln heißt kritisches Korrigieren, Wiederherstellen eines angemessenen Aussagezustandes, in die rechte grammatische, syntaktische, semantische Ordnung bringen, beseitigen dunkler Stellen, lichtdurchlässigmachen von opaken Formulierungen, vermutete Ordnung schaffen wo Unklarheiten herrschen.

 

Ganz anders liegt der Fall beim Entfalten. Da will (im Kopf des Denkers, im körperverhafteten, dennoch ortlos frei schwebenden Bewußtsein) etwas heraus ins Seiende, in die Sprache eines Daseienden, will sich als Information zeigen, damit der Sprecher es Mitteilen und der Hörer, mit einigem Geschick, es verstehen kann.

Etwas will auf sich aufmerksam machen. Dazu muß es werden, als Ausdruck, was es schon ist, als Gedanke. Ein Paradox also, somit die normalste Sache von der Welt. Wo sich beim wortreichen unterscheidenden Bezeichnen der Erscheinungen der Welt Paradoxe einstellen, braucht man ein neues Wort, eine neue

Unterscheidung, um solch ein sperriges, das Verständnis blockierende Paradox aufzudröseln, eben zu entfalten. Entparadoxisierung (wie Enttautologisierung) erfordert Kreativität (sagt Niklas Luhmann), denn das lösende, das entfaltende

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Wort stellt sich nicht immer leicht ein, man muß suchen, basteln (bricolage im Sinne von Lévi Strauss).

 

Das Blättern im Lexikon hat mich ins Schleudern gebracht. Der gedankliche Anfang, mein Tasten beim Suchen nach dem Sinn von Entfalten, sozusagen meine ästhetische Idee, um mich an Kant anzulehnen, war Folgendes: Bei Wittgenstein liest man: "Die Philosophie verdankt ihre Existenz eingeschliffenen Sprachverwirrungen." Wenn ich das richtig sehe, meint er Begriffe, Metaphern, Analogien, Anschlüsse, "Landkarten" sozusagen, die nicht passen, die nicht greifen, mit denen man falsch begreift, Bilder die Lügen (wie bei Magritte), Landkarten, die nicht das Wesentliche, das Gemeinte wiedergeben, oder zuviel oder zuwenig. Worte, die beim Weiter-Fügen, beim Anpassen, eine Fuge lassen, die klemmen, die sich sperren, die man nicht verlängern kann, nicht aufdröseln, die klemmen beim Derrida'schen Verschieben (differance), eben beim Anschluß-Basteln ins Leere führen, ins Sinnleere. Folgenreiche Fehler können entstehen bei der Entwicklung (der historischen Entfaltung), der evolutionären Verwandlung von Worten als Begriffe durch Abweichungsverstärkung (positiv oder negativ) im jeweiligen Kontext, in der jeweiligen Semantik, in der jeweiligen historischen Phase der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation.

 

Ein falsches Wort  am falschen Platz oder zur falschen Zeit ... (res extensa bei Descart, Weltgeist bei Hegel, Externalisierung bei Marx, Gott ist tot bei Nietzsche, Deutsches Wesen bei Wilhelm II, Dolchstoß bei Ludendorf, Judentum bei Hitler, Wiederaufbau bei der jungen und Rote Armee Fraktion bei der rotzigen Bundesrepublik ...), und schon entsteht ein Begriffs- und Gedankenmonster, das falsch greift mit seinen Assoziationsklauen und alles verschlingt in seinem Schlußfolgerungsrachen. Man merkt es nicht sogleich: Falsche, vorschnelle Plausibilität (man versteht, weil man nicht versteht, was man nicht versteht; Niklas Luhmann). Es zeigt sich aber nicht immer sogleich eine warnende Paradoxie (Ampelrot) oder eine verschämte Tautologie (Ampelgelb), nein, man glaubt, grün zu haben, beim Denken und Sprechen und Schreiben nicht anhalten, nicht innehalten zu müssen. Man fährt, also kommuniziert unbekümmert weiter und landet in der Aporie, im Unwirtlichen, Unwegsamen, in der Ausweglosigkeit. Dann verdorrt die Anschlußfähigkeit, die gedankliche Fruchtbarkeit erstirbt, die Autopoiesis des Systems versickert: entweder Tod, das System bricht zusammen, oder es muß ein Paradigmenwechsel her, sonst geht es nicht weiter. Dann heißt es: Sprachgott, Denkgott, Weltgott steh' uns bei.

 

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Wieviel Falten hat die Welt? Knitterfalten sind unerwünschtes Sein, Knospen als Faltenwort sind vielversprechendes Sein: Kann sein, muß aber nicht. Also streng genommen: Nichtwissen. Wissen wollen heißt also fragend, nachfragend entfalten müssen. Und Fragen ist nach Heidegger Suchen als Untersuchen, Fragen nach dem Gefragten, Anfragen bei Befragtem, bis sich am Ende das Erfragte zu einem Begriff verdichtet. Die neuen Linguisten würden vielleicht sagen, erst habe man ein Konzept und dann eine formulierte Bedeutung als aussagekräftigen und anschlußfähigen Sinn. So gesehen sind Falten also inhaltsschwere Fragen, Fragen, die es in sich haben, Weltmöglichkeiten, die Wortmöglichkeiten werden sollen. Die Welt, die Undurchschaubare, im Ganzen unbeschreibbare, wird beim Entfalten zum über-zeugenden, zum kreativen, zum einsehbaren, zum anschlußfähigen Begriff als ein geschöpftes Geschöpf einer akzeptierten Interpretation oder Konstruktion (auf Zeit, nicht auf Dauer).

