Sprichworte, Volkslieder, Redewendungen
Als Rechtsgedächtnis in schriftlosen Gesellschaften
Ein Versuch von
Rudi Sander
Geschichtsschreibung lebt davon, daß sie Veränderungen beobachtet, und somit gehört es auch zu ihrem Aufmerksamkeitsbereich, zu sehen, zu bemerken, festzuhalten, was sich im Laufe des Zeitenwandels nicht oder zumindest lange nicht mehr verändert hat.
Ein erster schneller, vielleicht vorschneller, gar naiver Blick auf die Kommunikation um uns herum über die Themen Recht und Gerechtigkeit läßt zweierlei erkennen: Der Volksmund thematisiert offensichtlich lieber die Gerechtigkeit als das (gesetzte) Recht, Und der Volksmund fixiert mehr das Bleibende als den Wandel im Recht. Du sollst nicht töten ist an allen Stammtischen oder in allen Kaffeekränzchen schneller plausibel und durchschlagender anschlußfähig als die letzte staatliche Ratifizierung einer EU-Norm über den Einsatz von Chemikalien in der Schweinemast.
Der Volksmund ist ein allen geläufiger und markanter Ausschnitt der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation. Seine Erkenntnisse und Weisheiten – gewiß auch seine Irrtümer – waren in allen drei Sozialsystemen, der Interaktion (dem Plausch zwischen guten Nachbarn), den Organisationen (zum Beispiel der Kanzelrede oder einer didaktischen Bemühung der Lehrer im Klassenraum oder der Alten am Lagerfeuer) sowie in den Kommunikationen der Gesellschaft, sei sie organisiert und differenziert wie auch immer (segmentär, stratifikatorisch oder funktional) stets als tradiertes Gedankengut präsent, ohne auf Schrift angewiesen zu sein. Das Gedachte war und ist als Gedanke in den Köpfen der Menschen, die, wenn sie als Volksmund den Mund aufmachen und Reden mit diesem Reden als Rauschen (noise) die Sozialsysteme als Ereignisbühnen, als deren Umwelt und aus deren Umwelten heraus "irritieren", die dann Gedachtes, weil es mitgeteilt wurde, als Information bewerten und verstehen oder nichtverstehen und damit die Kommunikationen in den Gesellschaftssystemen am Laufen halten. Gehörtes wird kondensiert und durch Wiederholung konfirmiert. Obgleich nach einem berühmten Diktum "jeder Fluch auf den Galeeren zählt", gilt keineswegs "anything goes", wie ein berühmter Skeptiker orakelt hat, sondern in der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation geht - nach dem anderen Diktum des Meisters, der den Skeptiker auf die Erde der sozialen Wirklichkeit zurückholte, nach den harten Programmen der Plausibilität und Anschlußfähigkeit eben nur "was geht". Und obgleich man
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Gedanken nicht kommunizieren kann und obwohl die Kommunikation nicht denkt, heißt es auf einmal wie durch Zauberhand bewirkt und von allen in die drei Systeme Verwickelten anerkannt zum Beispiel: Unrecht Gut gedeihet nicht; oder: Das tut man nicht.
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Es soll die Rechtsgeschichte, also etwas an sich bereits Gegebenes, als Geschichte der Evolution eines sozialen Systems erforscht und beschrieben, also das Gegebene soll neu angeschaut, neu und damit anders beschrieben werden. Aufgefordert zur Neubewertung durch Neubeschreibung sind unterschiedliche, sich durch unterschiedene Professionen sich unterscheidende Kenner, Experten also, die ihre Kenntnisse, ihre Sicht der Dinge oder besser der Formen einbringen sollen, damit sich womöglich eine neue Gesamt(an)sicht ergebe.
Schaut der Laie, der Amateur, also der Liebhaber solchem Treiben, solchem Bemühen zu, beobachtet er quasi naiv, also naturbelassen, den (Wort)Zauber der Experten, so erinnert er leicht und häufig das skeptisch-ironische Diktum des Meisters evolutiver sozialer Systeme, wonach in der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation, handle sie von diesem oder jenem, also auch vom Recht als System, "jeder Fluch auf den Galeeren" zähle. Man sollte sich dieses einprägsame Wort, das mit der Wahl der Bezeichnung "Galeeren" bewußt auf Distanz zum Alltag der Moderne gegangen ist, denn wo gibt es heute noch Galeeren?, man sollte sich dieses Wort durch ein Zoomobjektiv beobachtend heranholen und sich klarmachen: unsere Galeeren heißen Organisationen und sind Büros und Fabriken, Institute und Labors, Regierungsbüros und Vereinshinterzimmer, Küchen und Schlafzimmer.
