Eine parallele Gesellschaft

Mein Beitrag 092: Eine parallele Gesellschaft
Liebe Liste,
Eine Soziologie jenseits der Soziologie? Was wäre die Bedingung ihrer
Möglichkeit? Sprachliche Konsistenz? Kommunikation als ein Tasten des
Sagbaren über Sagbares hinaus? Soziologie nicht als Theorie sehen,
schon gar nicht als konsistente. Soziologie als konkretes soziologisches
Beobachten: Zeigen, was man zu sehen bekommt, wenn man nichts als
hinschaut und das Gesehene beschreibt.
"Es geht nur, was geht", sagte Luhmann. Und was geht? Texteschreiber,
die HTML oder Höheres beherrschen, kreieren BLOGS. Die Blogs
laufen, gestartete Autopoiesis. Geschriebenes, in ironisch plausibler
Form, auf der Weltbühne des Web 2.0, als offenes, vollkommen
kontingentes Angebot zum - evolutiv freigegebenem - Anschließen.
Einziges Operationsgesetz der Satz des Heinz von Foerster: "Über den
Sinn eines Satzes entscheidet der Hörer", also derjenige, der Anschließt,
der Anschließer. Wo er anschließt, ob an der Information oder an der
Mitteilung (oder gar am stummen, doch durch sich somit für sich
"sprechenden" stummen beigefügten Köder-Bild), bleibt sich gleich. Das
Web 2.0 akzeptiert alles, sprachgetreu und sprachkonform, also positiven
oder negativen Anschluß, als Jafassung oder als Neinfassung.
Hauptsache, es geht weiter. Sogar Selbstbefriedigungsverbote sind
ausgehebelt. Einzige Stoppregel: Ein sich Totlaufen, Ausklingen,
Blaßwerden, Interessenminimierung. Inflationäres Aufblasen oder
semantische Deflation, Bedeutungsfettsucht oder kognitive Magersucht,
nichts gilt als pathologisch. Alles absolut Ontologiefrei, bis hin zu reiner
Virtualität. Will man unerkannt sein, bleiben oder werden, beauftragt man
HTML-eloquente Avatare. Wozu man ungeschickt ist oder keine Lust hat,
das kann man outsourcen. Für jedes Formulierungsanliegen finden sich
(gegen Geld) Vollstrecker mit mnemotechnischer Unbeirrbarkeit. Fast
alles gilt als verstanden oder verstehbar. Alles gilt als verbindlich
unverbindlich. Es gibt keine Körper, nur Bewußtsein als Kommunikation,
keine Normativität, nur vorgetäuschte Kognition. Alles Autoritätsfrei,
keine regulierenden Einsprüche, nur potentielle Abschlußfreiheit als
aktualisiertes Weitermachen. Leitunterscheidungen könnten sein neu/alt,
interessant/uninteressant.
Solches kommunikative Treiben bekommt sogar Staatspreise. Ein
Rheinland-Pfälzischer Ministerpräsident hat ihn verliehen in Mainz. Und
zwar für einen Blog, und der Preis ging an drei junge Blogger. Erzählt
würde ich es nicht glauben wollen. Als erlebt muß ich es akzeptieren und
bejahren. Ein Kommunikationsgeschehen, dass aus Virtualitäten, aus
Nichtgreifbarem, mit ein paar Klicks und Links eine soziale Wirklichkeit
hat werden lassen. Bedeutung aus Bedeutungslosigkeit. Durch alle
Soziologiemaschen hindurchfallend und dennoch sozial beschreibbar. Ein
prozessiertes Ereignis, Operativität in actu. Letztlich unpersönlich, aber -
obgleich Gesellschaftsvollzug - adressierbar: www.riesenmaschine.de.
Eine parallele Gesellschaft. Die schreibt sogar Bücher, aber auf dieses
dünne Eis gehe ich hier nicht mehr.
MfG R.S.