zählen/erzählen und beobachten/beschreiben

Mein Beitrag 093: zählen/erzählen und beobachten/beschreiben
Liebe Liste,
wenn ich an den geschätzten Loet denke, denke ich ans Rechnen, an Zählen. Beobachten, also
Unterscheiden (bis hin zum beobachten von Beobachtungen bzw. unterscheiden von
Unterscheidungen) als ein in Zahlen verwandeln, in Variable, die von anderen Variablen abhängen,
das ist Loets Geschäft.
Die anderen Beobachter, die (wie Luhmann) nicht den ganzen Kalkül des Georg Spencer Brown im
Hinterkopf haben, die sich begnügen mit unterscheiden/bezeichnen, mit markieren, kreuzen,
oszillieren, kondensieren und konfirmieren, und – last but not least – mit dem unentbehrlichen reentry,
solche Beobachter (1. Und 2. Grades) müssen sich damit bescheiden zu sagen (mit Hilfe von
Unterscheidungen; explizit oder implizit), was sie beim jeweiligen Beobachten sehen. Was sie nicht
sehen, können sie nicht sagen, (aber dies wissen solche Beobachter).
Sagen, was man sieht, heißt üblicherweise beschreiben (so sprechen Wissenschaftler). Und
beschreiben heißt (im Unterschied zum rechnenden = zählenden Loet) fast synonym: ERZÄHLEN. Und
das Erzählen ist überaus interessant. Man kann offensichtlich und bekanntermaßen Fakten
beschreiben oder Fiktionen ins Auge fassen. Als Oberbegriff wird man Erzählen gelten lassen müssen,
aber wer will (und kann) wird, beobachtend, erkennen und einräumen: Erzählen ist ein entfaltbarer
Begriff, den man entfalten kann in Beschreiben (Wissenschaftler), Erzählen (Poeten) und schlichtes
Benennen oder Aussprechen (Alltagsmenschen). Solches Erzählen, als Beobachten aufgefasst, wird
im Medium der Sprache zu Kommunikation und damit zu Gesellschaft. Gesellschaft, laut Luhmann,
besteht nur aus Kommunikationen, die in schier endloser, autopoietischer Verkettung
(Konkatenation) von weiteren Kommunikationen in plausibler Form aneinander anschließen. Es
müsste erlaubt sein, zu sagen: Gesellschaft ist eine Riesenmaschine als eine Riesenerzählung, als eine
kommunikativ basierte Zusammenfassung oder Zusammenballung aller in der Gesellschaft
vorkommenden Erzählungen und Erzählweisen. Das ist ein schöner Zirkelschluss, ein Verlauf ohne
Anfang und Ende, ein Uroboros, also eine runde Sache.
Nimmt man einen neuen Anlauf, könnte man sagen: Erzählen, in jeder Form, ist operatives
Prozessieren beim Umgang mit kommunikativen Ereignissen. Durch solches Erzählen werden
kommunikative Welten (Universen) kreiert und erschlossen. Ob nun solches kommunikative Erzählen
empirigestützt FAKTEN ausprägt oder FIKTIONEN präsentiert, der kommunikative Umgang mit
solchen Darstellungsformen im Medium der Sprache schafft Denk‐ und Erlebniswelten, die für eine
Gesellschaft als sinnhafte Realität erscheinen. Eine Realität aus beobachteten und bezeichneten
Unterscheidungen, die in der Gesellschaft einen Unterschied machen, der einen Unterschied macht,
der wiederum beobachtbar und damit erzählbar bleibt.
Nun befassen sich ja Literaturwissenschaft und Literaturtheorie ebenfalls, aus anderer Blickrichtung
und mit eigener Terminologie, mit dem Erzählen (faktual oder fiktual). Verfolgt man deren Texte
(wobei man erkennt, als Beobachter, das diese Disziplinen Texte beobachten), dann ist man bald
(doppelt) verblüfft: Man muß lange Umwege mitgehen (was Geduld erfordert), aber schlussendlich
landet man, aufatmend, bei einer Verständnistheorie, die wie eine Spiegelung der Luhmannschen
Kommunikationstheorie sich zeigt. Auch eine Differenztheorie der Literatur kennt das
Zusammenspiel von Information, Mitteilung und Verstehen. Ihr Weg dahin geht etwa so:
Namen möchte ich zwar vermeiden, weil sie, wie Moral, polemogen sind, aber mit Dietrich Schwanitz
darf ich unbefangen beginnen. Er fasst so schön zusammen und bringt auf eine analoge Formelform,
was einerseits den Systemtheoretikern vertraut ist, und was sich andererseits
Literaturwissenschaftler (mühsam) erarbeitet haben. Schwanitz sagt: Das Erzählte (E), zum Beispiel
ein Roman, ist die Einheit der Differenz von Erzähltem (Ez) und Erzählen (En). Das kann man so
anschreiben: E = Ez/En. Bielefelder sehen sofort, das hat die gleiche Figur wie das ihnen Vertraute: S
= S/U; lies: Das System ist die Einheit der Differenz von System und Umwelt. Schwanitz fügt
(sinngemäß) hinzu: Damit wird das Zeitproblem operabel, und zwar für die Gesellschaftstheorie
durch die erste „Formel“ (eine Ungleichung) nach Luhmann, und für die Literaturtheorie durch die
zweite Ungleichung [Dietrich Schwanitz „Zeit und Geschichte im Roman“ in: „Theorie als Passion“,
Seite 191].
Den Weg (einen Weg), den Literaturwissenschaftler hin zur zweiten „Formel“ gegangen sind, jetzt
hier zu explizieren, verbietet sich (wegen der Länge der Argumentationstexte). Ich verkürze scharf:
Das Erzählen eine Darstellung sein muß: Also die Beschreibung von Erleben.
Erzählen ist eine Darstellung, bei der zwischen Histoire und Récit unterschieden werden kann.
Erzählungen lassen zwei Zeiten unterscheiden: Chronos und Kairos.
Darstellung rückt von sich aus die Unterscheidung von Wie? und Was? In den Blick. Hierbei entspricht
das Was der Information und das Wie der Mitteilung.
Der Leser/Hörer der Erzählung erkennt die Differenz Was/Wie und „Versteht“, indem er nämlich die
besondere Information des Was aus dem sich mitteilenden Wie „herausschält“.
Quod erat demonstrandum.
MfG R.S.