Sprach-Räume im Haus der Sprache

Ein Einrichtungsversuch

von

Rudi K. Sander

 

 

Es gibt nur eine Welt, aber die ist für uns endliche Wesen nicht zu haben. Weder ein einzelner Mensch, als ein psychisches System, kann die Welt für sich idiosynkratisch beschreiben, noch die Gesellschaft, als ein kommunikatives System, ist dazu in der Lage. Jede Weltbeschreibung verhält sich zur Welt wie eine Landkarte zur Landschaft. Gäbe eine Landkarte die Welt Eins-zu-Eins, wäre sie die Welt. Wie man die Speisenkarte wohl niemals mit den Speisen verwechseln würde, wird einem stets klar sein: Keine Weltbeschreibung erreicht die Welt als Ganzes: Die Beschreibung gibt stets eine Teilwirklichkeit auf der beobachteten, also unterschiedenen Seite, die Welt als umfassende Wirklichkeit darf auf der anderen Seite vermutet werden.

 

Die Welt ist also nichts weiter als eine mutige Vermutung. Der wahrnehmende Beobachter, derjenige also, der sich seine Wahrheit nimmt, die er mit niemandem teilt, er schneidet die Welt an wie die Mutter die Torte. Hat man sein Stück gegessen, schließt man vom gehabten Geschmack auf den Geschmack der Torte. Die ganze Torte selbst hat noch niemand gegessen.

 

Wie das Messer die Torte, so schneidet die Kraft der Worte, jeweils einen Unterschied bezeichnend, in das unverstandene Dunkel der Welt. Draw a distinction, verlangt George Spencer-Brown von dem, der etwas sehen will. Schneide die Welt an und halte dich an das, was du bezeichnen kannst. Und Wittgenstein setzt den Schlußpunkt mit dem Dictum: Worüber man nicht reden könne, davon müsse man schweigen. Die Welt eines Jeden reicht somit nie weiter, als seine Sprache reicht. Wenn es hoch kommt, sieht man gerade noch, daß man etwas nicht sieht, aber es fehlen einem die Worte. Sucht man, so richtet sich das tastende Suchen auf das Gesuchte, das man noch nicht kennt, weil man es noch nicht erkannt hat. Erkennenwollendes Suchen ist eine Frage in den Kontingenzraum hinein. Die Frage fragt nach den Bedingungen der Möglichkeit eines unterscheidenden Unterschieds. Solches Suchen wird zum Untersuchen. Der zum Unterscheiden entschlossene Unterscheider als Beobachter dessen, was er glaubt unterscheiden zu können am bislang Nichtunterschiedenen, will das

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freilegen, wonach seine Frage steht. Sein Fragen wird zum Fragen nach dem Gefragten. Er richtet sein Fragen auf den Teil der Welt, den er in seinem Horizont noch distinct unterscheiden kann. So wird sein Fragen zum Anfragen bei einem Befragten, wofür er einen Begriff bilden möchte. Er angelt also nach einem plausiblen Wort, das er aus der Fülle der ihm sozial angelieferten Worte entweder geschickt auswählen oder für seinen neuen Zweck sich neu zusammensetzen muß, wenn er kann. Und dieses Bemühen kann nur Erfolg haben, wenn er mit seiner Entscheidung als Unterscheidung, die er auf seine Weise bezeichnet, in der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation anschlußfähig bleibt. Er darf nicht in eine für andere unverständliche Privatsprache ausweichen. Hat er folglich auf diese kreative Weise, nach dem Befragen der allen gemeinsamen Sprache, sein Intendiertes auf einen Begriff gebracht, wie man üblicherweise sagt, dann ist er (vielleicht) mit seinem Fragen beim Erfragten ans Ziel gekommen. Heidegger, dem wir diesen Fahrplan des Fragens verdanken, meint, das Eigentümliche eines solchen unterscheidenden Fragens liege darin, und wir fügen hinzu: Wenn das Suchen mit Glück und Talent eine passende Bezeichnung für das Gesuchte gefunden hat, daß das Fragen sich zuvor, nach all den konstitutiven Charakteren der Frage, die wir zitiert haben, selbst durchsichtig wird.