Die Kenner kennen die Gründe für die Formen, die sie sehen. Wo noch nicht, sprechen sie mutig ihre Vermutungen aus, denn sie haben die Wahrheit (alétheia) ihrer Theorie, der Laie als interessierter Liebhaber dieser sich seit fast drei Jahrzehnten vor seinen Augen entfaltenden alétheia hat leider nur sein Verhaftetsein an der voraussichtlich unwahren (dóxai) Weltinterpretation dessen, was seine Sicht ist, das wackelige Ergebnis seiner Unterscheidungen und Bezeichnungen. Er weiß zwar inzwischen auch und hält es sich ständig vor Augen: Wer die Welt des unmarked space mit einer ungeschickten Unterscheidung, zum Beispiel mit Sein/Nichtsein, anschneidet, der landet oft sehr schnell in den manchmal schier ausweglos scheinenden Aporien der Paradoxe und Tautologien. Als der große Niklas Luhmann vor vier
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Jahren seine Edelfeder nach dem Ratschluß der Götter aus der Hand legen mußte, hat er uns schmunzelnd und augenzwinkernd die folgenden großartigen Sätze hinterlassen: " Im Schema von Problem und Problemlösung dient das Paradox ... als unlösbares Problem, das dazu anregen kann, die Unterscheidung (!) von Problem und Problemlösung neu zu formulieren. Das kann offensichtlich nicht auf r a t i o n a l e Weise geschehen, da ja die fundierende Bedeutung der Paradoxe zugestanden werden muß, a b e r vielleicht auf i n t e l l i g e n t e Weise, die sich mit den vorliegenden Bedingungen zu arrangieren weiß." (Ausrufungszeichen und Sperrungen R.S.).
Diese beiden Sätze haben es in sich, soll heißen, sie enthalten in nuce alles, was uns Luhmann zu sagen hat, und was er uns zu sagen hat ist nun einmal die klar und distinkt formulierte "Gemengelage" aus Deutlichkeit und Undeutlichkeit, wie sie jeder Kognitionsbemühung auf unaufhebbar paradoxem Grund der menschlichen Endlichkeit beschieden ist. Das Glas der Erkenntnis ist stets gleichermaßen halb voll und halb leer. Wer sich "ent-schließen" kann, (eine rationale intelligente "Ent-Scheidung"), die Ontologie dieses Welt-Glases aufzugeben, sobald er fragend beobachtet, (möge das halbvolle/halbleere Glas doch sein, was immer es sein mag und "ist"), und wer sich statt dessen dafür entscheidet, die Welt nicht als Gegen-Stand zu sehen, sondern als ein Problem anzu-erkennen und dadurch vielleicht sogar zu lieben, (spielend aus Liebe zu betrachten und beim Sehen Unterschiede zu machen, die für ihn Unterschiede machen, wie ein spielend lernendes Kind), der kann als Beobachter von Beobachtern (lesend) fest-stellen: Luhmanns letzte Unterscheidung zwischen rational und intelligent ist als "schlitzohriges", ernsthaft-verspieltes Erkenntnis-Rezept der Gipfel der Bedingungen der Möglichkeit überhaupt etwas zu sehen im Welt-Dschungel dessen, "was da ist".
Die Unterscheidung rational/intelligent ist eben (Luhmann im Himmel lächelt) sowohl schön paradox als auch schön deutlich. Nimmt man den Dual Rationalität/Intelligenz als ein "Ganzes", so lassen sich seine beiden "Teile" kreuztabelliert in jede Seite der Unterscheidung wieder einführen, (hineinkopieren als re-entry nach Georg Spencer Brown), als intelligente Rationalität oder als rationale Intelligenz. Entfaltet man diese Tautologien, so erhält man leicht Luhmanns berühmte Antwort und Widerlegung des Diktums von Feyerabend "anything goes". Luhmann hat hierauf erwidert: Nein, alles geht nicht, "es geht nur, was geht". Und wir ergänzen: Es geht, wenn es plausibel und anschlußfähig ist.
Luhmanns treue Explikation der Startanweisung für den Beobachtungskalkül von Georg Spencer Brown "draw a distinction", seine grundlegende
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"Anfangs"Unterscheidung zwischen System und Umwelt, sie läßt sich an-sehen (beobachten) wie eine Digitalkamera: Darin ist ihre Rationalität das "Objektiv", und die Intelligenz ist die hochkomplexe, aber gerade deshalb hochauflösende "Bild(e)-Ebene", (der Chip). Je größer die Intelligenz der unterscheidenden "Pixels", umso größer die Rationalität des "Sehens" durch Entscheiden/Bezeichnen, (durch Sich-Entscheiden).
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Gerade der kindlich naiv spielend lernende Beobachter darf, ja er muß, um zu erkennen, mutig vermuten, warum so ist, was ist, und er tippt: Es ist so, weil es möglich war, aber es hätte auch anders geschehen können. Post festum läßt sich dies erkennen, doch leider nicht prognostizieren. An jedem (Ent)Scheideweg, an jeder historischen Bifurkation lauern die Unterteufel der Abweichung und der Abweichungsverstärkung. Im Ereignissalat entstehen kleine Abweichungen, ein Wort gibt das andere, sagt der Volksmund, die kommunizierende Gesellschaft selegiert und nimmt das gerade für sie passende heraus, und schon – schwupp – dreht sich die Welt anders herum, alles wieder brav und für den historischen Moment re-stabilisiert.
