Parmenides hat das NICHTS unter ein Denkverbot gesetzt. Fast alle halten sich daran. Parmenides hat die Unterscheidung Sein/Nichts nicht als Differenz gesehen, die man asymmetrieren kann. Für Parmenides ist das SEIN nicht die positive, die gewonnende, die gewinnende Seite einer Differenz (einer Form), sondern der herrschende, der alles beherrschende Ausdruck des allein in sich Identischen: Das Sein IST, und das Nichts ist NICHT. Was er vielleicht nicht gesehen hat: Ihm war, sozusagen unterderhand, aus einem Adverb (nicht) ein Substantiv geworden, ein Nomen: DAS NICHTS. Diesem Nichts, das für ihn, per definitionem, nicht sein kann, weil nur das Sein sein kann, diesem Nomen NICHTS wurde kategorisch abgesprochen, zu sein. Parmenides dekretierte (er setzte, er machte zum Gesetzten, zum Gesetz): Alles Seiende stammt aus dem Sein. Das Parmenideische Sein war somit ALLES, war der KOSMOS in seiner Gesamtheit, war die Natur (Physis), war Gott, somit die einzige Dreieinigkeit: Das WAHRE/GUTE/SCHÖNE. Jedenfalls haben Platon/Sokrates dieses Parmenideische SEIN so entfaltet. Es war die einseitige Entfaltung eines Paradoxes, denn das Sein als absolute Identität, als Form mit lediglich einer Seite, konnte nicht sein.
Wem das Sein als bestimmender Ausdruck alleiniger und ursprünglicher Identität zu flach vorkommt, weil dem Sein in seiner Flachheit, seiner Ober-Fläche, die Gegenseite fehlt, der kann, wie immer, versuchen, den Spieß umzudrehen. Dies ist in der Ideengeschichte natürlich (!) schon geschehen: Scotus Eriguena hat gesehen, dass Gott (oder die Natur) aus dem Nichts schafft; und dieser Denker hat dieses Nichts (Parmenides' adverbialen Nominalismus also) zum Inbegriff von Gottes eigenem Wesen gemacht: "Das Nichts, das die Schöpfung bedingt, das ist er [lies: Gott] selber."
Die Natur, was immer sie auch sein mag, sie ist die Notwendigkeit, das Unbedingte. Deren oder ihre andere Seite [denn die formenreiche Natur ist natürlich (!) selber eine Form] ist die Kontingenz. Die Notwendigkeit, also die Natur, schließt alles Seiende ein, die Kontingenz schließt alles Mögliche ein (man beachte, im Deutschen, den Doppelsinn). Die Kontingenz, als reine Potentialität, IST nicht, sie ist das Nichts, das es (evolutiv?) zu entfalten gilt. Potentialität ist unentfaltetes Nichts, Aktualität ist entfaltetes Nichts. Die Evolution, als der Große Entfalter, sie kann in der Natur nur das entfalten, was mit den Gesetzen der Natur (also mit Notwendigkeit) möglich ist. Diese natürliche Evolution, der Große Entfalter, hat den Menschen hervorgebracht: Den Kleinen Entfalter. Dieser Mensch, der Kleine Entfalter, ist das Medium der Sprachbildung geworden. Und zwar nicht einer alleine, sondern die Sprache hat "sich" der Mensch "in Gesellschaft" geschaffen. Alles, was Gesellschaft ist, ist Kommunikation, also Sprache in Aktion. Zuerst (oder gleichzeitig?) zähmte der Mensch das wilde Feuer, dieses Superparadox (Zerstörer und Kreator zugleich), und dann zähmte der Mensch seinen aus dem Staunen und der Angst geborenen wilden Schrei, diesen vertrauten alltäglichen Lärm, und erlegte diesem chaotischen NOISE fraktale Ordnungsfesseln auf in Form (!) von Grammatik (Schreibregeln), die er als Syntax, Semantik und Pragmatik seiner eigenen Oralität abgelauscht hatte. Damit trat der Kleine Entfalter, der Mensch, das Psychische System, aus der vorgegebenen Ordnung des Großen Entfalters, der Evolution, die ihn geschaffen hatte, heraus und begann, mit Hilfe der Sprache, das große Nichts, die Kontingenz, seine Potentialität, nominalistisch zu entfalten. Und alles immer in Gesellschaft, alles immer als Kommunikation. Das Paradox hierbei ist, dass die beiden kreativen Systeme, der Mensch und die Gesellschaft, sich komplementär einander bedingen, obgleich ihrer beider Entfaltungsfähigkeiten orthogonal zueinander in Stellung gebracht sind: Das einzelne psychische System kann denken, aber nicht kommunizieren; die Gesellschaft aber kommuniziert (evolutiv) "so vor sich hin", ist aber (um handeln zu können) vom Denken entlastet: Was geschieht, geschieht; die Qualen der Entscheidungen verbleiben als emotionale Last des (Da)Seins als Freud und Leid beim Menschen.
