Sein, Dasein und Zeit
Versuch übers erzählte Zählen
von
Rudi K. Sander
Die Zeit ist der Engel des Menschen. Sie begleitet ihn vom ersten bis zum letzten Atemzug. Er wird in ihr, in sie hinein geboren und mit dem persönlichen Tod aus ihr entlassen. Sie ist immer an seiner Seite. In der Erinnerung anderer Menschen ist jeder Mensch potentiell unsterblich. Die Zeit ist des Menschen Stab und Stecken. Tröstend heilt sie alle seine Wunden. Sie ist sein Haus immerdar. Die Zeit ist im vergehend-andauernden Sein ein Medium für das Sprechen der Sprache als Haus des Seins, wie Heidegger das nannte.
Die Zeit ist die Bühne des Lebens: Alles und alle, von der Amöbe bis zum Menschen, vorhandene und ausgestorbene Formen, auf diesen Brettern traten und treten sie auf, und alle, alle, alle mußten wieder gehen, ein jedes zu seiner Zeit.
Die Zeit ist der Raum des Seienden. Alles Seiende hat im drei dimensionalen Raum seine Stelle, die Zeit aber gleitet an den Stellen alles Seienden stumm vorüber, ohne die Dinge zu berühren, sie aber dennoch alle gleichermaßen individuell zu affizieren, zu verändern, zu beeindrucken, anzuregen, zu verwandeln, wie der Bauer beim Pflügen die Scholle verwandelt, die dennoch bleibt, was sie ist. Galaxien, Sonnen, Planeten, Berge, Kristalle und Atome, alles beansprucht Platz und Dauer im Wandel. Ausgedehntes, die res extensa des Descartes, ist, was es ist, wie es ist, wo es ist, weil es ist. Seiendes Sein als Welt braucht und schafft Zeit: Für einen Beobachter!
Steine, Pflanzen, Tiere und Menschen sind im Sein als Seiende eine Familie in der Zeit. Wo wäre die Zeit, wenn sie nicht wären? Aber nach dem Nichts zu fragen oder von ihm zu reden gehört sich nicht, wie die alles aufdeckende Göttin der Wahrheit (alétheia) nach Parmenides dem Reisenden, der sich nach der Erkenntnis alles Erkennbaren auf den langen Weg gemacht hatte, mahnend entgegenhielt. Hier und jetzt, hic Rhodos, hic salta, schwingt der Engel des Menschen auf der Bühne des Lebens im Raum des Seienden seine Flügel zwischen Gestern und Morgen.
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Was ist die Zeit, fragte schon Augustin. Wir alle kennen sie, wie er, als Seinsgeschwister, und doch läßt sie uns immer wieder staunen, die bekannte Unbekannte, die Vertraute unseres Vertrauens. Alle macht sie am Ende sprachlos. Jeder, der über sie impulsiv und voller Gewißheit reden wollte: Augustin, Thomas, Galilei, Keppler, Newton, Maxwell, Lorenz, Einstein, Hawkins, allen, auch den Wortreichsten unter ihnen, fehlten am Ende die Worte, die rechten, die greifenden, die man einleuchtend begreifen könnte, die das Problem ZEIT auf den Begriff bringen würden. Sie alle wußten und wissen wie wir: Die Sprache konnte bisher und bislang die Zeit nicht bei ihrem richtigen Namen nennen. Der Name Zeit für die ZEIT ist nur ein übervoller leerer Begriff, der nicht greift, den man nicht begreift. Wir alle rufen wie der geblendete Polyphemos: Wer bist du? Doch die Zeit, die listige, listenreiche lacht uns aus und ruft zurück: Mein Name ist nemo, Nichts.
Die Frage "was ist die Zeit?" führt offensichtlich zu nichts Begreifbarem, zu nichts Handfestem, bei allem seither Vorgezeigtem und Vorzeigbarem. Beim Angedenken an den großen Alleszermalmer Kant, der am Ende seines Über-Denkens die Zeit auch nicht auf den Begriff zu bringen vermochte, versuchen wir entsprechend seinem Rat, von Was-ist-Fragen zu lassen und auf Wie-ist-möglich-Fragen umzuschalten. Fragen wir dann versuchsweise: Was ist die Bedingung der ... ?, so stockt uns schon der Sprach-Atem. Wollte man voreilig sagen, die Zeit sei die Bedingung der Möglichkeit alles Seienden, was hätte man damit gesagt? Hieße das, das Seiende ist, WEIL die Zeit ist, dann wäre die Zeit der Grund des Seienden. Wäre die Zeit dann (schon wieder eine implizierende Zeit-Partikel!) ein zureichender Grund für das Sein des Seienden? Ohne Zeit kein Seiendes? Ohne Seiendes keine Zeit? Heißt Heideggers Über-Schrift "Sein und Zeit" eigentlich: Staunen über beides oder Gewißheit übers Erste und Zweifel am Zweiten? Oder meinte er ungesagt sagend: Schaut dieser Münze beider Seiten untrennbare Einheit? Zeit oder Sein würde wohl keiner wagen zu fragen. Bewegung oder Etwas, das geht nicht; (geht nicht, selber ein zeiteinschließender Term). Ist dann GOTT etwa doch die Einheit von Sein und Zeit? Nämlich das eingeschlossene/ausgeschlossene Dritte der Unterscheidung Sein/Zeit? Sein in der Zeit (wenn der Beobachter Geschaffenes sagt?), Zeit wegen bewegtem Seiendem (wenn der unbewegte Beobachter GOTT heißt?). Trotz aller Zeit-Erfahrung gibt es nur relative Zeit-Begriffe und keinen absoluten. Jedes bewegte Seiende als System macht mit seinem Sein als Etwas-das-aufeinander-bezogen-ist seine eigene System-Zeit. Ist die Zeit ein Gespenst wie der Äther? Könnte daseiend Seiendes in Gestalt eines um-denkenden Physikers die Zeit einfach abschaffen, (man gestatte die Sinn-