 

Jeder Satz über die Welt als mutig vermutete Wirklichkeit ist somit die Behauptung eines Spracharchitekten, eines sprechenden Erbauers von Worthäusern, die man als Sinnräume erschließen kann. Jeder Satz über die Welt ist der Versuch einer Sinnsetzung auf Bewährung. Solange solche Häuser stehen und nicht einstürzen, solange man in solchen Sprachräumen leben und wohnen kann, solange ist der gesetzte Sinn sinnvoll und kein Wahn-Sinn oder gar Un-Sinn. Jeder Poet mit seiner Poesie, wenn er Anhänger findet, die seine Lieder mindestens mitsummen, beweist dies. Werden seine Wortfügungen gar zur Fuge, die mindestens ein Anderer in einer öffentlichen Aufführung zu dirigieren wagt, hat er die Welt der mit ihm oder nach ihm Lebenden bewährend bewahrend erweitert.

 

Dennoch bleibt die Gewißheit der Ungewißheit. Mutig vermutete Aussagen über die Welt sind gewähnte Behauptungen, die sich durch lebensfördernde Bewährungen behaupten müssen. Sätze wie "Der Fliegenpilz ist sehr gesund" haben im Wohnhaus der Sprache keinen Platz und keinen Raum. Obwohl sie Regel-gerecht gebaut sind, müssen sie verworfen werden wegen ihrer lebensfeindlichen Sinn-Widrigkeit. Sätze wie "Das Proton besteht aus drei Quarks" sind Übungsgeräte in der Turmhalle der Physik als Wissenschaft. Wenn die Welt-Bild-bauende Vernunft, die an solchen Wortgeräten turnt, begriffliche

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Bauchschmerzen oder gedankliche Muskelzerrungen bekommt, werden diese Geräte durch andere ersetzt. Sprache besteht im Verhältnis zur Welt im Zustand der mutigen Vermutung auf Bewährung.

 

Der Wittgensteinkenner Hacker sagte deshalb auch in ungebrochener Zustimmung zu Wittgensteins Auffassung: Es gäbe "in der Tat keine Verbindung zwischen Sprache und Wirklichkeit" (Sperrung R.S.). Das muß man sich mit Hilfe Luhmann'scher Begrifflichkeit erläutern. Sprache hat geregelte Regeln und arbeitet dennoch mutig, Widersprüche geringer schätzend als Plausibilität, systemartig, systemhaft, ohne wahrscheinlich ein widerspruchsfreies System zu sein. Jeder denkt hier sofort an Gödels unerbittliche Erkenntnis, mit der er 1931 auf der Konferenz über die Erkenntnistheorie in den empirischen Wissenschaften apodiktisch klar machte mit seinem Text "Über formal unentscheidbare Sätze der >Principia Mathematica< und verwandter Systeme": Die Mathematik ist entweder unvollständig oder widersprüchlich. Nicht nur Hilberts Traum von einer konsistenten Mathematik war damit zerstört. Sein Theorem machte mit der gleichen Überzeugungskraft, die von Heisenbergs Unschärferelation ausging, jedem und vor allem für immer klar: daß nicht alle Aktivitäten unseres Gehirns vollständig durch unser Gehirn selbst erklärt werden können (Peter Watson). Und Josef Weizenbaum ergänzt, wir müßten endlich einsehen, Berechenbarkeit könne es nicht geben. Damit wird jede konsistente  Planung zur unerfüllbaren Utopie. Dies bezieht Luhmann auf soziale Systeme, wenn er meint, Gödelisierung gelte auch hier, wie in Logik und Mathematik, weil formale System, die selbstreferentielle Sätze enthalten, zwangsläufig unentscheidbare Sätze produzieren und folglich nur ab extra geschlossen werden könnten. In der "Gesellschaft der Gesellschaft" bekräftigt er diese Einsicht noch einmal mit dem Hinweis: Man habe auf Gödel warten müssen, um zu sehen, daß gerade die Widerspruchsfreiheit nur durch Rückgriff auf Externa begründet werden kann. Und wer möchte sich heute noch auf Gott als Beobachter oder Verursacher berufen, wenn es statt um Glauben um mögliches Wissen geht. Luhmann hält die Sprache schon deshalb für kein System, weil man der Sprache keine Umwelt zuordnen kann. Die Sprache ist nicht, wie eine Landkarte, ein Abbild der Welt, in welchem Maßstab auch immer. Die Sprache bildet operativ die Welt nicht ab, sondern aus; die Sprache konstruiert eine Welt als ihre eigene. Sei sie nun ein System oder nicht, wer sagt denn, ein System müsse widerspruchsfrei sein? Schön für alle Systembauer, wenn es ihnen mit den leicht erreichbaren Mitteln der Plausibilität gelingt, ihr System So erscheinen zu lassen. Luhmann sagt selber, gegen Feyerabend, es gelte zwar nicht das kesse Dictum "anything goes", denn es ginge eben nur, was geht. Alles andere zerfließt