Der interessiert teilnehmende Zuschauer räumt sogleich ein: Was man sehen kann, ist schon überraschend, gerade weil es auch anders zu denken wäre. Auch der Liebhaber sieht: Das scheinbar mit Notwendigkeit Gewordene, als legitimes Kind der Kontingenz, wird als Erwachsenes, sich im Wandel gleich bleibendes, völlig anders ausschauen, seinen Namen jedoch nicht ablegen wollen. Auch die evolutierte Gestalt der Rechtsgeschichte wird mit guten, plausiblen und anschlußfähigen Gründen sagen: Ich bin und heiße Rechtsgeschichte, auch und gerade als entfaltetes soziales System.
Wenn an der beginnen sollenden Kommunikation Geschichtsforscher, Rechtswissenschaftler, Ökonomen, Archäologen, Soziologen, Philosophen, Kulturwissenschaftler und gar Physiker beteiligt werden sollen, ja schon beteiligt sind, neben Rechtskennern zweifellos also auch Rechtsunterworfene, - wer wäre das nicht -, dann darf die Stimme des liebevoll Interessierten Bürgers, was immer er sonst sein mag, in dieser Gesamtschau unterschiedlichster Beobachter nicht fehlen. Er sagt mutig: Ich sehe das so..., auch falls alles was er sieht, "an sich" und "für sich" schon irgendwo/irgendwie von anderen sichtbar
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gemacht sein sollte. Vielleicht hat ein Weniges in seiner Sicht gerade die gesuchte, die auch mögliche Perspektive.
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Die große Palaverwoge ist das Medium, die Sprachflut, in der sich dann nach temporärer Abkühlung gefrorene, verfestigte Gedankenschollen bilden, leiderprobte Leitsätze, die jeder aufnimmt und annimmt, die dann auf dem Zeitstrom fixiert weitertreiben und tradiert werden. Man tastet sie über lange Zeit nicht mehr an, sie werden sakrosankt, gelten nicht mehr als Selbstprodukt, nicht als gesetzt, sondern als gegeben.
So wie das biologische Individuum am nahrungsfixierten Energiestoffwechsel angeschlossen ist, insoweit als dissipative Struktur ein offenes System, so ist das kommunikativ beteiligte Individuum als Person und psychisches System in den sozialen Systemen – wenn auch nur als irritationsmächtige und unbeeinflußbare Umwelt – am Kommunikationsereignis("Stoff")wechsel beteiligt. Dies ist der ortlose "Ort", wo wie erwähnt nach Niklas Luhmann "jeder Fluch auf den Galeeren zählt", wenn auch mit jeweils völlig offenem Ergebnis.
Wenn sie denken, sie denken, so denken sie rational und intelligent. Erinnern sie sich bitte an Kants Memorial: "Das >Ich denke<, das mein Denken stets begleiten muß." Folgen sie der Maxime des radikalen Konstruktivismus, sagen sie mutig vermutend: Ich beobachte die Welt als meine Welt, ergo mundo est. Es gibt Systeme, man sieht sie nicht, sed systema sunt. Unterscheiden und bezeichnen sie (wie sonst?) mit einer einzigen ungeteilten und unteilbaren Operation psychische Systeme (sich selber) von sozialen Systemen: Von Interaktionen, Organisationen oder funktionalen Gesellschaftssystemen. Unterscheiden sie (und vergessen sie es bitte niemals mehr): Psychische Systeme operieren mit Gedanken (und sonst nichts), soziale Systeme operieren mit Kommunikationen (und sonst nichts). Lassen sie uns kurz die sozialen Systeme der Reihe nach betrachten:
Interaktionssysteme prozessieren Kommunikation unter Anwesenden. Die vorkommenden Gedanken der Anwesenden bleiben in den jeweiligen Gehirnen verborgen. Beobachtbar wird nur, was sie sagen, ihre jeweiligen Beiträge als Kommunikation. Prozessiert wird über die Triade (oder, wie Fuchs sagt: die Syndosis) aus Information, Mitteilung und Verstehen. Gehen die Anwesenden auseinander, zerfällt das soziale System Interaktion in nichts. Der gemeinsam
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prozessierte Sinn geht verloren, er wird vergessen. Texte etwaiger Protokolle müssen erst wieder durch lesen beobachtet werden. Etwaige Leser produzieren Gedanken, machen sich Vorstellungen, die zu nichts führen, wenn sie nicht zu neuen Kommunikationen in neuen Interaktionen neu prozessiert oder zu neuen Texten führen.