 

Die Falten der Welt, die mir zum Entfalten vorschweben (als Konzept), also vor dem geistigen Auge schweben, eben als eine ästhetische Idee, diese Falten sind keine Knitterfalten im oben gehabten Sinne, die man ausbügeln müßte. Die Falten der Welt sind Knospen, die - sich ent-faltend - aufblühen müssen. Die Falten der Welt sind Fragen, sie sich beantworten wollen im Medium der Sprache, im Medium der Begriffe, im Medium der gesellschaftlichen Kommunikation. In diesem Medium sollen sie Form werden, Gestalt, Bild, Metapher als wirkende Wirklichkeit (auf Zeit, nicht auf Dauer).

 

Solch eine Sprachknospe ist zum Beispiel das Wort Mannigfalt (manche Falte, zahlreiche Falten). Das soll heißen als Triade: Einfalt / Vielfalt / Allfalt. Man kann eben in der Sprache Worte verknüpfen (zu Knoten machen) wie in der Musik die Töne oder in der Mathematik die Zahlen oder Mengen. Nur die Verknüpfungsregeln sind eben jeweils andere. In der Musik, wenn man es richtig macht, entstehen beim Knüpfen von Tönen Lieder, Opern, Symphonien und - bei sehr strengem Satz - Sonaten und Fugen. In der Mathematik verknüpft man Zahlen, Mengen, Relationen, Stellen, Funktionen, Räume und all deren Veränderungen nach gesetzten Gesetzen, und mit etwas Glück spiegelt sich in solchen Sätzen mit schöner Strenge die Wahrheit der WELT als Wahres, Schönes, Gutes. Und genau so steckt in der Sprachknospe Logos die wohlgeordnete Schönheit des Kosmos. Eben dies war das Grandiose des griechischen Traums: Die Entfaltung des Kosmos aus dem Logos. Und im hebräisch-aramäischen (Sprach)Raum hieß es: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Auch das reiche System dieses Reiches ist nach Gödel

 

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nicht beweisbar widerspruchsfrei. Auch dieser Reich-tum ist eine zu entfaltende Gedanken-Welt als Liebes-Welt und Gottes-Welt zu einer geschlossenen Sinn-Welt. Und dies alles innerhalb der Welt der Sprache als Vollendung des prävalenten Konzepts des Denkens. Reich-tum aus den Sprachelementen wie -ung, heit, -keit, schaft, -tum, -nis mit all ihren mannigfaltigen Variationen und plausiblen Anschlußfähigkeiten als geregelte Regeln der Grammatik.

 

 Was ist jetzt fällig? Genau: Ein neuer Anfang. Machen wir ihn, damit wir nicht hängenbleiben in der undurchdringlichen Undurchschaubarkeit der Welt an den Dornen der Tautologien, nicht erschlagen werden von Paradoxen oder uns verlieren und verlaufen in der Ausweglosigkeit der Aporien, die die Sprache immer wieder überraschend bereithält.

 

Einen neuen Anfang machen heißt weitermachen, denn mittendrin ist man allemal, denn kein Satz ist der erste, die Welt ist immer schon da. Weitermachen dort, wo man auf seinem Wege stehen geblieben war, ratlos, zögernd, suchend, weil man nicht weiter wußte, weil einem die passenden Worte fehlten. Jeder neue Anfang ist also ein alter Anfang, eben ein Weitermachen, weil in der Welt ohnehin alles gleichzeitig voran schreitet, evolutionär, also mit Notwendigkeit als werdende Wirklichkeit im Kontingenzraum der vielfältigen Möglichkeiten, tastend, (bastelnd). Jeder Anfang ist wie ein neuer Morgen: Man ist gut ausgeschlafen, die Sonne scheint (oder sie tönt in alter Weise, in Brudersphärenwettgesang). Tief durchatmen, Gelassenheit, Sophrosyne.

 

Wieviel Falten die Welt habe, war die Frage. Im Blick ist die vielfältige Welt, die solcherart gefaltet, verschachtelt, verwickelt ist, daß man sie nicht durchschauen kann. Habermas nennt eine solche Situation opak. Wie immer man sagt, weil man so empfindet, sieht, oder etwas als Gestalt begreift und sprachlich gestalten will: eben als eine ästhetische Idee vor sich, in sich hat, kann alles weitere explikativ entscheiden. Nicht umsonst hat Wittgenstein mit dieser verblüffenden Härte gesagt, die Philosophie verdanke ihre Existenz "eingeschliffenen Sprachverwirrungen" (Sperrung R.S.). Der schöne griechische Sprachknoten Logos ist eine solche folgenreiche Verwirrung, deren Entwirrung (Entfaltung) sich eben die alteuropäische Philosophie verdankt.