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oder zerplatzt an seinen Widersprüchen. Und im Kontingenzraum der Welt gilt auch noch mit einer Gewißheit, die aller Gewißheit den Boden entzieht: Alles was möglich ist, ist stets auch anders möglich. Lassen wir es zunächst hierbei bewenden.

 

Machen wir einfach versuchsweise weiter, indem wir, trotz aller Zweifel, die Sprache nicht als sondern wie ein System beschreiben: Die Sprache - mit oder ohne Widersprüche - ist ein offenes geschlossenes System mitten in der (Um)Welt der Wirklichkeit, der Realität, der besprechbaren Etwasse, der unterscheidbaren / bezeichenbaren Entitäten. Die Sprache, als Teil der Welt, hat als System alles, was nicht Sprache ist, zur Umwelt (Fremdreferenz), obgleich sie, reflexiv, auch über sich selbst reden und befinden kann (Selbstreferenz). Zwar ist die Sprache offensichtlich kein autopoietisches System, weil sie sich und ihre Elemente nicht selber erzeugen kann (das tut die kommunizierende Gesellschaft, die selber nur aus Kommunikationen besteht). Aber: Die Sprache bedarf hierzu sozusagen einer Basis (fast hätte ich gesagt einer Substanz): Sie bedarf eines (mehrerer!) sich-selbst-bewußten und Welt-bewußten Bewußtseins "in" einem lebendigen Organismus. Alle diese sprechenden Organismen, als Umwelt der Gesellschaft, haben Anschauungen und Vorstellungen, sie können Denken und sprechen aus, was sie denken. Sie können aber nicht kommunizieren. Kommunizieren kann nur die Gesellschaft, die dafür - horribile dictu - nicht denken kann und keine Adresse hat. Wer es nicht glauben mag, möge einmal einen Brief an die Gesellschaft schreiben.

 

Vielleicht wäre es fruchtbarer, Bewußtsein nicht auf Individuen zu beziehen (weil sie die Umwelt der Gesellschaft sind), sondern von gesellschaftlichem Bewußtsein zu reden. Man könnte dann sagen, die Sprache sei eine Teilmenge des gesellschaftlichen Bewußtseins. Dieses "System" namens Bewußtseins-Teilmenge-Sprache ist "geschlossen": Sprache hat es immer nur mit Sprache zu tun; und es ist "offen", nämlich irritierbar durch die (ihre) (Um)Welt, die Wirklichkeit, die Realität, (von Parmenides über Platon und Aristoteles bis Thomas hätte man wohl gesagt: durch das SEIN). Das allumfassende aber nicht ausgedehnte, ortlose, gesellschaftliche Bewußsein, die res cogitans verfügt, mal mehr, mal weniger, über Sprache und - welch Wunder - die Sprache spricht über die res extensa und über die res non-extensa.