Organisationen sind soziale Systeme, die alles ausschließen, was sie nicht einschließen. Eingeschlossen werden rekrutierte Mitglieder. Jedes Mitglied hat seine Gedanken für sich. Die Mitglieder operieren durch Kommunikation, mündlich oder schriftlich. Gedanken erscheinen dabei nicht. Es gibt nur die Triade Information, Mitteilung und Verstehen. Verstandenes Verstehen erscheint in der Organisation als Entscheidung von Entscheidungen für daran anschließende weitere Entscheidungen. Solange die Organisation entscheidet, besteht sie. Beim Ausbleiben von Entscheidungen ist die Organisation zerfallen. Organisationen sind als soziale Systeme Segmente funktionaler Gesellschaftssysteme. Organisationen produzieren innerhalb ihrer funktionalen Gesellschaftssysteme einen Überschuß an Möglichkeiten mit der damit unlösbar verbundenen Unbestimmtheit. Diesen Überschuß und diese Unbestimmtheit arbeiten die Organisationen ab mit Hilfe von Entscheidungen, die sie "in sich" treffen. Anders gesagt: Organisationen operieren wie alle Gesellschaftssysteme mit Kommunikationen. Sie tun dies aber in Form von Entscheidungen. Alle Entscheidungen aller Organisationen fallen im undurchschaubaren Kontingenzraum an, der dabei als Zukunft erscheint. Entscheidungen verbrauchen Zeit, sie machen aus Möglichkeiten Wirklichkeit, aus antizipierter Zukunft durch Erinnern sichtbare Vergangenheit. Entschiedenes war möglich und kann vergessen werden. Entscheidbares wird durch Entscheiden "Realität" für die Klientel der jeweiligen Organisation. Auf die Entscheidungen einer Organisation kann man sich beziehen. Innerhalb der Organisationen werden aus Entscheidungen wieder Entscheidungen, wenn sich die Organisation daran erinnert und sich selbstreferentiell darauf bezieht. Außerhalb der Organisation existiert eine Entscheidung nur, wenn eine andere Organisation mit Hilfe ihrer eigenen Entscheidungen sich in die Lage versetzt, entsprechend zu beobachten, zu unterscheiden u n d zu bezeichnen.
Soziale Funktionssysteme sind Systeme, die alles einschließen, was sie nicht ausschließen. Darin unterscheiden sie sich grundlegend und gründlich von Organisationen. Obwohl soziale Funktionssysteme Organisationen hervorbringen und auf sie angewiesen sind, bestehen soziale Funktionssysteme nicht aus Organisationen sondern aus – Kommunikation. Jedes soziales Funktionssystem, zum Beispiel Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Religion, Kunst, Erziehung, Gesundheit oder Familie hat eine Grenze, ein
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"Innen" und ein "Außen". Diese Grenze zieht das jeweilige Funktionssystem selber durch operationale Schließung. Innen ist das System, außen ist die Umwelt, (der Rest der Welt). Jedes System hat seine eigene Umwelt. Umwelt ist immer, was das System nicht ist. Eine Unterscheidung mit der unlösbar damit verbundenen Bezeichnung (dies und nicht das) teilt die unbeschreibbare, undurchschaubare, "opake" Welt in System und Umwelt. Das System beobachtet mit jeweils weiteren Unterscheidungen (Bezeichnungen) sowohl sich (Selbstreferenz) als auch seine Umwelt (Fremdreferenz). Das System kann aber niemals seine Umwelt als "Welt" Punkt für Punkt in sich abbilden, es mag soviel Unterscheidungen operationell prozessieren, wie es "will", besser: wie es kann, wie kommunikativ in diesem System möglich ist. Auf diese selbstgestützte, selbstgemachte (autopoietische) Weise erzeugt sich jedes System aus Ereignissen mittels Kommunikation, also mit der Triade Information, Mitteilung und Verstehen eine eigene Welt als eigene Realität. Man verwechsele aber niemals die Welt des Systems mit der Welt der Umwelt, verwechsele niemals die Landkarte mit der Welt, und niemals die Speisekarte mit den Speisen (Simon).
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Abstraktionen sind zwar gedankenhell und wasserklar, entsprechend gering ist aber auch ihr Gebrauchswert (ihr "Nähr"wert) in der Lebenswelt des Alltags. Um hier anschaulich zurechtzukommen, wenn man nicht "leicht-fertig" und leicht taktlos Unrecht tun will, muß man aufmerksam beobachten: Dem Volk auf’s Maul schauen. Szene im Bäckerladen: Die Verkäuferin schenkt dem Kind, das mit großen Kulleraugen stumm die Auslage betrachtet, eine Schnecke. Das Kind nimmt und beißt lustvoll hinein. Die dahinterstehende Mutter erinnert und mahnt: "Wie sagt man?" Und das Kind antwortet artig: "Danke". So funktioniert die soziale Welt, die auch ohne gesetztes Recht eine gerechte, eine lebbare Welt sein will.
