Einfach mannigfaltig

Versuch einer Annäherung

von

Rudi K. Sander

 

 

Was ist Mannigfaltigkeit? Ein schönes deutsches Wort. Ein deutsches Wort? Andersherum: Ein Wort der deutschen Sprache. Viele gute deutsche Worte gehören der ganzen Welt und werde von allen aufrichtigen Denkern in allen Sprachen deutsch geschrieben: Einsamkeit, Lied, Sein und Dasein, Holzweg, Gestell, Lichtung, Reichtum, Geheimnis, Gestalt, Waldsterben, Kindergarten, Überraschung. Eine große Vielfalt, eine Mannigfaltigkeit des besonderen Blicks auf die Welt.

 

Was also, nein anders: Wie ist Mannigfaltigkeit möglich? So spricht der Meister Kant: Welches sind die Bedingungen der Möglichkeit der Vielfalt, der Mannigfaltigkeit? Strukturgrammatisch ein doppelter Genitiv, ein verdoppelter Er-Zeugungs-Fall.

 

Fangen wir ein-fach irgendwo an, am besten mittendrin.

 

Aller guten Dinge sind drei, sagen die Leute, die man das Volk nennt oder man schiebt solche vorschnell einleuchtenden Aussagen ihm in die Schuhe: Dem Mann auf der Straße. Wenn aber das Volk auf die Straße geht, kann mancher ein Lied davon singen: Die Marsaillaise, wenn es Pariser waren, und "Du mußt ein Schwein sein ...", wenn es Leipziger sind. Europäische Vielfalt, begründet wohl nicht nur in den unterscheidenden Unterschieden der jeweiligen Sprachen und ihrer Wortbestände, doch wohl eher in den unterschiedlichen Gedankenbeständen als den Resultaten unterschiedlicher Geschichts-Noten, nach denen das Volk dann singt. Eine schöne multikulturelle Mannigfaltigkeit.

 

Noch einmal: Aller guten Dinge sind drei. Sagen wir doch mal versuchsweise: Einfalt-Mannigfalt-Vielfalt. Wir sollten wieder auf das Volk hören, die vertraute Stimme des Volkes in uns selber, und wir bemerken sogleich: In diesem Dreierpack stimmt offensichtlich etwas noch nicht. Nur Geduld, wir kommen schon noch dahin, wo wir hin wollen mit der ästhetischen Idee oder, wie die modernen Linguisten heute sagen: mit dem Konzept, das uns vorschwebt. Der Ton macht die

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Musik; siehe oben. Volkston: Wir sind ein Volk (Betonung freigestellt; davon vielleicht später). Es heißt ja auch: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Übrigens, wenn Reden Silber und Schweigen Gold ist, dann müßte man glänzen, wenn man schwiege. Der Latainer sagt: si tacuisse ... , man könnte auf deutsch ergänzen: Wenn du geschwiegen hättest, dann hättest du glänzen können. Aber mal ehrlich: Was hätte man vom Schweigen in einer Welt, regiert vom glänzenden Geld?

 

Ergänzen wir mutig vermutend und fröhlich unwissenschaftlich bastelnd. Was mir vorschwebt als ästhetische Idee, wie ein Geist im Sommernachtstraum, ist so etwas wie eine perfekte Dreiheit: Satz und Gegensatz und ausgeschlossenes Drittes. Oder anders: Die beiden Seiten der jeweiligen Medaille plus Hinweis auf das "Metall" der Begriffsmünze. Es wäre schön, ist aber wohl zuviel verlangt von Sprache als Mittel (Medium) zum unterscheidenden Bezeichnen. Dreiheit reimt sich so glatt auf Freiheit. Reimheit schafft Vertrauen als Leimheit: Blut zu Blut, Bein zu Bein, Reim zu Reim, Satz zu Gegensatz, Falte zu Falte. Aber die Sprache der Logik ist nicht die Logik der Sprache. Die nämlich ist nicht erfüllt von einer Regel der Regelmäßigkeit, auch wenn es bei den grammatischen Gesetzen der Deklination, der Flexion, dem Fügen der Vor- und Nachsilben oft so scheint. Vieles in der Sprache ist regelhaft jedoch keineswegs gleichförmig. Die Logik der Sprache ist eher eine Logik der Ökonomie, eine Logik der Klänge, der Anklänge (Assonanz), des Mitklingens (Konsonanz) und des Mitschwingens als Rückklingen (Resonanz). Also: Von den drei Ähnlich-Klingern Einfalt/Vielfalt/Mannigfalt sind Vielfalt und Mannigfalt leider ziemlich deckungsgleiche Synonyme (Vielfalt ist jung, Mannigfalt ist älter, hat einige Geschichtsfalten im schönen Wortgesicht. Gern hätte ich es wie ein Dornröschen aus dem Vergangenheitsschlaf erweckt. Aber ich bin ja kein Dichter. Wenn wir beim Suchen nach einer schönen Dreiheit ein wenig basteln, kommen wir zu: Einheit/Vielfalt/Allfalt. Wir stutzen mit unserem Bauchgefühl sofort: Wer hat hier geschludert? die weibliche, pardon, die menschlische (deutsche) Sprache? Ist das eine ordentliche Dreier-Struktur? Warum darf man Allfalt nicht sagen? In diesem Kontext, den wir hier erzeugt haben, würde es doch durchaus plausibel erscheinen, und anschlußfähig machen ließe es sich wohl auch. Schauen wir uns im Sprachregal des Supermarktes der deutschen Sprache einmal genauer um: Na bitte, dort liegt doch professionell fertig verpackt, geradezu in einer Klarsichtpackung, der schöne Dreier: Eines/Vieles/Alles. Wir sind erst einmal zufrieden. Jetzt könnte ein Schuh draus werden, der nicht drückt, die Falten sind weg. Das Sprachauge schaut geneigt und lächelt: Dieser Dreier im Sprachlotto kann sich sehen lassen.