 

Aus allen diesen Gründen und Umständen zieht es Luhmann vor, gestützt auf und ausgehend von Fritz Heiders Gedankengängen über "Ding und Medium", die Sprache anzusehen als ein dynamisches, ungeregelt geregeltes Medium (sie gibt bei

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aller Strenge allen kompetenten Sprechern viel Freiheit; sie ist die Mutter aller Kreativität), ein Medium, das die Fähigkeit hat und die Möglichkeit bietet, erkennbare Formen auszubilden, die selber dazu beitragen, daß man, als Sprecher in der Gesellschaft, Unterscheidungen treffen und bezeichnen kann: mit Worten! Die Phoneme sind das Medium für die Silben und Worte, die Worte sind das Medium für konsistente, plausible und anschlußfähige Sätze, und Sätze, in beliebiger Länge und Fülle, gesprochen oder geschrieben, sind das Medium des immer zeitbedingten gesellschaftlichen Bewußtseins, worin wir, als Menschen um die kommunizierende Gesellschaft herum, die Welt zu erkennen und zu unterscheiden vermögen.

 

"Keine Verbindung zwischen Sprache und Wirklichkeit" heißt also: Die Wirklichkeit irritiert die Sprache, die Wirklichkeit wirkt auf die Sprache ein, und: Die Sprache wirkt auf die Wirklichkeit der Gesellschaft (!) ein. Dennoch gilt: Die Welt ist, wie sie ist. Alles geschieht gleichzeitig, Kausalitäten gibt es nicht, sie werden stets von einem Beobachter zugerechnet. Doch auch die Sprache ist, wie sie ist. Und die Abhängigkeiten zwischen Sprache und Welt (genauer: Gesellschaft) sind ebenfalls, wie sie sind. Die Sprache ermöglicht durch die Menschen als "Mitglieder" einer Gesellschaft, deren systematische Umwelt sie lediglich sind, Auslöser aller gesellschaftlichen Irritationen, die Kommunikation "im Rahmen" der jeweiligen "Gesellschaftstrukturen, und die sprachgetragene "gesellschaftliche Semantik" wirkt ihrerseits, auf schwer faßbare Weise, auf die Gesellschaftstrukturen ein, wie sich - leider immer nur post festum - zeigen läßt. Marxistisch komplett: Das Sein bestimmt das Bewußtsein und das Bewußtsein bestimmt das Sein. Ein komplexes / kompliziertes Beziehungs-Verhältnis wie zwischen der Henne und dem Ei.

 

Alles hängt mit Allem zusammen. Zu zeigen wie, ist und bleibt illusorisch, denn wenn die Elemente eines Systems linear anwachsen, nehmen die möglichen Beziehungen zwischen den Elementen der Zahl nach in geometrischen Proportionen zu. Eine holistische Landkarte (großer Maßstab) weiß nichts, zeigt nichts von den Details der Landschaft. Eine reduktionistische Landkarte (kleiner Maßstab) weiß nichts, zeigt nichts vom Ganzen. Hinzu kommt: Eine Landkarte, in welchem Maßstab auch immer, bleibt immer nur eine Land-Karte. Keine noch so genaue Landkarte kann die Wirklichkeit tatsächlich "Punkt-für-Punkt" wiedergeben, also spiegeln. Die Sprache als "System" und als die Bedingung der Möglichkeit der gesellschaftlichen Kommunikation kann die WELT, die Wirklichkeit nicht spiegeln. Insoweit gibt es keine Verbindung zwischen Sprache

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und Wirklichkeit. Parmenides in seinem Lehrgedicht von der Reise des Erkenntnisbegierigen ins unbekannte Reich einer allumfassenden und einen Wahrheit, nachdem er Diké, die bewachende strenge Dame an der Grenze (womit?) betört hat, muß sich schließlich von der die Verhältnisse aufdeckenden (alétheia) Göttin, welche die Wahrheit und die Unwahrheit kennt, sagen lassen, daß erkannt werden könne nur das, was ist, aber nicht das, was nicht ist. Die strenge Göttin hebt den liebreizenden Zeigefinger und erklärt verbindlich: Es gehöre sich nicht, das Nichtseiende als seiend zu bezeichnen. Peter Fuchs übersetzt die dunkle Stelle mit "Es ziemt sich, daß das Nichtseiende nicht ist". Und er fährt fort: "Die Wahrheit der [jeder!, R.S.] Theorie (alétheia) ist an die Unwahrheit der menschlichen (sterblichen) Weltinterpretationen (dóxai) geknüpft. Alétheia und Dóxai bilden ein Schema, dessen Seiten sich wechelseitig stützen."

