Nadja


In jenem Lande, dem unendlich weiten,
Das sich selbst voller Zukunft scheint,
Dort wird eine Sprache gesprochen
Wie lachendes Weinen, wie eine weiche Musik,
Deren klingender Sinnzusammenhang
Im Westen, dem Abendland, eine Bezeichnung gebar:
MOLL, das heißt weich, anschmiegsam, vergehend,
Eine Klanggestalt, wie dem Gebete verwandt:
Moll klagt der Priester des rechten Glaubens,
Orthodoxie geheißen, Ritus des Verkündens,
Eines suchenden Sagens, wissend um den Schmerz
Eines schrecklich geprüften Gottes, der es wagte,
Auf dieser schönen schrecklichen Erde nichts
Weiter zu sein als ein Mensch, dem kaum
Mehr verheißen als einen Weg zu gehen, voller Mühe,
Und er ging ihn bis zum bitteren Ende, und
Nur einmal, als er selber, der sehende Gott,
Nicht sah die schone offene Pforte erlösenden
Aufstiegs zu endloser Ruhe, dies eine Mal
Fragte er suchend und sinnend, warum ihn
So deutlich verlassen der Vater, auf den er gebaut
Und gehofft. Diese Hoffnung, die Allumfassende,
Ist es, welche das Russische einfängt in der
Mollgleichen Wortgestalt NADJESCHDA, heißet:
Hoffnung! Wobei des Volkes leichtherzige Poesie
Diese Aussageform lieblich verkleinert zu: NADJA!

[Für Nadja Salameh]
(Rudi Sander)