 

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Die Sprache ist ... , Vorsicht, von nun an kann jedes Wort gegen uns verwendet werden. Wir sind verhaftet, verhaftet einem Sprachgebrauch von mindestens tausend Jahren. Vierzig Generationen haben daran respektvoll-respektlos lebendig gebastelt. Soweit etwa reichen die Fahndungslisten, über das Mittelhochdeutsche hinein in das Althochdeutsche. Erster Eintrag im deutschen Sprachfahndungscomputer sind die Merseburger Zaubersprüche. Ich kann doch nicht zaubern, sagen die Leute, wenn es irgendwo irgendwie klemmt. Die Sprache aber soll zaubern, soll zeugen, soll er-zeugen, nicht nur mit dem generierenden Genitiv, der oft als ein doppelter auftritt, wenn vielfältige Verhältnisse angezeigt werden sollen. Doppelt gemoppelt, mit Binnenreim, sagt das Volk quasi singend, das hält besser. Immer diese Leute. Die Bedingungen der Möglichkeit des unterscheidenden Bezeichnens ... Da ist er, der doppelte Erzeuger. Wer hat jetzt hier gezaubert? Es ist doch schön, sich von der Sprache verzaubern zu lassen.

 

Die Sprache soll zaubern: bezaubern (die Geliebte), verzaubern (den Landschaftsbeschreiber), entzaubern (das betörte Volk durch Aufklärung). Oder bezaubern den Konsumenten mit Werbung, verzaubern die Wähler mit der sicheren Rente, aber bloß nicht entzaubern den sich zwar für aufgeklärt haltenden Bürger, der aber erfahrungsgemäß am Behalten festhalten will auf Deubelkommraus. Alles klar? LOGO!, das ist eine Sprache. Die Sprache der aufgeklärten Kids, der Moderne, oder etwa nur der Mode? Lassen wir die Finger davon, sonst erwischen sie uns wieder beim ...

 

Die Sprache hat also ihre eigene Logik. Sie sieht nicht immer systematisch aus, hat aber System, das System der Widerspruchsfreiheit als Freiheit zum Widerspruch. Schön paradox. Der Raum der Sprache ist ein eigenlogischer Raum, das wollen wir festhalten. Der beobachtete Teil der - im Ganzen - unbeobachtbaren Welt hatte jedenfalls bisher darin Platz. Alles was wir durch erkennen kennen hat im Raum der Sprache seinen angestammten Ort als Wort. Ob auch die ganze Welt darin unterzubringen wäre? Wie beobachten die Welt ja nicht von außen. Wir sind allemal mittendrin. Als Formel geht die Welt in den Gehirnkasten rein: Zehn hoch achtzig Protonen im Universum gebe es. Schnell gesagt. Jedes Proton habe zehn hoch vierzig URE (Planck'sche Elementar-Ereignis-Möglichkeiten in den viel- bis unendlich dimensionierten Räumen á la Hilbert oder Minkowski nach den Regeln allzuhoher Mathematik). Potenzen werden multipliziert, indem man ihre Exponenten addiert, das weiß man noch aus der Schule. So werden die beiden nach Carl Friedrich von Weizsäcker zitierten Angaben zu zehn hoch 120 überhaupt möglichen Ereignissen im Universum. (Begriffen habe ich hieran nie, ob er meint:

