Blaue Blüte


Du stehst am Morgen still und staunst:
Die Orchispflanze, dieses Knabenkraut,
Der Frauenschuh hat ausgedient,
Es singt nicht mehr, das Waldvöglein,
Die Blätter hängen flügellahm und gelb.
So war es gestern noch, als du beschlossest,
Es werde ausgereutet, weil es leidet.
Das kleine Biotop schien krank; dieweil man grübelt:
Zuviel des Sonnenlichts, zu wenig? War gar
Die Wassergabe nicht angemessen dem Bedarf?
Gleichviel, die Knollen, hodengleich, sie galts
Zu bergen und geschützt in frisches Erdreich,
Humusreich, mit Bangen aber hoffnungsvoll
Zu überführen, daß – vielleicht – sie zögernd
Einen neuen Anfang wagten oder untergehn.
Gesagt, getan, es kommt die Zeit hinzu,
Der Alltag lenkt den Blick auf andre Reiche,
Bis du an einem andern Morgen stehst und staunst:
Es hat die Kraft im Kern sich durchgesetzt,
Hat wandelnd sich bewahrt das Werden und
In neuer Umwelt eigenwertig, die Form verändernd,
Form bewahrt und schaffend selber sich erschaffen
Als differente Gleichheit in der Zeit, wozu?
Sich eine blaue Blüte, dunkelblau,
Zur Selbstbekrönung zu gestalten als Zeichen
Eines strahlend ungebrochenen Lebens.


(Für Marie Theres Fögen)