Erzählen als kommunikative Verknüpfung

Mein Beitrag 094: Erzählen als kommunikative Verknüpfung
Liebe Liste, lieber Herr Fuchs,
„Anything goes“ ist Unsinn, das wissen wir von Luhmann: „Es geht nur, was geht“, also nicht „alles“.
Gesellschaftliches Prozessieren (also Kommunikation) ist IMMER strukturellen Restriktionen
unterworfen: Einerseits gilt, das auch gesellschaftliche Evolution „tastet“ (Offenheit der Zukunft bei –
andererseits – gleichzeitiger „Bindung“ an bereits Geschehenes; zum Beispiel: vergangene
Entscheidungen).
Liest man irgendwo: Ob Romancier oder Historiker, beide unterliegen den Restriktionen der Fiktion,
sobald sie beginnen, zu ERZÄHLEN. [Zitat zugespitzt und NICHT wörtlich; RS.]. Ich meine, das lässt sich
doch generalisieren: Ob Tagebuchschreiber oder Autobiographen (Wahrheits‐ oder
Realitätsvermutung), ob Hobby‐ oder akademischer Historiker (faktuelle Fiktionalisierer), ob
(be)schreibende Beobachter sozialer Verhältnisse (kognitive Normativitätsfeinde), ob an empirischen
Krücken gehende Gedankengeher aus den „harten“ Bereichen von Biologie, Gehirnforschung oder
gar Physik (Teilchenphysik oder Astronomie), ALLE liefern sie sich den ihnen eigenen Mitteln
phantasiegestützter, auf an sich nichtssagende Sprache ruhender, an Konventionen gebundener
(Plausibilität und Anschlußfähigkeit ermöglichender) FIKTIONEN aus, sobald sie anfangen (nach ihrem
idiosynkratischem Beobachten) zu reden oder zu schreiben, also: sobald das ERZÄHLEN beginnt.
DESHALB, weil es sich immer um Feldschlachten in einem Bewegungskrieg freischwebender
Vermutungen handelt (was die Geschickten geschickt verbal und argumentativ zu verbergen suchen,
oder gleich Kraft des eigenen, unvermeidlichen Blinden Fleckes „übersehen“), Vermutungen, die Mut
zu neuen, entfalteten Unterscheidungen innerhalb dessen erfordern, was sich eben entfalten lässt.
Deshalb ist für alle Alles vage, unscharf, opak, revisionsfähig, eben: kontingent und
gegenbeobachtbar. Auf allen Gebieten (sozusagen im U‐ und E‐Bereich) könnte alles Beobachtete,
alles Gesagte, alles Geschriebene, kurz: alles ERZÄHLTE immer auch (zumindest etwas) anders sein.
Wer solches Denken voreilig abtun wollte als elenden alteuropäischen Relativitätsfundamentalismus
oder als unbelehrbaren Superskeptizismus, der denkt unterkomplex und denunziert, was die
Moderne unaufhaltsam durchgesetzt hat als Entfaltung des in der Zeit (wie in jeder fiktionalen
Erzählung)eben Möglichen.
Dies (sapere aude) wagt – für sich, versuchsweise, also vollkommen ungeschützt – zu denken:
Der mit freundlichen Grüßen verbleibende
Rudi Sander
www.Differenztheorie.de