Spiegel Online 30.April 2006


Betr.: "Sehnsucht nach dem Masterplan"; SPIEGEL-Online von 30. April 2006
Sehr geehrte Damen & Herren!
 
Bravo, immer mehr wird einem alten SPIEGEL-Leser klar: Mit Franz Walter haben Sie sich einen wasserklaren Denker und Argumentierer "an Land gezogen". Seine stilistische Stringenz, seine argumentative Plausibilität und die pragmatische Anschlussfähigkeit seiner punktgenauen Analysen machen die Lektüre seiner spontanen Diagnosen der medial gefilterten politischen Realität zu einem satten Gewinn.
 
Franz Walter hat völlig recht: In der modernen funktional differenzierten Gesellschaft ist das autonome System der Politik eben nicht mehr die Spitze der Gesellschaft. Das politische System ist neben Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Massenmedien, Kunst, Religion, Philosophie, Sport, Technik und Intimität eben tatsächlich nichts weiter als ein System unter vielen anderen. Jedes System hat seinen eigenen funktionalen Handlungscode. Was in der Wirtschaft Zahlen/Nichtzahlen ist, im Rechtssystem Recht/Unrecht und in der Wissenschaft wahr/falsch (neben Reputation/Unbedeutung) usw.., das ist nun einmal im Politiksystem die Unterscheidung Regierung/Opposition oder anders: Macht(auf Zeit)/Ohnmacht (mit Machtaspiranz bei der nächsten Wahl). Jedes Funktionssystem erbringt Leistungen für die anderen Systeme, jedes Funktionssystem hat seine ureigensten Reflexionsprogramme und keines der Systeme hat im "Ganzen" (das es als Einheit nicht mehr gibt) die Führung. Die moderne Gesellschaft ist keine Hierarchie mehr, sie wirkt, strukturell gekoppelt, als ein heterarchisches Geschehen, das den vom einzelnen Standpunkt aus unbeeinflußbaren Gesetzen der gesellschaftlichen Evolution folgt und folgen muss. Eine solche Sachlage frustriert den Einzelnen und überfordert den Wähler: Pech für alle Simplizisten. Die hochkomplexe Gesamtsituation lässt eine andere Lösung offensichtlich nicht mehr zu, vor allem aber keine andere adäquate Beobachtungsweise. Der Wähler als Bürger, angesiedelt in der Umwelt aller Gesellschaftssysteme, dieser vereinzelte Mensch als psychisches System, ob klug oder borniert, er hat seine Meinung, er darf sie bei jeder Wahl auch kundtun, er kann denken (aber - leider - nicht kommunizieren); die Gesellschaft in Ihren Funktionssystemen aber,  diese Gesellschaft kommuniziert, und der Preis für's moderne Funktionieren ist: Die kommunizierende Gesellschaft kann nicht denken. Hieraus resultiert die Misere der Moderne. Aber ins heile und Heilige Mittelalter will doch wohl niemand mehr zurück, oder?
 
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr
 
Rudi Sander
Wiedbachstraße 11
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