 

Die Welt ist also zunächst opak, undurchsichtig. Alles ist zunächst opak. Man verfolge einmal Satz für Satz, Gedanke für Gedanke, Schritt für Schritt Heideggers Explikation seiner selbstgestellten Aufgabe, sich und uns das Sein des Seins klar zu

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machen, diese Denkverschachtelung auszupacken mit der Wortfolge Suchen, Untersuchen, fragen nach dem Gefragten, anfragen beim Befragten, als Begriff suchen das schließlich gefundene Erfragte, "wobei", sagt er, "das Fragen ins Ziel kommt" und "daß das Fragen sich zuvor ... selbst durchsichtig wird."

 

Sich einen Durchblick verschaffen (schaffen signalisiert schon: Mühe, Schweiß), ein wenig Klarheit als Wahrheit, also immer vorläufige, vorlaufende Wahrheit. Was vorläuft, was uns vorausläuft, ist unsere Sprache. Wir sind der Hase, die beiden (sic!) Sprachigel sind "immer schon da". Vertrauen wir mit solchem bildhaften Sagen der Sprache, werden wir finden, sie läßt uns nicht im Stich, und wenn es die Fabelsprache ist (es ist wie im Märchen). Die Sprache, das sind so Geschichten der die Fragen zählenden und das Gefundene uns erzählenden Dichter, die Wirklichkeitsverdichter, die Weltenstifter, die Sprach-Meisterer.

 

Der geheime Name der Sprache ist Igel. ("Mein Name ist Hase", wie sich der Volksmund ausdrückt, heißt also: Ich weiß nichts, die Sprache weiß alles. Jedenfalls können wir nicht wissen, ob wir mehr wissen, als die Sprache weiß, solange wir für eine solche Behauptung nicht die dazu passenden Worte gefunden haben. Die Sprache will vorsichtig gehandhabt werden, mit einfühlender Zartheit. Die Sprache, unser Igel, ist bei uns grammatisch weiblich, ist DIE Sprache. Fragt man sich doch, ist dies Weibliche das "Weibliche" des großen Weimaraners aus Frankfurt am Main? Es will einem doch wie Schuppen von den Augen fallen: Die Sprache zieht uns hinan, (rauf oder runter? Beides). Die Sprache zieht mehr als zehn Pferde. Luhmann sagt, gottseidank sei das Weibliche keine Frau. (Sie haben ihm nämlich auf seinem Flur der Bielefelder Universität sein Namensschild von der Tür geschraubt, geklaut also, ihn so demonstrativ entLuhmannend). Denn die Frauen sind zur Zeit (oder schon immer?) nicht gut auf die Männer zu sprechen, mit ihrer Sprache, ihrem Denken also. Also gottseidank, daß (Goethe plus Luhmann) die Sprache keine Frau ist? Peter Fuchs enttarnt sie in seinem Essay "Theorie als Lehrgedicht" als die zwischen wahr und falsch, zwischen Sein und Nichts unterscheiden könnende Göttin des aufdeckenden Erkennens (alétheia) in Parmenides Lehrgedicht vom fahrenden Wahrheitssucher. Wir haben oben eben gesehen, die Sprache ist ein Igel, ein Igelpaar, also: die beiden Igel ziehen uns hinan (die beiden Seiten einer jeden Unterscheidung, George Spencer-Browns Empfehlung: draw a distinction, unterscheide bezeichnend: das Eine und nicht das Andere, dies und nicht das. Nach Luhmann: System/Umwelt, und diese Unterscheidung ist das System). Wenn wir sagen, die Sprache sei ein Igel(paar), dann wollen wie nicht Unsinn reden, nicht Widersinn produzieren. Damit es

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sogleich wieder Sinn wird, müssen wir einfach neu anfangen, ein-fach wie ein-fältig.

 

Der amerikanische Sprachphilosoph Paul Grice hat in seinen berühmten 4 Konservationsmaximen (der Qualität, Quantität, Relation und Modalität) gefordert. "Sei relevant, sei deutlich, schweife nicht ab"). Eine klare, fast eine moralische Anweisung. Aber sagen sie einem, der sich im Walde verirrt hat, er solle einfach immer geradeaus gehen. Wenn das immer so einfach wäre. Dennoch gilt selbstverständlich (auch ohne Grice): Du sollst nicht von einem Diskurs in den anderen springen. Volksmund: Nicht vom Hölzchen auf's Klötzchen kommen. Sonst entsteht Gedanken-Salat. Salat kann (abwertend) ein Durcheinander sein, Salat ist aber (positiv gesehen) eine köstliche, nahrhafte Speise, zur rechten Zeit, am rechten Ort und gut zubereitet. Auf das Sprachdressing kommt es an.