 

Von diesem ungehörigen "Nichts" zum "Etwas" führt vielleicht der Atem Gottes. Vom aller-aller-kleinsten Etwas zum allumfassenden ETWAS der Sprache als Teilmenge des gesellschaftlichen Bewußtseins und als Bedingung der Möglichkeit der Gesellschaft(lichen Kommunikation) führt eine imposant lange Kette selbständiger, selbstgesetzlicher "Raum"-Ordnungen oder "Raum"-heiten mit offensichtlich jeweils eigenen (eigentümlichen) Logiken: Strings, Quarks, "Teilchen" (ein ganzer Zoo), Atome, Moleküle, Aminosäuren, Eiweiße, Prionen, Viren, Einzeller, Bakterien, Vielzeller, Immunsysteme, Nervensysteme, Gehirne, Bewußtsein/Sprache, Kommunikation (mit Haß und/oder Liebe). Eines nicht ohne das jeweils Vorangegangene, immer nach den unaufdröselbaren Gesetzen der Evolution. Die Sprache aber kann - wenn sie kann - innerhalb ihrer eigenen ökonomischen Logik über ALLES reden.

 

Sprache: Laute, Silben, Worte, Betonungen, Metaphern (Sprachbilder aus Worten), Sätze, rhetorische Figuren aus Worten, Bildern, Sätzen. Eine WELT aus wertenden, unterscheidenden, bezeichnenden Worten, aus sinnstiftenden Worten, aus Worten die zählen, die erzählen. Eine Welt aus Wortknoten, die man aufdröseln, aus Wortknospen, die man entfalten muß oder die sich von selbst entfalten, ihrer eigenen inneren Logik folgend: Gott, Logos, Kosmos, Alles, Sein, Dasein, Universum, Einheit, Geist, Differenz, Macht, Gerechtigkeit, Freiheit, Recht, Rechte, Pluralität, Wissen, Glauben (dóxa), Para-Doxe, Widersprüche, Tautologien, Ordnung, Aporien, Chaos, alles nur Worte mit ihren jeweils eigenen Denotationen und Konnotationen, ihrem eigenen (sprachgeschichtlichen) Kontext: verwebt, verwoben, verworren. So sind die logischen Räume der Worte, der

 

 

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Begriffe, der Unterscheidungen als Bezeichnungen, der Unterschiede, die jeweils einen Unterschied machen für den, der ihn zu beobachten und zu achten weiß. Sie durchdringen einander, oft ohne sich zu berühren, sich zu stören, zu zerstören. Je mehr Sprachen einer spricht, umso mehr sei er Mensch, heißt es im Tschechischen.

 

Das Hubbel-Teleskop zeigt uns Galaxien, Haufen von Milliarden Sternen, die durchdringen auch einander und auch offensichtlich ohne sich zu berühren, zu stören, zu zerstören. Bücher sind solche Galaxien, solche Gedanken-Stern-Ansammlungen des menschlichen Denkens, Fühlens, Erkennens. Auch diese Gedankengalaxien können einander durchdringen, ohne sich zu berühren, zu stören oder zu zerstören. Die Ordnung der Bibel läßt das Telefonbuch gelten, Goethes "Wilhelm Meister" und Beckets "Endspiel" koexistieren friedlich miteinander und haben sogar (wieviel?) Worte miteinander gemeinsam. Der Höllen-Kosmos einer Hitler-Rede prallt völlig ab von der engelhaften Weltumfassung eines gregorianischen Chorgesangs.

 

Bücher sind plausible Welten in plausiblen Sprach-Räumen. Angefüllt mit Knoten, Knospen, Falten, Wellen, aus Worten. Angeordnet, fixiert, verschoben, geschieden, unterschieden, nach den ungeregelt geregelten Regeln der Grammatik, der Syntax und der Pragmatik. Wir verschieben die Worte redend und schreibend im imaginären Sprachraum von Stelle zu Stelle, von Punkt zu Punkt, von Raumpunkt zu Raumpunkt, die Zeit verschiebt das Gesagte von Zeitpunkt zu Zeitpunkt, die Kommunikation wandert von Sinnpunkt zu Sinnpunkt.

