Wie Remigius Bunia unterschiedt
Mein Beitrag 097: Wie Remigius Bunia unterscheidet
Liebe Liste (also an jene, die mich unbefangen noch lesen und ein wenig tolerieren),
ein Lehrer (Deutsch und Sport) aus dieser Liste hatte mich ja schon aufgefordert, zu erläutern, wie
Remigius Bunia denkt und unterscheidet und meine persönliche Auffassung zum Denken dieses von
mir ins Listenspiel gebrachten Autors zu explizieren. Ich hatte dies Ansinnen zunächst zurückgestellt,
weil mich die gesamte Lektüre selbst noch ziemlich beanspruchte. Nun hatte mich auch in einer
privaten Mail Uli Reiter gebeten, ihm „das Unterscheiden“ von Bunia zu erläutern. Dies habe ich
versucht und ihm hierzu das Nachstehende geschrieben:
Dieser hochinteressante Remigius Bunia, […] hat sich auf dem Fundament all dessen, was man ihm
in den Universitäten über Literaturtheorie und Literaturwissenschaft beigebracht hat in fester
Verbindung mit dem von ihm ausführlich rezipierten Denken des Niklas Luhmann, eine eigene
Denkwelt zum Unterscheiden (Differenzieren) geschaffen. Er träumt davon, eine universale
Differenztheorie zu entwickeln. Sein Buch „Faltungen“ ist eigentlich nur eine ausführliche und
gründliche Fingerübung auf diesem Wege.
Um Deine Frage, wie Bunia denn unterscheide und mit welchen grundlegenden Unterscheidungen,
zuerst einmal locker zu beantworten, must Du Dich ein wenig meinem Extemporieren anvertrauen:
Bunia hat natürlich im Literaturverzeichnis neben Luhmann und Spencer Brown auch Peter Fuchs
und Dirk Baecker. Er sieht die vielen Literaturtexte als eine WELT, schließt die Augen, schaut nach
Innen, artikuliert noch nicht (also noch nicht im Raum des Gedankenverkettenden Bewußtseins), dort
überläßt er sich seinen Vorstellungen (mit geschlossenen Augen hat man ja noch keine externen
Wahrnehmungen) und sagt schelmisch: es geht auch noch prä‐Spencer‐Brownisch, nämlich: man
kann da drinnen unterscheiden OHNE zu bezeichnen, (aber das ist nur eine seiner Ironien).
Er akzeptiert Spencer Brown: Also keine Unterscheidung ohne gleichzeitige Bezeichnung. Er verwirft
(wie Luhmann) die alteuropäische Unterscheidung Sein/Nichts. Er hält für möglich, dennoch nicht
sogleich mit System/Umwelt zu beginnen (obwohl er einräumt: „Es gibt Systeme“). Er sieht die
LiteraturWELT aus den vielen Worten, die dort, unterscheidend, kommunizierend ERZÄHLT werden,
und hierbei sieht er jedes einzelne Wort als eine FALTUNG. Er hat einen sich belehrenden Sprung in
die Mathematik gemacht (vor dem Buch; im Buch ist von Mathematik nicht die Rede. Zur „Faltung“
und der dazugehörigen „Glättung“ hat er sich in der Mathematik „unstete Funktionen“ angeschaut.
Um die stetig zu machen, gibt es in der Mathematik eine „Glättungsmethode“, damit werden
Unstetigkeiten bei Funktionen „ausgebügelt“.) Er sieht sich also (als gelernter Hermeneutiker) die
Worte an (nicht nur die Sätze, das kommt danach), und konstatiert: Jedes Wort ist eine Faltung.