"Wie sagt man?" ist offensichtlich ein pädagogisch tingierter, ein hartnäckig tradierter Rechts-Satz zur Stabilisierung des zwischenmenschlichen Takt-Gleichgewichtes und der guten Nachbarschaft. Meine Großmutter hat damit schon bei mir, wie alle Mütter und Großmütter, die obligate Antwort eingefordert. Jeder ist solcherart sozialisiert worden. Man wird nicht fehlgehen, anzunehmen, es sei in Athenischen Supermärkten, auf der ágorá, nicht anders gewesen (vielleicht schon im frisch gewonnenen Operationsfeld am Rande der Savanne).
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Unser Alltag, Husserls Lebenswelt, ist (nach Gerhard Stamm) eine uns unmittelbar vertraute, immer schon vorgegebene Welt, aber sie ist, analog zu Husserls Diktum vom Durchsetztsein der Lebenswelt "mit dem Niederschlag logischer Leistungen", (also Plausibilität und Anschlußfähigkeit), eine Welt, die durchsetzt ist mit dem Niederschlag tradierter Rechts- und Unrechts-Gedanken, die uns in unsystematischer und unbestimmt bestimmter Form gegenübertreten: Zum Beispiel in der knallharten Feststellung: "Wo Gewalt Recht hat, hat Recht keine Gewalt", oder in der weisen Feststellung: "Gut Recht bedarf guter Hilfe", sowie in der resignierten Aussage: "Rechten ist Kriegen, von beiden weiß Gott das Ende". Der Geschädigte tritt dem bornierten Nachbarn entgegen mit dem Wort: "Mißbrauch ist keine Gewohnheit", und eine jede Jungfrau bedenkt sich bei ihrer Mutter Mahnung: "Heimlich Verlöbnis stiftet keine Ehe". ("Weisheit auf der Gasse", S. 210-216). Zur unbestimmten Bestimmtheit sagt Luhmann: "...das die Welt nicht mehr als Gesamtheit der Dinge und ihrer Beziehungen [Bestimmtheiten; R.S.] begriffen wird, sondern als das Unbeobachtbare schlechthin, das mit jedem Wechsel der Unterscheidungen, [mit denen man dasselbe beobachtet; R.S.] reproduziert wird", [in einem Rahmen; in Husserls "Horizont"].
Und die Einheit der Natur, wenn es denn eine gibt, zeigt sich vielleicht in dem schönen Wort streben: Die Pflanzen streben zum Licht, Tiere streben in den offenen Raum (Beute, Fortpflanzung), und die Menschen streben nach Sicherheit der Erkenntnis und damit in eine offene Zukunft. Bei diesem menschlichen Streben unterscheidet Helmut Willke historisch drei Kognitionsparadigmen als Unterscheidungen: Wissen/Glaube, (Antike und Mittelalter), Wissen/Macht, (Vormoderne) und Wissen)Nichtwissen, (Moderne). Und er bildet mutig vermutend die Unterscheidungen: Gewisses Wissen, ungewisses Wissen, gewisses Nichtwissen und ungewisses Nichtwissen. Soviel moderne Diffizilität könnte einem Sokrates die Sprache verschlagen.
Die strebende Macht nach Wissen durch Unterscheidung ist selbstverständlich auch heute in der Sprache lebendig wie eh und je: Protestbewegungen und Werbung versuchen sich in der Kunst, aus Worten, die etwas unterscheiden, feste Formen und Formeln, also Sprich-Worte zu machen, wobei ihnen selbstverständlich heute die Schriftform der über ihre Verbalaktivitäten berichtenden Journalisten (Medien) bei der Tradierung durch Kondensation und Konfirmation behilflich sind: "Macht kaputt, was euch kaputt macht" und "Alle reden vom Wetter, wir nicht" sind nur zwei willkürlich ausgewählte Beispiele.
"Unrecht Gut gedeihet nicht" sagt der Volksmund auf deutsch, und man darf sicher sein, es gibt gleiche oder ähnliche fundamentale Rechtsbekenntnisse oder
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Gerechtigkeitsversicherungen in allen Sprachen sprechender sozialer Gesellschaften, die man alltagsweise Sprachgemeinschaften nennt, auf die Gefahr hin, die Gemeinschaft als bestehend aus Menschen anzusehen, dabei übersehend, daß soziale Gesellschaften zwar sprechende Einheiten sind, Spracheinheiten, und dennoch nur aus Kommunikationen "bestehen", (die unvermeidliche Rest-Ontologie). Und der Volksmund ist als Medium der schriftlosen Tradierung durch Kommunikation im Rahmen der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation auch eine Form als Gedächtnis der Gesellschaft (Elena Esposito/Assmann).
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Die Welt ist die Umwelt, wie sie das System sieht. Anders: Wenn die Gesellschaft das möglicherweise mögliche Gesamtsystem ist, kann man es Volk nennen. Nennt man es Volk, spricht es mit dem Volksmund: Es bildet Sprichwörter, singt Volkslieder, formt Redewendungen: ohne Urkunden, ohne individuellen Autor, ohne möglichen Nachweis eines Zeitpunktes des Sprechens. Es war dieser Volksmund, wenn gesagt wird: Unrecht Gut gedeihet nicht.