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mögliche Ereignisse jetzt, hier, im Moment, oder, unter Berücksichtgung der Zeit, in den rund zwanzig Milliarden Jahren des Bestehens dieses Universums). Wie dem auch sei, zehn hoch 120, also eine Eins mit 120 Nullen. Das macht die Mathematik mit links, die Sprache aber versagt hier insofern, als es für solch ein Monster kein sprechbares Wort gibt (es sei denn, wir würden uns keck eines basteln, aber das könnte Prügel geben). Geschäftsführung ohne Auftrag wird in der Praxis oft nicht honoriert. Also Finger weg. Das mathematisch-logisch denkende Gehirn bewältigt mit Zeichen also Hürden, die man sprechend nicht so leicht nehmen kann. Als die Physiker in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die Quantenräume eroberten, hatten sie zwar ihre Formeln und ihre empirischen Ereignisse in ihren Apparaten, jedoch es fehlten ihnen die Worte. Niels Bohr verlangte aber: Was Physiker machen, müsse sich auch sagen lassen in normaler Sprache (was das dann ist, hat er nicht gesagt). Kein Wunder, wenn dann die Physiker, naturgemäß übermütige junge Leute, solch lustige Worte wie Quarks, Charm und Strangeness für ihre Teilchen einsetzten (Teilchen ist ja schon fast ein Euphemismus).

 

Wie aber steht es, wenn solch ein armes endliches Gehirn zehn hoch 120 mal etwas tatsächlich zählen sollte? Sekunde für Sekunde? Seit dem Urknall sind nur zehn hoch 18 Sekunden vergangen. Das reicht nicht zum Zählen und nicht zum Erzählen der Welt und ihrer Ereignisse samt aller unterschiedlichen, entscheidenden, unterscheidbaren Unterscheidungen.

 

Zurück zu unserer schönen Dreierformel Eines/Vieles/Alles. Alle drei Terme haben die gleiche Endung, die gleiche Gestalt, sie sind wohlgeformt, wie solche Leute wie Mathematiker oder Musiker gern sagen. (Beide ein Völkchen für sich: Harmoniebesessen).

 

Solche Wohlgeformtheit könnte etwas bedeuten. Versuchen wir es zu deuten. Frei nach den Anklang-Regeln der Merseburger:

 

Eines = nichts anderes einschließend, alles andere ausschließend.

Alles  = alles einschließend, nichts ausschließend.

 

Glänzende Form, glänzender Inhalt der Aussage. Es nimmt bestimmt kein (gutes) Ende. Wo ist bei Zaubern die Vielfalt geblieben? Zuerst waren die Falten weg, jetzt ist sogar die gesamte Vielfalt verschwunden. Einfach in Allem "aufgehoben". Eines im Alles, und unsichtbar mittendrin das Viele noch unbestimmte. Wie ein noch

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unbekanntes Etwas. Das ist etwas viel, fast zu viel. Das "Vieles" wurde aus der Differenz Eines/Alles ausgeschlossen und somit, quasi nebenbei, wieder eingeschlossen. Man schaut hin, reibt sich die Augen: Das eingeschlossenene/ausgeschlossene Dritte Vieles springt einem direkt ins Auge. Alles trotz des strengen tertium non datur.

 

Zauberei mit Differenzen, die unterscheidend bezeichnen, nach formalen Gesetzen, nach Gesetzen der Form: Laws of Form, Danke George Spencer-Brown, den uns der Niklas Luhmann so überaus unverzichtbar ins Denkhaus geschickt hat. So wie er den Fritz Heider beerbt hat mit dessen so überaus brauchbarer Unterscheidung zwischen Medium (lose gekoppelte, ungezählte Teilchen) und Form (feste gekoppelte Ereignisse im Medium von kurzer oder längerer bis langer Dauer). Respekt vor solchen Denk-Sprach-Logik-Zauberern. Sie zeigen oft durch Verhüllen mit schönen Begriffen (sie müssen vor der Begriffsbildung überraschende, neuartige Konzepte in ihrem Bewußtsein entwickelt haben. Das setzt Kreativität voraus, ist eine Kunst, somit nicht lehrbar). Man kommt solchen Meistern nicht immer sogleich auf die Schliche. Auch die Sprache zeigt oft durch Verhüllen. Sie verhüllt aber auch durch Zeigen. Die ewig ungelöste Frage, was ist Zeit: Genau genommen nur ein verhüllendes Wort, welches sein Geheimnis nicht preisgeben will. Wenn die Sprache durch Zeigen verhüllt, dann gilt: Man versteht, weil man nicht versteht, was man nicht versteht. Die Sprache verwandelt Wasser mühelos in Wein. Sie speist die nach Sinn hungrigen, sie läßt auch Gedankenlahme mit einfachen, einfältigen Worten gehen. Die Sprache des Erinnerns kann sogar im Handumdrehen Tote zum ewigen Leben erwecken. Die Hochzeit von Kanaan ist vielleicht nur eine hohe Zeit der Sprache gewesen. Man müßte Aramäisch können. Alle sollen getröstet werden. Wer sehen kann, der sehe es. Klopfet bei der Sprache an, so wird euch aufgetan. Die Liebe ist das Größte (Wort), oder der Logos, der Kosmos oder doch das Wort GOTTes? Der Glaube an die Sprache kann Berge versetzen und selig machen - muß aber nicht.

 

 

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