 

A propos Weibliches, weibliche Sprache: "Wenn du zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht". Armer Nietzsche, was hat er allein für diesen Satz Prügel bezogen, post mortem noch. Die Feministinnen sollten mit ihrer Verdammung noch einhalten. Vielleicht wollte der schnauzbärtige Friedrich vom berühmten Sprachgymnasium nur etwas klarstellen und hat sich im Sprachbild vergriffen? Wenn man zur Sprache geht, der weiblichen, zu den beiden Begriffsigeln, den Differenz-Stachel-Monstern, dann sollte man schon auch "eine Peitsche" dabei haben. Jeder Kutscher hat eine Peitsche, zum Zeichen geben. Es ist geradezu ein Zeichen seines Berufes. Der Kutscher braucht die Peitsche, um im Lärm der Straße den Pferden (seinen Pferden!) Zeichen zu geben. Die Pferde verstehen das. Also stimmt es am guten Ende doch: Man braucht für die Sprache, damit sie uns voranbringt, ein Direktionsmittel. Die Sprachpferde wollen richtig behandelt werden, dann laufen sie von selber. Wer aber mit seiner Sprachpeitsche zuschlägt, dem läuft vielleicht die Sprache als stachliger Igel davon, und er hat das Nach-sehen. Wir aber wollen bei unserem Suchen nach den Falten der Welt nicht ihren impliziten Tat-Sachen hinterhersehen. Wie wollen einen Durchblick gewinnen. Und dieser Zick-Zack-Diskurs hier soll ein Gewinn werden, jedenfalls für den Schreiber. Auch der durchaus verwirrende Luhmann-Habermas-Diskurs seinerzeit war ein Gewinn für die im zwanglosen Zwang durch's bessere Argument kommunizierende Gesellschaft, zumindest der Philosophen/Soziologen, vertreten durch Niklas Luhmann und Jürgen Habermas. Diesen Wettlauf haben Luhmanns Sprachigel in the long run am Ende gewonnen und Habermas war der düpierte Hase.

 

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Also: Wieviel Falten der Welt lasen sich entfalten und auf welche Weise? Was sind die Bedingungen der Möglichkeit der Sprachentfaltung beim Sprechen und beim Schreiben, um es einmal gut Kantisch zu fragen. Nicht "was kann man sprechen",

sondern: Wie kann man mit der Sprache Sachverhalte (Gehalte) systematisch entfalten? Welches System ist die Sprache? (Luhmann sagt keins, denn man kann ihr keine Umwelt zuordnen; wenn man streng ist). Die Leute sagen: Ein Wort gibt das andere. Was man hier die ganze Zeit schon unmittelbar sehen kann. Oder, wenn sie nicht weiter wissen, sagen die Leute: Da fehlen einem die Worte. Wenn einem die Worte fehlen, dann sagen die Leute: Man hat seine liebe Not. Also: Was ist ein System und was ist eine liebe Not?

 

Also sagen wir einmal so: Ein System ist, wenn ...? Ja wenn das so einfach wäre (bitte erinnern: ein-fach). Die Kunst des Systems ist nämlich ein Fach, eine Wissenschaft, die Wissen schaft (über das fehlende "f" in Wissenschaft sehen wir lächelnd einmal hinweg.

 

Was denn nun: Ist das Hantieren mit Systemen (oder mit dem System) nun eine Kunst oder eine Wissenschaft? Tertium non datur heißt es doch üblicherweise sofort, alles in seine Schranken verweisend. Vielleicht ist ja Wissenschaft stets eine Kunst, die Kunst des plausiblen und anschlußfähigen Jonglierens mit fruchtbaren Termini und Begriffen. Also ganz langsam, zum mitschreiben, wie wiederum die Leute sagen. Beobachten wir Hegel. Der Wissenschaftler Hegel beherrschte die Kunst des Systems, seines Systems. Also war Hegel ein Künstler. Ein Künstler der Begriffsentfaltung, der Auf-Lösung von Widersprüchen. Hegel war ein Zauberer, wie Thomas Mann einer war, nur eben anders. Hegel war ein Schwerathlet der Deutschen Sprache. Jeden Widerspruch, der ihm begegnete (der sich gegen seine Auflösung stemmte) den hob er ein-fach (drei-fach!) auf: Wenn Hegel einen bösen Widerspruch (zum Beispiel den vom Herrn und Knecht) mit dem Aussprechen eines anderen, eines guten (Wider)Spruchs aufhob (mit dem Wort Zusammenarbeit oder Arbeitsteilung zum Beispiel), dann war dieser Widerspruch aufgehoben gleich hochgehoben für alle Zeiten (glaubte er). Und dieses Aufheben geschah bei ihm mit der Methode von These/Antithese/Synthese (die er, wohl fälschlich, Dialektik nannte, was geradezu unheimliche Folgen in der Geschichte hatte; denken sie an Marx) auf die oben angedeutete drei-fache Weise: bewahrt/widerlegt/bestätigt:

 

(1) Der böse Widerspruch war aufgehoben im Sinne von ungültig. Von nun an galt dieser Spruch nicht mehr. Als Münze war er aus dem Zahlungsverkehr der gesellschaftlichen Kommunikation herausgezogen.