Man könnte durchaus eine Heisenberg-analoge Unschärferelation innerhalb des gesamtgesellschaftlichen Kommunikationsgeschehen postulieren: Autor und Gedankenereignisse lassen sich niemals gleichzeitig scharf stellen (=beobachten): Kennt man den Autor einer Äußerung, (auch er sich selber), so erkennt man nicht den Entstehungszusammenhang der Äußerung (seine innere Erfahrung). Ließe sich der Entstehungszusammenhang einer Idee im gesamtgesellschaftlichen Kommunikationsgeschehen vom Ideenkern bis zur "endgültigen" Formulierung exakt verfolgen (=beobachten), hätte das Endprodukt keinen originären Autor (keine dingliche Realität).
Heinz von Foerster sagt nach einem Überblick auf Photosynthese und Atmung, auf die Energieumwandlung in Mitochondrien und auf die Boten-RNA: "Stets ist es offensichtlich die
Struktur, die von einem Ort zum anderen [Ort, also auch von einer Zeitstelle zur anderen Zeitstelle; R.S.] übertragen werden muß, und nicht die Energie." Darf man dann sagen, Sprichworte sind Formübertragung durch Formbewahrung? Wäre dann Formabruf analog dem Gedächtnis? Sind Formen ohne Adresse auch Gedächtnis? Ist der Abruf von Formen durch eine spezifische Auslösesituation dann ein Erinnern von Erfahrung? Heinz von
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Foerster fordert: "...einen Begriffsapparat von genügender Reichhaltigkeit zu skizzieren, um die Phänomene in ihrem angemessenen Umfang zu beschreiben" und "...um Gedächtnis als potentielle Vergegenwärtigung früherer Interpretationen von Erfahrung zu begründen."
In der Gesellschaft spricht die Gesellschaft. Jeder darf mitreden und keiner hat etwas zu sagen. Im scheinbaren Chaos der Gleichzeitigkeit gilt zwar Luhmanns Galeerenwort, doch Gedanken kann man nicht eins zu eins transportieren, in andere Gehirne hinein schon gar nicht. Die denkenden Bewußtseinssysteme sind – soweit sie sich redend an der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation beteiligen – zum Dauer-Ping-Pong verurteilt: So lange der Gesprächsball, von der Platte der Antworten reflektiert, in der Luft bleibt, so lange läuft das Gespräch, sich kondensierend und konfirmierend, immer über das Netz der doppelten Kontingenz, angenommen oder abgelehnt, die Dauerbewegung der Triade Information/Mitteilung/Verstehen (oder Nichtverstehen) hält die Kommunikation in Schwung: Die Gesellschaft denkt nicht, sie kommuniziert. Die unbestechlichen Riesenmaschinen der Plausibilität und Anschlußfähigkeit sorgen ganz von selber durch die ununterbrochene Sinnproduktion für die Verwandlung von Nichtwissen in Wissen: Aus völlig ungewissem Nichtwissen (Latenz) wird elaborierend zunächst gewisses Nichtwissen, und wenn der Focus des Aufmerkens, der Aufmerksamkeit, vielleicht angeregt durch positive Rückmeldungen aus dem kommunizierten Reich der Empirie, im crossing des Spencer Brown die Seite wechselt, entsteht auf der Seite des Wissens zunächst ungewisses Wissen, das sich im weiteren Bewährungsfalle (Trial und Error) in gewisses Wissen wandelt, kondensiert und konfirmiert von denen, die im Dunkel des blinden Flecks zwar nicht wissen können, was sie nicht wissen, die aber dennoch das gewußte Wissen der Gesellschaft ändernd verändernd vorantreiben in keine Richtung, in kein nach vorne, in keinen Fortschritt, nur immer hinein in die Zukunft: Eine evolutive Bewegung aus der punktuellen Gegenwart, gespeist aus den Reflexionsressourcen der Vergangenheit, gefunden als noch nicht verwirklichte Möglichkeiten im Kontingenzraum der Maxime: Es geht, was geht, und was nicht geht, geht nicht. Alles abgesegnet vom lächelnden Gott aller Tautologien: Macht so weiter und euch die Welt aus der Umwelt als eigene Kommunikationswelt untertan. Alles im Rausche des Risikos und unter dem schwarzen Schlagschatten der möglichen Gefahren, (Risiko für die Entscheider, Gefahren für die Betroffenen), bewegt sich das willentlich nicht zu bewegende "Ganze" der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation, ortlos aber zeitgebunden, atopisch (irgendwo) und dystopisch (irgendwie) immer die unbeugsame Hoffnung der Eutopie im Herzen auf dem einzigen Topos des seiend Nichtseienden: dem JETZT! (Niklas Luhmann, Helmut Willke).
