Metamorphose


Der Volksmund spricht, und
Jeder gibt ihm recht:
Nichts brennt so leicht
Wie eine alte Scheune.

Vor Jahren war's, da sprach ein Arzt,
Bevor er seine Zauberspritzen setzte:
Viel besser, Freund, als alle Medizin
Ist allemal, zur Wandlung, eine neue Freundin.

Schon Goethe hat's uns doch verheißen:
Es sei das Weibliche, das himmelan
Uns ziehe, doch wobei er unerklärt gelassen,
Was es denn sei, das Weibliche.

Doch Niklas Luhmann hat gesagt,
In einen kecken Stunde, als leise lächelnd er
Die Theorie, die heiß geliebte, für's eine mal verschmähte:
Es sei ein Glück, daß keine Frau es sei: Das Weibliche.

Was immer dieses nun bedeuten mag,
Du spürst, wenn es dich zieht, das Weibliche,
Daß es die große Kraft ist, die mit Macht
Die Erde dreht und alle Blumen sprießen läßt.

Wenn so nach oben vorwärts du gezogen wirst,
Dann mußt du folgen, ohne dich zu wehren.
Wer sich nicht wehrt und einfach es geschehen läßt,
Der wird luftleicht sich, wolkengleich, erheben.

Auf einmal strahlen alle Sonnen heller,
Kein Berg erscheint zu hoch, ihn zu besteigen.
Es schärft der Blick sich: alle Einzelheiten
Der Dinge um dich her beginnen leicht zu leuchten.

Dies Licht, da kannst du sicher sein,
Kommt elfenleicht und träumend zauberhaft
Aus ungeahnten Tiefen deines Herzens.
Es ist ein paradoxes Licht und leuchtet Dur und Moll.

Der heitren Seite deines neuen Fühlens,
Der mit dem hellen Klang in C und Dur,
Der gilt's, im geilen Überschwang, vernunftbetont
Und klug besonnen, die festen Zügel anzulegen.

Damit dir die Manie nicht allzuschnell
In allzudunkle Depression dir kippen kann,
Sollst beim Verlieben du bedenken klug:
Läßt man's geschehen, geht's stets auf eigne Rechnung.

Denn die andere Seite solcher Euphorie,
(Dies Wort heißt: Schönes Scheinen),
Die andere Seite ist der Klang in G und Moll,
Dort klingen Cellotöne, warm zwar, aber dunkel.

Es ist die Dunkelheit der Zukunft, diese
Operationsfigur, vollkommen undurchschaubar,
Das zagende Bedenken, bebend, zögernd: Kontingenz,
Das Wissen eben, alles, was ist, könnte auch anders sein.

Die vorgebrachten Gründe aber sind ein Grund,
Vollkommen dankbar anzunehmen an Gefühl,
Was uns die Götter fromm bescheiden,
Weil pingelige Rechnerei sich im Verliebtsein nicht gehört.

Drum frisch geliebt, geschwärmt, voll Hoffen,
Es könnte einmal doch ein liebend Herz gedeihen,
Könnt' leuchtend brennen ohne zu vergehn, ein
Widerspruch, der tapfer allen Zweifel überwindet.

[Für Nadja Salameh]

(Rudi Sander)