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(2) Der böse Widerspruch war aber noch da. Er stand ja als Schrift auf dem Papier (und waberte als Faktum in der von Hegel beschriebenen Geschichte der Gesellschaft). Er war also ein Faktum, eine geschichtliche Tat-sache. Das Papier des Widerspruchs konnte man nicht so einfach zusammenknüllen (zusammenfalten) und in den Papierkorb werfen. Was der böse Widerspruch aussagte, war ja auch wahr, es war ja Geschichte, Erkenntnis, Erfahrung. So etwas wirft man nicht weg. Man wirft als Mensch, als Sprach-Gemeinschaft, als Menschheit seine Erfahrungen nicht einfach in den Papierkorb der Geschichte. Das wäre eine schöne Geschichte (eine schöne Bescherung). Nein, Zettel mit Erfahrungen kommen in den Zettelkasten. Solcherart hat Hegel auch die schwersten Widersprüche scheinbar mühelos aufgehoben. Zum Beispiel den Widerspruch zwischen Napoleon und dem übrigen (verrotteten) Europa. Hegel erklärte ganz klar und wahr Napoleon zum Weltgeist zu Pferde (er hatte ihn auf einem Schimmel reitend in Jena gesehen, als er entsetzt-bewundernd aus seinem Fenster schaute). Für ihn war Napoleon der Mann, von dem Europa den Fortschritt und die Neuzeit zu erwarten hatte. Hegel hatte recht. Napoleon war die neue Zeit. Er verkörperte sie. Napoleon war (damals) die Moderne, was immer er sonst noch war, er brachte den Code Napoleon, das moderne gesetzte Gesetz, das Gesetz der Moderne. Es gilt heute noch in Europa, jedenfalls seinem Geiste nach. Der Geist des Code Napoleon ist der Geist des Systems, der Geist der französischen Klarheit, der clarté. Es war auch Hegels Geist, der Geist des erkennenden Subjekts, Kants Subjekt. Dieses Kantisch/Hegelsche erkennende Subjekt hat die Geschichte der erkennenden Erkenntnis aufgehoben im obigen Sinne von (1), ferner aufgehoben im Sinne dieses Abschnittes (2), und vor allem - echt Hegelisch - auch aufgehoben im Sinne des folgenden Abschnitts (3).  Luhmann, durchaus als Hegelsches Geschichtssubjekt, hat mit seinem System/Umwelt-System, bei dem das menschliche Subjekt als psychisches System, von dem es zur Zeit sechs Milliarden Exemplare gibt, zur Umwelt der Gesellschaft gehört, und wonach folgerichtig das System selbst zum Erkenner wird, und hat damit das Problem folgendermaßen gelöst: Die Gesellschaft, die nicht denken kann, sondern nur kommunizieren, erkennt:

 

- subjektiv (für sich = Selbstreferenz) durch auropoietische Selektion der für es brauchbaren Fakten aus seiner Umwelt, und

- objektiv (an sich = Fremdreferenz) durch evolutionäre Selbstveränderung des Systems "Gesellschafts-Struktur qua Gesellschafts-Semantik" mit den Mitteln der gesellschaftlichen Kommunikation, also letztlich der Sprache.

 

 

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(3) Wenn ein böser Widerspruch aufgehoben (widerlegt) und aufgehoben (bewahrt) ist, also widerlegt und bewahrt, dann ist er auch aufgehoben im Sinne von hochgehoben, im Sinne von erhoben, im Sinne von erhöht. Der böse Widerspruch wird zum guten Spruch auf höherer Ebene der Betrachtung, einer höheren Einsicht. Für Hegel war das eine Metaebene der Logik, eine Metaebene des höheren Verständnisses, eine Metaebene der sich selbst verändernden Geschichte. Ein solcher aufgehobener Widerspruch spricht zu uns eine andere, eine neue Sprache der Einsicht, der Klarheit, der Wahrheit. In der Geschichte der Widersprüche, also in unserer Geschichte, die erlebt wird und die erzählt werden kann, wenn einer kann (und darf, was - als gesellschaftlicher Widerspruch - auch nicht immer und nicht überall der Fall war), gilt der neue Spruch, worin ja - ein schönes Paradox - der alte Spruch enthalten ist, so lange, bis er durch die Evolution der Gesellschaft:

a) die Evolution der gesellschaftlichen Strukturen und

b) die Evolution der gesellschaftlichen Semantik,

die einander wechselseitig bedingen, wieder zu einem bösen Widerspruch geworden ist.

 

Die Teilsätze a) und b) bedingen sich gegenseitig wie Henne und Ei. Geselschaftsstrukturveränderungen und Gesellschaftssemantikveränderungen sind die Bedingungen der Möglichkeit des Erkennens durch Beobachten der gesellschaftlichen Evolution (leider nur post festum, im nachhinein). Die Einheit der Differenz zwischen a) und b) ist der Widerspruch, den Hegel als Motor der Geschichte festmachen wollte. Lumann hat sich "das Ganze" der Hegelschen Aufgabenstellung "anders gerichtet" und uns, als Beobachter Luhmannscher Rede, ermöglicht, beim Erfassen des Problems Gesellschaft der Gesellschaft bedeutend weiter zu sehen.

 

Wohin die Evolution dieser Geschichte (der Geschichte der menschlichen Kultur) führt, ist völlig offen. Die undurchschaubare Zukunft dieser undurchschaubaren Welt liegt im Kontingenzraum, im Raum der Möglichkeiten, im Raume dessen also, was nicht unmöglich aber auch nicht notwendig ist. In diesem schönen Raum der erfüllbaren (aber niemals mit Sicherheit sich erfüllenden) Wünsche gilt zwar nicht, wie der philosophische Spaßvogel Feyerabend keck verkündigte anything goes, nein, sagte Luhmann ironisch zu dem Feyerabend, es geht nur, was geht.

 

Wohin die Geschichte führen wird, liegt somit - von kosmischen und irdischen Katastrophen einmal großzügig abgesehen - ausschließlich an uns selber. Eine

 

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schöne Geschichte (im Sinne von schöner Bescherung). Doch die Leute sagen: Nichts wird so heiß gegessen ...

