Grenzen regulierten reduktiven Denkens
Es gibt in der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation bei der Konstitution von Sinn unüberschreitbare insulare Ergebnisse. Die Kommunikation der Gesamtgesellschaft ist keineswegs ein schlicht additives Ergebnis oder ein simples Produkt der Kommunikationen in den funktional differenzierten gesellschaftlichen Teilsystemen wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Religion oder Kunst.
Die kommunikative Erarbeitung von Sinn in gesellschaftlichen Teilsystemen muß bedenken, daß die drei Basisbereiche der Denkweisen in der Logik, der Ethik und der Ästhetik zu den sinnschaffenden Kommunikationssträngen in den Funktionssystemen orthogonal (also quer) liegen: Logische Argumente, ethische Argumente und ästhetische Argumente erzeugen kommunikative Teilmengen von Sinn, die keinesfalls eine argumentative Gesamtmenge an Sinn erzeugen, sondern bestenfalls eine gewisse, in Teilbereichen übereinstimmende Schnittmenge an Sinn ergeben.
Was logisch Sinn macht, kann durchaus ethisch Nicht-Sinn sein, vielleicht sogar Un-Sinn. Wobei hier ästhetischer Sinn zunächst außen vor bleiben kann und soll.
Wenn es im Kommunikationsbereich des gesellschaftlichen Funktionssystems Wissenschaft und seines Untersystems Biowissenschaft denklogisch Sinn macht, embryonale Stammzellen zu importieren, damit adulte Stammzellen effektiv erforscht werden können, heißt das noch lange nicht, daß sich solches Vorgehen auch denkethisch (oder denkästhetisch) sinn-voll rechtfertigen läßt.
Wo der naturwissenschaftliche logische Sinn sich rundet, kann der geisteswissenschaftliche (der philosophische) Denk-Sinn, der ja ebenfalls argumentativ logisch voranschreitet, um stringent bleiben zu können, und der vielleicht – der jeweilige Leser hofft und wünscht es – sogar ästhetisch zu sprechen (zu schreiben) sich bemühen wird, kann dieser philosophische Denk-Sinn durchaus ethisch-logisch folgerichtig den naturwissenschaftlichen Sinn anecken lassen und damit die naturwissenschaftliche Logik mit ihrem einseitigen Sinn-Denken funktional äquivalent zu Fall bringen.
Mit anderen Worten: Die ethische Logik kollidiert mit der logischen Logik. Die ethische Logik ist aber kommunikativ gesehen keine "Summe" der Sinn-Produktion aus einem gesellschaftlichen funktionalen Teilbereich, wie es die Wissenschaft (nur) ist. Logische Logik der Biowissenschaft muß sich zweifach messen lassen: Erstens mit der ethischen Logik der Philosophie (also der Logik der Geisteswissenschaften), und zweitens mit der konsensuellen Ethik der Gesamtgesellschaft. Und die konsensuelle Logik der Gesamtgesellschaft ist das
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evolutionär nicht steuerbare und nicht planbare "Ergebnis" (besser: die Funktion und Leistung) der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation, und hieran sind – ebenfalls logisch – die Ethik-Diskurse
aller funktionalen gesellschaftlichen Teilsysteme "strukturell gekoppelt" beteiligt.
Anders: Die jeweils logische Kommunikation über Ethik in den Teilbereichen des Rechts und der Religion werden logisch im Teilbereich Politik aufgenommen und hier – nach politisch argumentierender logischer Verfestigung im Parlament – kommunikativ zu Gesetzen verarbeitet, die dann das politische Funktionssystem dem Wissenschaftssystem und dem Wirtschaftssystem als spezifische Eigenleistung anliefert, wonach sich dann die Wissenschaft und die Wirtschaft im Rahmen ihrer Eigenlogiken (Codes) logisch zu richten haben.
Da die drei Basisbereiche der logischen Denkweisen, erscheinend in der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation als Logik, als Ethik (und als Ästhetik) wegen ihrer orthogonalen Querlage nicht logisch-deduktiv ineinander überführt werden können (Hobbes, Locke), wird die biowissenschaftliche Teil-Logik als Funktions-Logik stets unversönlich mit der Teil-Logik der Ethik aufeinanderprallen.
Weil aber – wie Luhmann das spitz formulierte – in der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation "jeder Fluch auf den Galeeren zählt", und weil die gesamtgesellschaftliche Kommunikation sich letzten Endes pragmatisch im funktionalen Teilsystem der Politik semantisch artikulieren muß, bestimmt am Ende das Parlament durch Gesetz "im Rahmen der Gesetze", worüber dann das Rechtssystem zu wachen hat, was in der Wissenschaft und in der Wirtschaft ethisch-logisch Sinn machen soll, also gesellschaftlich sinn-voll vertretbar erscheint. Wobei im Falle des Stammzellenimports und der wissenschaftlichen Manipulation mit adulten Stammzellen nach der ethischen Logik einer verantwortungsvollen Risikominimierung (Jonas) die logische Logik der Biowissenschaft "im Zweifel" sich für die logische Ethik der Ethikwissenschaften entscheiden muß. Anders: Die Biowissenschaft muß sich logisch ethischbewußt selbst beschränken im Rahmen der gesetzten Gesetze.
(Rudi Sander, Bad Schwalbach)