 

Aller Anfang ist leicht schwierig. Daher gilt: einfach anfangen. Die Welt hat immer schon angefangen, somit ist jeder Anfang mittendrin. Der ein-fachste Anfang ist das Zeigen: Dies da! Der zwei-fache Anfang ist Trennen: Unterscheidend Bezeichnen (in einem Arbeitsgang = George Spencer-Brown): Dies / und der Rest der Welt, oder: süß / sauer, oben / unten, hinten / vorn und so weiter. Diese Zweier-Logik nach dem alteuropäischen Rezept des tertium non datur funktioniert so lange, bis das ausgeschlossene Dritte (die Einheit der Unterscheidung) sich unabweisbar meldet; sich meldet wie der Steinerne Gast, der Comptur der wirklichen Welt, die in jeder scheinbar schlüssigen Logik irgendwann ihr Recht einfordert durch Widersprüche, Paradoxe, Aporien. Dann heißt es: Nichts geht mehr. Wer weitermachen will, (zum Beispiel, weil er leben muß), der hat nur eine Wahl: aus dem System herausspringen (anastrophé, wie der griechische Bauer beim Pflügen: eine Furche hinauf, die nächste wieder herab, so kommt man über's ganze Feld). Herausspringen heißt: Die Widersprüche bestehen lassen, annehmen,

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Tautologien und Paradoxe mit passenden Mitteln enttautologisieren, sie entfalten, was, nach Luhmann, eine Kunst ist, Kreativität erfordert und nicht gelehrt werden kann. Auf diese Weise geht die Autopoiesis des tragenden Systems weiter, so lange, bis sie abreißt: Tod!

 

Die Welt ist die Welt der Formen. Der logische Raum ist die Form der Welt. (Frage nebenbei: Was ist dann der Inhalt?). Jedes Einzelne ist gewiß ein "Teil" des Inhalts der Welt. Jedoch bei der uralten Frage nach dem wirklichen Inhalt, dem Gehalt, dem was Allem Halt gibt, werden wir wohl auf immer passen müssen. Die Sprache der Welt ist (nur) die Welt der Sprache.

 

Der logische Raum der Sprache ist endlich aber unbegrenzt, wie der Einstein'sche Weltraum: Endlich ist die Zahl der bereits durch Bildung gesprochenen Worte, (potentiell) unendlich ist ihre kommunikative Anschlußfähigkeit. Im logischen Raum der Sprache gibt es (topologische) Stellen. Kann an jeder möglichen Stelle des logischen Sprach-Raumes (logisch) ein Wort stehen? Oben haben wir mutig gesagt, jedes Wort sei selber ein logischer (Bedeutungs)Raum, ein logischer Knoten zum Aufdröseln, eine logische Knospe zum Entfalten, eine logische Falte zum Entfalten, eine logische Welle als Energie-Inhalt und -Transportmittel. Sprachlogisch ein weites Feld (= guter Fontane).

 

Sprach-Energien sind Aussage-Energien, (Be)Deutungs-Energien, Sinn-Energien. Energie gleich Masse mal Lichtgeschwindigkeits-Quadrat, empfiehlt Einstein der Physik-Sprache als logischen Entfaltungs-Raum. Der physikalische Sinn dieser Aussage ist trotz der seit Einsteins Tod gewaltig angestiegenen Zahl der im Universum des Allergrößten wie des Allerkleinsten erfahrenen Tat-Sachen offenbar ungebrochen richtig. Das Puzzel der Landkarte der physikalischen Landschaft wird immer dichter und lückenloser. Es sei denn ..., toi, toi, toi den Physikern. Zurück: Sprach-Energie gleich Detail-Kenntnis mal Verknüpfungs-Intensität zum Quadrat? Bei Leuten wie Luhmann oder Russel oder Whithead oder Toulmin oder Enzensberger oder ..., sieht das so aus. Aber der Verfasser ist nicht Einstein.