 

Die Widersprüche der Gesellschaftsgeschichte treiben also gegen Widerstände aus Widersprüchen die Gesellschaft an und ziehen sie hinan oder herab. Das Ewig-weibliche der Sprache zieht uns hinan, wenn Goethe recht hat. Die Widersprüche der Geschichte ziehen uns hinan, wenn Hegel recht hat. Die Widersprüche zwischen Kapital und Arbeit zögen uns hinan ins irdische Himmelreich eines menschenseligen Kommunismus (jeder nach seinen Fähigkeiten), wenn Marx recht hat, allerdings, so einfach hat er es sich nicht gemacht: Es geht leider alles erst über die Vorhölle oder das Fegefeuer des realen Sozialismus (auch eine historisch abgehakte Entwicklung?). Doch möchte man dem großen Sohn der Stadt Trier sofort fragend entgegenhalten: Sorry, großer Rabbinersohn, aber an deinem Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit muß etwas nicht stimmen. Eine mutige Vermutung: Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit (als Begriff oder als Unterscheidung Kapital/Arbeit, die dann wie alle Unterscheidungen asymmetrisch gebaut wäre, also dem Kapital den Vorrang einräumte), dieser Widerspruch ist irgendwie eine Verwirrung im Sinne des oben zitierten Wittgensteinschen Dictums. Dieser Begriff greift nicht, er ist nicht das Spiegelbild, ist nicht die rechte (linke!) Reflexion der Kräfte der Geschichte. Aber irren ist ja menschlisch, sagen die Leute, keineswegs nur Marxisten. Auf welcher strukturellen oder semantischen Bananenschale der Kapitalismus einmal ausrutschen wird, ist ja noch völlig offen. Die Reichen arbeiten daran, und die Armen schauen stillhaltend zu.

 

Aber sollte es durch die Widersprüche zwischen a) und b) tatsächlich hinan gehen, sind diese Widersprüche dann weiblich? Bitte keine Trugschlüsse: Denn a) und b) bedingen einander und widersprechen einander. Es sind gute Paradoxe: Die gesellschaftliche Semantik bedingt die Gesellschaftstruktur und folgt aus ihr, und die Gesellschaftstruktur bedingt die gesellschaftliche Semantik und folgt aus ihr. So sehen in realitate antagonistische Widersprüche tatsächlich aus. Und das ist nun wieder gut Hegelisch und gut Marxistisch. Dies mag tröstlich sein für jene, die des Trostes bedürfen. Trösten muß auch, daß der Antagonismus zwischen Gesellschaftsstruktur und Semantik erst post festum sichtbar wird, also immer erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. So sagen es die Leute und Luhmann sagt es auch, ernsthafter natürlich.

 

 

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Solche antagonistischen Widersprüche sind paradox (wie das meiste). Sie ziehen hinan oder herab. Es liegt an uns. Vielleicht sind antagonistische Widersprüche doch weiblich? Das Weibliche der Sprache zieht uns doch auch schon ewig hinan und hinab gleichzeitig. Man fragt sich bei solcher Sachlage, wie sich historisch und

evolutionär im menschlischen Gehirn (transzendental) eine Struktur hat ausbilden können, die solche Sätze wie den vom ausgeschlossenen Dritten, den vom Widerspruch und den von der Identität überhaupt hat ermöglichen können. Auch wenn es zunächst ein wenig weh tut, vielleicht hätte Goethe sagen sollen (müssen!): Das ewig-weibliche der Sprache kann uns hinauf- oder herabziehen (wie die Ökonomie und die Ökologie, die Sexualität und die Kunst, das Recht und die Wissenschaft, die Ehe, die Familie, eben alles, was wir tun oder lassen). Das, was uns in der Welt hinauf oder hinab ziehen kann, ist nicht das ewig-weibliche, es ist das ewig-menschlische. Goethe wollte wohl, als ewiger und unwiderstehlicher Charmeur, der Frau von Stein eine kleine Freude machen. Versöhnung Goethes mit der Frau von Stein im Hause des Herrn von Stein. Auch menschlisch-allzumenschlisch im Sinne Nietzsches: Sie hatte ihn enttäuscht (in Weimar) und er hat sie enttäuscht (in Rom qua Tischbein, der ihm die personifizierte Sinnlichkeit als schöne Römerin ins Haus vermittelte).

 

Das ewig-menschlische in der inkonsistenten Sprache und in der inkonsistenten Geschichte ist und bleibt eben paradox. Man kann es drehen und wenden, wie man will, Sprache, Welt und Geschichte, Mathematik und alle Wissenschaften, Politik, Recht, Religion, Wirtschaft Kunst und Erziehung, Ehe und Familie, alles was reich ist (und reich macht oder arm), alles ist inkonsistent und eben niemals im Sinne menschlischer Ideale vollkommen. (Wo haben die Menschen bloß diese unerfüllbaren Ideale her? Kant nannte so etwas erkenntnisleitende Ideen; muß man sich wie den Nordstern vorstellen: unerreichbar, aber für die Orientierung unersetzlich und unverzichtbar). Jedes der echten oder scheinbaren Systeme als ein Reflexions-Spiegel (schön tautologisch) von Strukturen und Prozessen wird nur (!) gebraucht, um all die inkonsistenten Verhältnisse zu verstehen, damit man es sagen kann und in der gesellschaftlichen Kommunikation annehmen oder ablehnen kann, eben für wahr oder für falsch halten, ohne Gewißheit, folgend dem, was jeder für sich (also subjektiv) für den zwanglosen Zwang des besseren Arguments hält. Denn: "Wer immer strebend sich bemüht, den werden wir erlösen." (Betonung von R.S.), was immer wir bei Goethe auch sein mag. Hier irrte Goethe gewiß nicht. Es ist das Notwendige, das die liebe Not wendende Bemühen des Sysiphus: Strebend!,