Daraus folgt: Was gefaltet ist, kann und muß entfaltet werden. Simple Beispiele, (auf denen nicht er
herumreitet, sondern ich, um es mir selber klar zu machen): Und beim Entfalten gilt dann der
GRUNDSATZ der Differenztheorie: Was man unterscheiden kann, MUSS man unterscheiden. Meine
Beispiele: Eine Knospe (das Wort Knospe) entfaltet sich, weil sie alle „Ingredenzien“ zu ihrer
Entfaltung „in sich“ hat. Entfaltet sich GOTT (entfaltet man das Wort Gott), dann entsteht eben eine
hin Welt, also ein Universum (wie bei Spencer Brown). Und so steckt in allem Kommunizieren alles
mögliche ERZÄHLEN (bis zu Bildern und Filmen), und in allem Erzählen steckt genau so alles mögliche
KOMMUNIZIEREN. Und aus diesem basically Erzählen/Kommunizieren entfaltet sich alles Gesagte,
Gemeinte, Bedeutete, Sinnhaltige, Welthaltige, Faktische, Fiktive, Mögliche, Reale/Imaginäre, eben:
Alles WELThaltige. Soweit mein eigenes Extemporieren zum Thema Bunia.
Nun ein wenig Bunia selbst:
„Es sei also vorweg gewarnt, daß grundsätzlich ein nicht augmentiertes Beobachten undenkbar ist.“
(Seite 208).
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„Der Begriff Quasifiktionalität soll … alle Operationen bezeichnen, die eine Welt um Beobachtungen
ergänzen.“ (Seite 207).
[Allerdings ist] „in differenztheoretischer und konstruktivistischer Perspektive Quasifiktionalität
schwierig von anderen ergänzenden Konstruktionen zu trennen.“ [Beispiel Überholenwollen auf
mehrspuriger Autobahn: Blick in den Seitenspiegel = Kein Auto neben mir, also Überholen, Crash, war
also Irrtum].
„… wiederum nur plausibel ist, weil das Erzählen [wie alles beschriebene Beobachten] gleichzeitig
kommunikative Welterzeugung ist. Alles bezeichnende Unterscheiden erzeugt Welten.“ (Seite 212).
„Diegese = [auch] Beobachtung.“ (Seite 214).
[weitere Unterscheidung]: „Diegetisch/Quasifiktional“. (Seite 214).
„Die Möglichkeiten, die Trennlinie zu ziehen, sind Entfaltung der Faltung Diegese.“
„Die Faltung Fiktion besteht in der Unterscheidung Fiktion/Nicht‐Fiktion.“
„…ebenso liegt die Faltung Diegese in der Unterscheidung Diegese/Mittelbarkeit.“
„Die eine markierte Seite trägt die Bezeichnung der Faltung.“
„Um das WIE vom WAS zu unterscheiden, um den Darstellungsmodus von der Darstellung zu
unterscheiden, müssen im Medium Sinn Sortierungen vorgenommen werden.“
„Wenn Sinn die Aktualisierung potentieller Anschlüsse und die Potentialität aktueller Anschlüsse ist,
dann kann er nur effektiv analysiert werden, indem die – konkret! – aktualisierten Anschlüsse
untersucht und auf ihre Potentialität (auf ihre Kontingenz, auf die Möglichkeit anderer Anschlüsse)
hin geprüft werden. Dies geschieht, indem ein Beobachter andere Beobachter betrachtet.“
„Bei Darstellungen heißt das, daß man die Beschreibungen von Erleben als Beobachtungen und nicht
nur als Operationen beschreibt.“
„Hinter der Faltung Diegese stecken erstens die Notwendigkeit zur Beobachtung zweiter Ordnung
und zweitens [Unterscheiden, was man unterscheiden kann!; RS.] die Möglichkeit zur
Unterscheidung zwischen Beobachtung und Operation.“
„Mag die Operativität, die Diegesen verschaffen, auch die Beobachtung zweiter Ordnung
präsupponieren – effektiv gestaltet sie sich als sorgfältige, philosophische Lektüre eines Textes oder
als Kontemplation eines Gemäldes.“ (alles Seite 225).
„Darstellung ist hier aber nicht eine >Versinnlichung<, als welche Kant die Hypotypose bestimmt.
Eine Darstellung präsentiert sich selbst in dem Sinne, daß sie ist, was sie darstellt, was sie ist. Es gibt
keinen Inhalt der Darstellung und es gibt d a s Dargestellte nicht [keine Ontologie; RS.].
„Darstellung kann als Beschreibung beschrieben werden – und es gibt dann Beobachtung zweiter
Ordnung.“ (alles Seite 230).
So lieber Uli. Das wäre es von mir über Bunias Buch „Faltungen“. […]