 

Der Volksmund sagt, ein Wort gebe das andere. Wie groß ist der logische Raum der Sprache? Kann man die Stellen im logischen Raum der Sprache zählen, oder muß man sie erzählen? Die Welt ist das Universum. Es ist zwanzig Milliarden Jahre alt (maximal). Das sind zehn hoch achtzehn Sekunden. Der Weltraum ist praktisch leer: Das ist verrückt, aber die meisten Stellen im Weltraum sind nicht besetzt. Die gesamte Masse im Universum, (also die Summe aller "Etwasse", seien

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es Protonen, Atome oder Galaxien) besteht nach Carl Friedrich von Weizsäcker aus zehn hoch achtzig Protonen. Die zehn hoch achtzehn Sekunden der seitherigen Dauer des Universums ergeben (bei zehn hoch vierzig Plank'schen Wirkungs-Zeit-Elementen für jedes Proton; alles nach Weizsäcker) zehn hoch einhundertzwanzig mögliche Ereignisse. (Eine Eins mit hundertzwanzig Nullen!). Wir kennen diese Ereignisse nicht. Wir könnten sie zwar potentiell zählen, unsere Mathematik gibt das her, aber nicht reell, weil die Zeit zum Zählen nicht reichen würde. Erzählen ließe sich das alles auch nicht. Auch hier reichte die Zeit nicht, den Raum mit seinen Ereignissen zu beobachten und unterscheidend zu beschreiben. In zehn hoch achtzehn Sekunden, bei einem Wort pro Sekunde, könnte auch ein im universalen Maßstab Unsterblicher nicht die zehn hoch einhundertzwanzig Ereignisse wirklich beschreiben. (Auch Pascals Punkt-Gott nicht, der sich - er kannte Einstein noch nicht - mit unendlicher Geschwindigkeit nach allen Seiten gleichermaßen hin und her bewegt und deshalb überall und nirgends ist). Was diese Formel-Sprache einem schweigend betrachtenden Physiker sagt, weiß ich nicht. Der redende und kommunizierende Physiker, wenn er das Universum erklärt, liefert im glücklichsten Fall - dafür sei ihm unser Dank gewiß - eine Autobahnkarte des Universums, auf der man sicher von Hamburg (Urknall) nach München (Roter Riese unserer eigenen Sonne) bei einer gedanklichen Zeitreise kommen kann. Und ein schweigender Biologe wird angesichts der zehn hoch sechshundert möglichen Varianten der menschlichen DNA klugerweise weiter schweigen.

 

Was für ein Gottesbild muß einer haben, der in seinem Glauben gewiß ist, sein Gott verfüge als Herr des gesamten Areals über eine Detailgetreue Wanderkarte im Maßstab Ein-zu-Eins?

 

Ein Wort gibt das andere. Im logischen Raum der Sprache, der noch dazu ein Kontingenzraum ist, nimmt die Zahl der erzählten Worte durch das Erzählen der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation ständig zu. Das ist unsere Geschichte. Sie ist schon so lang oder so breit oder so tief oder so verpflochten, so verknotet, so gewirkt, eine kunstvolle Textur, ein beachtlicher Text, eben eine Geschichte der Geschichte. Auch diese Geschichte, als Landkarte, gibt es - günstigenfalls - nur im Autobahn-Maßstab. Dennoch: in realitate der menschlichen Kommunikation zum autopoietischen Formenerhalt der Gesellschaftsstrukturen zählt, nach Luhmann, "jeder Fluch der Ruderer in den Galeeren".

 

Ein Trost bei aller Komplexität: Nicht jede Möglichkeit in der Welt kann Wirklichkeit werden. Jede Ent-Scheidung scheidet mit Notwendigkeit auch aus.

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Doch der Trost dieser Worte wird relativiert durch Wittgensteins Dictum: "Notwendigkeiten in der Welt sind, generell gesprochen, nichts weiter als der von der Grammatik geworfene Schatten." Unsere Politiker sollten sich diesen Satz auf ihre Krawatten oder Revers sticken lassen. Wir folgern abschließend: Alle Rede des Menschen und damit alle gesellschaftliche Kommunikation ist ein Reigen (Peter Fuchs würde sagen: ein Tanz) auf der Lebenswiese unter dem Schatten spendenden verzweigten Baum der vertrauten Sprache. Heidegger nannte dies etwa "Lichtung des Seins in der Zeit" und er nannte die Sprache ein Haus.