 

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also per se unvollkommen. Der Mensch muß Systeme bauen, wenn er die unverstehbare Welt verstehen will (für sich oder an sich). Man darf beim Streben

Streben einziehen in den Systembau seiner Welt, damit sie dem Begreifen standhält. Man darf dabei aber nicht borniert sein. Wer Systeme baut, notgedrungen, der baut im Reich der Kontingenz, im Reich der Möglichkeiten, also auf Sand. Und beim Bauen auf märkischen Sand ist (fast) alles möglich. Siehe die Berliner Republik (der Autor ist Berliner). Deshalb beobachte ich so gerne und mit liebevoller Anteilnahme die Systembauten, sei es bei Luhmann und seinen Schülern Peter Fuchs und Dirk Baecker oder den großen Antipoden Habermas, Derrida, Foucauld oder Bourdieu. Es wird am Ende vergeblich sein, mein Beobachten, aber vielleicht nicht ohne Nutzen. Man lernt dabei wie die Kinder beim Spielen. Reden, schreiben und gesellschaftliches Kommunizieren, leben eben und Systeme bauen, alles ist ein ernsthaftes Spiel im Schillerschen Sinne. Sprachspiele, Diskurse, die großen Erzählungen, die Geschichte, solange sie dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments ihrer systematisch ungeregelt geregelten Regeln folgen, kann alles gut gehen mit der Evolution der Gesellschaft, der Gattung. Nur eines bleibt: Für den Einzelnen ist es, so oder so, am Ende tödlich.

 

Wenn ihr nicht werdet wie die (spielenden) Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Und: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Es ist das Reich der tröstenden, auch der vertröstenden Sprache. Dieses Reich aus Worten, aus reichen Worten wie Logos, Kosmos, Gott, System, Wahrheit, Freiheit, Liebe, ..., aus tröstenden, liebevollen Worten ist unendlich: Unendlich anschlußfähig. Die Worte, als Medium, verbrauchen sich nicht (reflexiv). Worte sind keine knappe Ressource; gute Begriffe aus fruchtbaren Konzepten allerdings schon.

 

Aber: Im Hause der Worte, im logischen Raum der Sprache sollte es nicht aussehen wie bei Hempels unter'm Sofa. Sprachverschmutzung ist auch eine Sünde, eine Sünde wider die Ökologie des Geistes. Das Feld dieser Logik ist keine Müllkippe, wo man seine Begriffsabfälle und falsch verpackten Unterscheidungen einfach abladen kann. Beim Wiederaufarbeiten abgebrannter Begriffe und beim Recyclen verbrauchter Unterscheidungen von Unterscheidungen muß es strukturell ordentlich zugehen. Vor allen Dingen öffentlich. Jeder ist zugelassen. Niemand braucht eine Betriebsgenehmigung. Es darf auch gebastelt werden, aber das vorgelegte Ergebnis muß systematisch aussehen, systemartig funktionieren und gesellschaftskommunikativ anschlußfähig sein. Auch wenn, falls man Pech hat, die Gesellschaft zum Ergebnis nein sagt.

 

 

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Langsam wird manches klarer, dafür aber komplexer. Lehrsatz: Der Abbau von (äußerer) Komplexität geht immer einher mit dem Aufbau von (innerer) Komplexität. Im autopoietischen Steinbruch der Unterscheidungen als Bezeichnungen der Firma Spencer-Brown geht dem Sysiphus (der wir alle sind) auf den Spuren Niklas Luhmanns die Arbeit gewiß nicht aus. Der Stein der Frage aller Fragen (zum Beispiel die nach den Falten der Welt) muß immer wieder von neuem nach oben gerollt werden. Die Differenz zwischen Leben und Tod ist die letzte Hürde, die jeder am Ende nehmen muß.

 