Und der Kleine Entfalter redet und redet, er weiß, er ist der Geist (symbolisch), der stets das Gute will und oft (nur) das Böse erreicht (diabolisch). Und alle seine ungezählten Erzählungen, alle bemüht um Plausibilität und Anschlussfähigkeit, ob sie nun aus den Kreisen der nominalen Denker stammen (nomos, Wissenschaft) oder aus den Kreisen der immer wieder unzufriedenen antinominalen Quer-Denker [die sich oft Freund nennen (Philos) und mehr der Weisheit als dem schnöden Wissen zuneigen], alles in diesen Erzählungen Gesagte ist in der Gesellschaft von Beobachtern für Beobachter gesagt. Und dies stets in dem klaren Bewußtsein: Alle Beobachter sitzen (mit oder ohne Instrumente) auf einem selbstgebauten Floß und treiben, wissend, auf einem Meer an Nichtgewusstem. Dieses Floß dann exakte Wissenschaft zu nennen und über die Freunde der Weisheit (die man auch als Metaphysiker am liebsten ausgrenzt, weil sie einmal in ihrem falschen Absolutheitsdrang ab-gestürzt sind und längst zu relativieren verstehen) zu spotten oder sie mit Missachtung zu strafen, erscheint mir nicht angemessen, wo es doch, allen Ernstes, nur um die Entfaltung des NICHTS, also um ALLES geht. Schon die Differenzierung zwischen exakten Wissenschaften und den sogenannten Geistes- (also: Menschen-)Wissenschaften scheint mir schlicht fragwürdig. Auf diese Weise wird nur eine Hochkomplexiät unterkomplex weggeredet. Man kann von verschiedenen Positionen aus positiv oder negativ (crossing) beobachten: Was man dann sieht, ist in allen Fällen weiter nichts als eine Beschreibung. Die Naturwissenschaften (mit ihrem Trick des "Erklärens") sind doch in ihren unbefangendsten Vertretern längst dabei, was sie beobachtet haben, schlicht in Normalsprache als konzise Erzählung vorzulegen (Forderung von Niels Bohr an Heisenberg beim Gespräch über bestimmbare Unbestimmtheit, die sprachlich bestimmt bleiben müsste). Mehr als Hinschauen und drüber reden, also sagen (wenn man kann), was man gesehen hat, kann eben keiner (bei aller präziser Reflektion des jeweiligen Standpunktes). Und dies alles stets in den (prinzipiell stets überschreitbaren) Grenzen der Sprache der jeweiligen Zeit. Mit grenzenlosem und damit unsinnigem Skeptizismus hat dies nichts zu tun. Die paradoxe (weil antreibende und einschränkende) Maxime hierzu stammt von Lichtenberg: An allem mindestens einmal zu zweifeln (aber nicht ständig).