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Wenn die Gesellschaft nicht denkt, dann denkt sie auch nicht rechtlich. Gerechtigkeit als Leitidee des hoffnungsvollen Strebens psychischer Systeme spiegelt sich in der gesellschaftlichen Kommunikation als Kommunikation über Recht als richtiges Verhalten, das sich als sozial gebilligt verstehen darf, immer schon, auch ohne Schrift, tradiert durch die großen Erzählungen, die zählen: "Das tut man nicht" ist die älteste Konsensformel. Wer dagegen verstößt, wird ausgestoßen, wird zum vorgelfreien homo sacer, zum outlaw, zur personifizierten Exklusion, (Agamben). Und die Weisheit derer, die angeeckt sind, hat verkündet: Allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.
Gesamtgesellschaftliche Kommunikation, also auch Rechtskommunikation, das "Machen" der Entfaltung und Auflösung der Paradoxien und Tautologien, das Überleben der Katastrophen (Umkehren beim Pflügen, wenn der Rand des eigenen Feldes erreicht ist; umkehren beim Denken, wenn man im Wirklichkeitsraum irgendwo "angestoßen" ist), der Brüche, als intuitives Erkennen solcher Situationen und Ereignisse als fruchtbaren Bruch, (so wie beim Pflügen der Bruch die Brache fruchtbar macht), als Vervielfachung der Möglichkeiten (zum Beispiel durch Auswechseln der Gegenbegriffe einer Unterscheidung), als Erkennen der Variation(smöglichkeiten) und damit als Bedingung der Möglichkeit, zu entscheiden, zu selegieren, all das ergibt die operativen Bewegungen aller Weberschiffchen, dieses Hin und Her der Kommunikationstriade, (die Unruhe – der Weber – in der Umwelt als Irritation des Systems), wodurch sich dann der Teppich des Neuen selber webt als neue Form im alten Medium. Das Medium bleibt – einmal Juristen, immer Juristen-, die Formen kommen, dauern und vergehen.
Cicero, gerade immer dann, wenn er nicht, also w e i l er nicht mitregierte, erhob seine Stimme mutig und deutlich (somit auch deutbar) im fiktiven Dialog, zum Beispiel im "Brutus", sprach als Liebhaber, der machtlos war, mit und damit zu den Mächtigen, den Amtsinhabern. Er erläuterte lauter, was er sah, und er versuchte sich mutig vermutend an der Explikation dessen, was er gesehen hatte. Manchmal sagte er sogar, was er gerne sehen würde, und er hoffte, es käme so, daß er das Erwünschte anschauen, beobachten dürfte. Er wußte jedoch, ein jeder der Redenden, der Mitredenden, würde im Grunde darauf bestehen, man könne dasselbe auch anders sehen.
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Wo die beobachtende Rechtsgeschichte die beobachtbaren Veränderungen (Variationen) und den Wandel (Selektionen) beobachtet und zu beschreiben versucht, stößt sie auch – überrascht oder nicht – auf Konstanten. Konstanten sind (scheinbare?) Dauerformen im Medium des Wandels. Ewig ist der Streit, er ist das Immergleiche, flüchtig ist der Konsens, der kommunikativ gefundene. Das war schon immer so, sagen die einen, die anderen winken ab: laßt es uns einmal anders sehen und anders machen.
Das Volk, der gemeine Mann und seine liebliche Frau, verstehen vom Recht partout so gut wie nichts. Sie sind dagegen, zum Entsetzen aller Richter und Anwälte. Das Volk ist intuitiv (oder instinktiv?) Experte für Gerechtigkeit, wovon Richter und Anwälte nicht viel halten. Das Volk kennt jeweils nur das Konkrete, den Einzelfall, und es ist, durch Erfahrung gewitzt, davon überzeugt, die da oben, die Großkopfeten, haben vom wahren, guten und schönen Triumph der Gerechten Sache keine Ahnung. Die da oben haben die Macht, sie machen die abstrakten, unverständlichen Gesetze, niemand weiß, warum gerade diese, warum gerade jetzt, warum angeblich für immer, obgleich sie ihre Schöpfungen schon morgen ohne Skrupel wieder verwerfen. Das Volk stöhnt über die Fülle und über die haarsträubenden Formulierungen der gesetzten Gesetze und glaubt (dokéin), die Gerechtigkeit (dikaiosyne) sei eine Wahrheit (alétheia) auf Dauer (bébaios) und für die Ewigkeit (aion).
Das Volk ist ein Kind, im Bösen "der große Lümmel". Ein Kind lernt bei seiner Mutter. Die Hauptlektion hat den guten Namen Vertrauen. Das Kind hat Vertrauen, weil die Mutter, lachend oder schmollend, letztlich doch stets die dieselbe ist. An der Mutterbrust getrunken habend macht selbstsicher. Die Mutter spricht "DU" und das Kind sagt "ICH", damit steht die Welt erst einmal fest. Spricht die Mutter mehr, kommt gar der Vater sprechend hinzu, gerät die feste Welt in Bewegung. Die Position der Dauerhaftigkeit ersetzt jetzt die Erfahrung des Wandels. Den Wandel kann man in erster Ordnung beobachten. Den Halt zum Beobachten gibt die schier unerschöpfliche Sprache. Wird diese Beobachtung ihrerseits beobachtet, wird der Wandel in zweiter Ordnung zur Konstante des Vertrauens. Das Vertrauen sieht sich ge-recht-fertigt: Die Welt ist, wie sie ist: Die Erde ist eine Scheibe, (erste Ordnung), sie ist eine Kugel, (zweite Ordnung), (Piaget, Maturana).