Der Stein, den wir hier zum wievielten Male versuchen nach oben zu rollen, dieser Stein ist immer noch derselbe (und inzwischen wohl doch nicht mehr ganz derselbe): Es ist immer noch die gleiche ästhetische Idee, die gleiche Vorstellung, der gleiche Gedanke, das gleiche Konzept: Wieviel Falten hat die Welt als System (einmal nicht im Luhmannschen Sinne). Ist die Welt überhaupt ein System, bei dem alles mit allem oder wenigstens Wichtiges mit Wichtigem zusammenhängt? Oder sind immer nur die Antworten auf die Fragen unabweisbar systematisch, systemhaft, einem System verhaftet? Welchem System? Offensichtlich dem System der Sprache, kompliziert durch das daraus aufgebaute konstruktivistische System des jeweils Sprechenden, weil jeder auf zwar die gleiche aber letztlich doch vollkommen idiosynkratische Weise sozialisiert worden ist. Wer mit Worten, mit Sätzen, mit Rede im gesellschaftlichen Kommunikations-Diskurs auf Fragen antwortend die Falten der Welt entfalten will, der baut sogleich selber ein System, der zeichnet eine Landkarte, der spiegelt (reflektiert) die opake Welt, und dabei wird die Welt - wie durch eine Zauberei - zum scharfen, klaren, deutlichen (deutbaren) wahren Bild, Abbild, Repräsentation, Begriff. Wer zu weit geht beim Entfalten, der versinkt in den Falten, im Paradox, in der Tautologie, in der Aporie. Es wird immer mehr Fragen als Antworten geben. Aber: Man kann's nicht lassen. Wie hat Camus gesagt: Man müsse sich Sysiphus als einen glücklichen Menschen denken. Das tröstet. Damit man nicht übermütig wird, sollte man sich an Nietzsches Härte erinnern: "Die Philosophie ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistige Wille zur Macht, zur Schaffung der Welt, zur causa prima." Das hält munter.

 

Von den bei unserem suchenden Fragen als gemeintes (vielleicht aber nur vermeintliches) Entfalten entstandenen Fragen nach Struktur, Prozeß, Relation, Autopoiesis und dergleichen schönen opaken Klarheiten will ich in vorgegebener

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Keuchheit schweigen. Die in vorangegangenen Essays angedeutete Explikation, was Trivialität (Tri-via-lität) in meinem Bewußtsein, in meinem Gehirn, in meinem konstruktivistischen System der Weltauffassung für mich Sinn macht, habe ich, bis jetzt, auch noch (gut hegelisch) für mich behalten. Am besten, wir fangen noch einmal neu an. Begriffe haben wir, so nebenbei, schon genug zusammen, so daß wir vielleicht hier und da ein wenig verdichteter dichten, also basteln und stiften dürfen. Systembau als Stiftsruine. Na Mahlzeit, da haben wir den Salat. Ein Diskurs darf nicht zu lange dauern, sonst wird er paradox und undurchschaubar, obwohl er sich um Klärung bemühen wollte. Das ist ganzen elitären Streitgruppen schon so ergangen. Am schlechten Ende wußte niemand mehr, worum sich der Streit eigentlich anfangs drehte. Die Leute sagen zwar, was lange währt, wird gut. Die Leute wissen eben nicht, was sie wollen. Ihre Widersprüche ("Jeder Fluch der Ruderer in den Galeeren ...) treiben die Geschichte. Auch dumme Sprüche werden im Geschichtsmotor anstandslos als Treibstoff verbrannt. Wittgenstein hat es gezeigt: Begriffsverwirrungen als Lebenselexier der Philosophie. Wir können ergänzen: Axiomatische und konstruktivistische Aporien der Mathematik, Seil und Balacierstange als Gewißheitsgarantie für Gerechtigkeit im Rechtssystem der (willkürlich, obgleich alles andere als sinnwidrig) gesetzten Gesetze, die vertraute und beliebte Fütterungsveranstaltung im Teilchen-Zoo der Physiker (welche Freude, wenn man durch energiereiches Hineinrufen in den Kontingenzwald wieder einmal ein neues, bislang nie gesehenes Tierchen (Teilchen) herausgelockt hat), eine Fütterung mit den unverdaubaren Brocken Energie, Kraft, Welle, Teilchen, Strings, Sonanz, Dimensionen im Hilbert-, Minkowski- oder welchem Denk-Raum auch immer, die goldglänzenden Realitäten der Währungssysteme als vergötzte Vertrauenspaläste auf dem Felsen der Sonderziehungsrechte des IWF mit den berechenbar unbrechbaren (oder unberechenbaren?) Balken der Bundes- und Landes-Zentralbanken, diesen Tempeln vertrauten Vertrauens, ... lassen wir das sein. Eine Satire zu schreiben, ist immer leicht. Sogar der Liebenswerteste mußte sich logisch sagen lassen: "Herr Kästner, wo bleibt das Positive?"

 

Die Evolution nimmt also, was sie bekommen kann. Die Evolution bastelt. Daß die Gesetze der Natur nur die symstemartigen Gesetze der Naturwissenschaften, also der Gehirne der Naturwissenschaftler sind, also Kunst, also künstlich, daß weiß man seit Kant oder spätestens seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts. Nietzsche nannte das kummervoll-unbekümmert Fröhliche Wissenschaft.

 

Es darf gelacht werden, muß aber nicht. Wenn schon keine festen Werte, dann auch keinen Reflexionsstop bitte (heute hätte ich Stopp schreiben müssen, panta rhei,

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alles fließt, sagte schon der große dunkle Grieche). Der Geschichtsexpress, ein ICE, deshalb fährt er so langsam, der Geschichtsprozeß, wollte ich sagen, geht unaufhaltsam weiter, mit wachsender Beschleunigung. Von Berlin nach Hamburg, liest man, fährt heutzutage die Eisenbahn (aus Aluminium und Kunststoff) schon fast genau so schnell wie in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Es lohnt sich zu leben: Man lernt dazu und braucht nicht dumm zu sterben, wenn man sich strebend bemüht.
 

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