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Verdopplung) einfach hinweg-eskamontieren, wie die empiriegestählten, aber im Grunde "bastelnden" (bricolage im Sinne von Lévi Strauss) Physiker des neunzehnten Jahrhundert den Äther "abgeschafft" und durch das Maxwell'sche Feld ersetzt haben? Vielleicht ist der so überaus sperrige, platzhaltende Begriff ZEIT nur eine nicht genügend und ausreichend unterschiedene (discriminierte) GESTALT? Eine zu schnell einleuchtende Figur? Eine täuschende Erscheinung, die man durch Passenderes austauschen sollte (wenn man kann!). Es fehlen uns offensichtlich die Worte für ein solches Unterscheiden. Wir alle lauschen den aus Zahlen-die-zählen abgewonnenen Erzählungen der Physiker. Sie beschreiben uns das Seiende in all seinen bisher gefundenen (weil untersuchend gesuchten) Gestalten und benutzen dabei die vertraute Unbekannte "Zeit" als relativierten Bei-Satz zu den drei (transzendental?) gesetzten Raum-Sätzen eines "Stellen" machenden Konglomerats von systemmatisiertem "vorn/hinten plus rechts/links plus oben/unten". Das Mathematisch gebildete Gebilde aus solchen Dimensionen heißt (man) dann tröstend/vertröstend: die vier-dimensionale-Raum-Zeit. Gehören Raum und Zeit zum Sein oder zum Seienden? Nicht jede mögliche Stelle im "Raum" des Universums ist besetzt, denn die zehn hoch achtzig Protonen der (durch Carl Friedrich von Weizsäcker) geschätzten universalen Gesamtmasse, als die Summe aller Etwasse, ist solcherart im Raum verteilt, daß an den meisten seiner Stellen "Nichts" ist. Wenn alle Protonen im Weltraum still ständen, gäbe es dann Zeit? Wenn es sämtliche Protonen nicht gäbe, gäbe es dann Raum? Machen bewegte Protonen-Ansammlungen, die in Clustern den Raum partiell "erfüllen" Raum wie Zeit? Wie müssen für den beobachtenden Sucher die Wort-Figuren im Spiel mit Sein, Dasein und Zeit konfiguriert werden (oder sein?), damit aus dem Sprach-Salat aus Worten kein Sinn-Salat aus nicht greifenden Begriffen wird, der aus Mangel an Plausibilität (und vielleicht auch wegen ermangelnder Anschlußfähigkeit) physikalisch nichts mehr "bedeutet"? Wittgenstein, der (Russel überzeugend) Frege widerlegte mit dem Dictum, Sinn und Bedeutung seien sinngleich oder bedeutungsgleich, Wittgenstein, ein Leben lang nachdenkend, erst über die Welt aus Seiendem bis hin zum Gedanken-Leiter-Wegwerfen eines besonnen sich besinnenden Schweigens, und dann über die Welt aus Sprache (gleich der Sprache als Welt) kam zu dem trauernden Fluch: "Alle Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache."
Wenn die Physiker schweigen, also für den Moment nichts Neues erzählen, dann zählen sie unverdrossen weiter: Sie sitzen an, vor, ja "in" ihren riesigen Geräte- und Apparate-Systemen mit den vielen Schaltern, Knöpfen, Spulen, Tunneln, den Nebelspuren in Blasenkammern, den Blitzen in anderen Wahn-Sinns-Detektoren
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mit ihren für sie so erleuchtenden Zeigerausschlägen, speisen ihre Computer mit digitalisierten Ereignissen der Raum/Zeit und suchen nach der sprechbaren und Sinn-machenden Aussage-Gestalt aus Worten für das "Ganze-aus-den-Teilen" in der unerschütterlichen Hoffnung auf Gewißheit, daß sich zum Gefundenen auch die passenden Worte als funktionale Begriffe werden "finden" lassen durch suchendes Untersuchen, eingedenk der unerbittlichen Forderung von Niels Bohr, es müsse sich auch im Sprach-Raum das im "Quanten-Raum" ermittelte sagen lassen, und zwar in normaler Sprache (was immer das auch sein mag). Intuitiv möchte, ja muß man dem zustimmen. Ein Physiker wird denken: Wenn es mir nur gelänge, die Gestalt der Welt in einer widerspruchsfreien schönen Formel darzustellen, die jene entscheidende Handvoll Kollegen überzeugt, dann ist mir der Nobelpreis sicher. Wir wollen es ihm gönnen, den Triumph und das schöne Geld, aber wenn wir übrigen sechs Milliarden Zeitgenossen die Schlagzeile lesen sollten: "Quanten-Gravitations-Theorie komplett", dann werden wir gewiß nicht sagen (dürfen), dies sei kompletter Un-Sinn. Jedoch unser Wunsch, man möge uns das Gezählte in einsehbaren Worten erzählen, darf nicht unbescheiden genannt werden, bei allem Respekt vor der Physik.
Zu fürchten ist nur: Wenn es so weit sein wird, da man die im Grunde unbeschreibbare WELT, also das ganze ganz Große und das ganze ganz Kleine quantengravitativ wird beschreiben können, auch dann wird man nicht zufriedenstellend wissen was die Zeit ist. Bis dahin darf ein jeder, wie er kann, darüber reden, wenn auch nur, stark eingeschränkt, spekulativ und metaphysisch.
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