Die Mutter sagt, das darfst du nicht, wenn das Kind fragt, warum? Das Kind sagt "ich" und "alles ist mein". Die Mutter sagt, denk an die anderen, und sie sagt auch, du sollst nicht totmachen, wenn das Kind nach der Katze oder nach dem Hund tritt. Und wieder fragt das Kind warum? Was du nicht willst, daß man dir tu, füge keinem andern zu. Das Kind horcht auf und lernt solcherart zuzustimmen. Es lernt Logik, weil es solche Sätze Begreift, im Zusammenhang
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alles nun schon Gewußten plausibel findet und selber beim Sprechen anschlußfähig zu verwenden weiß. Es kann die Schlüssigkeit mit Händen greifen: Große Bauklötze unten, kleine und immer kleinere senkrecht darüber, solche Türme haben Dauer, bis das Kind mit "ich will" dagegenschlägt und den Turm einstürzen läßt. Es schaut hoch und lacht: Ich kann das, sieh doch mal! Die Mutter sagt: Das tut man nicht.
Das Kind, unbefangen, stiehlt, im fremden Garten, auf der Straße, in der Schule. Es zeigt stolz seinen Erwerb. Die Mutter fragt, woher hast du das? Ich habe es mir genommen, es ist mein. Die Mutter sagt: Unrecht Gut gedeihet nicht. Sie schickt das Kind zum Bestohlenen mit der Aufforderung, das Gestohlene zurückzugeben. Woher weiß die Mutter das? Woher kennt sie diesen Rechtssatz, der nicht nur die gute Ordnung begründen soll, sondern auch im Lichte der Gerechtigkeitsidee (er)scheinen. Die Mutter hat ihn von ihrer Mutter gehört. Man hat auch zu ihr gesprochen, richtig gesprochen, gerecht gesprochen, Recht gesprochen. Gerechtigkeit erscheint so als tradierte Form im Medium der Muttersprache im Vaterland. Plausibilität setzt Normen.
Alles Wahre erscheint im Medium der gesprochenen Sprache: Wahrlich, ich sage euch..., und auf der anderen Seite des Wahren, im Dunkel des (noch) Nichtwissens, haust dann das Unwahre, haust im Möglichkeitsraum der Kontingenz, und morgen schon kann es auftauchen und das Wahre werden und sein, wohl aber kaum bleiben.
Welche Kraft hat Sätze wie UNRECHT GUT GEDEIHET NICHT in die überlieferte, die historische Realität getrieben? Wie viele Leute, Nichtschreibende, mußten welche Gedanken in welche Sätze fassen, mußten sie im sozialen Raum aussprechen, unerhört (!) zunächst, weil überraschend und deshalb nicht sogleich verstanden, womöglich abgelehnt sogar, bis er sich – wie war das möglich? – durchgesetzt hat, dieser felsenharte Satz: Unrecht Gut gedeihet nicht.
Es gibt also, jeder Mann und jede Frau kann es sehen, (Gerechtigkeit reflektierendes) Recht ohne Gesetze und ohne Wandel (?). Und man darf mutig vermuten, den Satz vom nicht gut gedeihenden, weil unrecht erworbenen Gut werde man in analoger Form in jeder sozialisierten sprechenden Gruppe finden. Wo nehmen solche Sätze, solche Sprichwörter, solche Liedertexte, solche Redewendungen die Kraft her zum (über)dauern? Der Laie, der als Textliebhaber schon zustimmend auf ewigen Wandel gesetzt hatte, wundert sich. Was sagen die Fachleute hierzu? Wer ist hier Fachmensch? Sind
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Sprichwörter, gerade solche mit naivem Rechtscharakter, erratische Blöcke im Strom der (Rechts)Sprache und der (Rechts)Gedanken?
Gestatten sie mir, diesen möglichen Text, den Experten unmöglich finden werden, weil er von Metaphern strotzt, (Heinz von Foerster sagt selber warnend: "Metaphern haben jedoch mit Interpretationen die Eigenschaft gemein, daß sie weder wahr noch falsch sind; sie sind lediglich entweder nützlich, nutzlos oder irreführend."), lassen sie mich also im vollen Sprachvertrauen auto-poetisch diesen Text beschließen:
Ich öffnete die Augen und / Sah Niklas Luhmann / Ich schaute in die Richtung / In die er schaute und / Auf die Formen die er beschrieb / Da glaubte ich sagen zu dürfen / Ich habe die Welt gesehen / Die Gesellschaft heißt und / Wie Gesellschaft funktioniert.
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